Anschwellender
Bocksgesang
Essay
von Botho Strauss
Jemand, der vor der freien Gesellschaft, vor dem Grossen und Ganzen,
Scheu empfindet, nicht weil er sie
heimlich verabscheute, sondern im Gegenteil, weil er eine zu große
Bewunderung für die ungeheuer
komplizierten Abläufe und Passungen, für den grandiosen und
empfindlichen Organismus des Miteinander hegt,
den nicht der universellste Künstler, nicht der begnadetste Herrscher
annähernd erfinden oder dirigieren könnte.
Jemand, der beinahe fassungslos vor Respekt mitansieht, wie die Menschen
bei all ihrer Schlechtigkeit au fond
so schwerelos aneinander vorbeikommen, und das ist so gut wie:
miteinander umgehen können. Der in ihren
Geschäften und Bewegungen überall die Balance, die Tanzbereitschaft,
das Spiel, die listige Verstellung, die
artistische Manier bemerkt - ja, dies Miteinander muß jedem Außenstehenden,
wenn er nicht von einer
politischen Krankheit befallen ist, weit eher als ein unfaßliches
Kunststück erscheinen denn als ein Brodelkessel,
als eine "Hölle der anderen"...
Mitunter aber will es ihm scheinen, als hörte er jetzt ein letztes
knisterndes Sich-Fügen, als sähe er gerade noch
die Letzten, denen die Flucht in ein Heim gelang, vernähme ein leises
Einschnappen, wie ein Schloß, ins
Gleichgewicht. Danach: nur noch das Reissen von Strängen, gegebenen Händen,
Nerven, Kontrakten, Netzen
und Träumen.
Welche Transformierbarkeit besitzt das Unsere, das Angerichtete noch?
Allem Anschein nach keine mehr. Wir
sind in die Beständigkeit des sich selbst korrigierenden Systems
eingelaufen. Ob das noch Demokratie ist oder
schon Demokratismus: ein kybernetisches Modell, ein wissenschaftlicher
Diskurs, ein politisch-technischer
Selbstüberwachungsverein, bleibe dahingestellt. Sicher ist, dieses
Gebilde braucht immer wieder wie ein
physischer Organismus den inneren und äußeren Druck von Gefahren,
Risiken, sogar eine Periode von
ernsthafter Schwächung, um seine Kräfte neu zu sammeln, die dazu
tendieren, sich an tausenderlei Sekundäres
zu verlieren. Es ist bislang konkurrenzlos, weder Totalitarismus noch
Theokratie brächten etwas Besseres zum
Wohl der größtmöglichen Zahl zustande als dieses System der
abgezweckten Freiheiten.
Natürlich gilt das nur solange, wie wir davon überzeugt sind, daß
allein der ökonomische Erfolg die Massen
formt, bindet und erhellt. Nach Lage der Dinge dämmert es manchem
inzwischen, daß Gesellschaften, bei denen
der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer
geregelten, glaubensgestützten
Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder gar
Überlegenheit zeigen werden.
Wenn wir Reichen nur um minimale Prozente an Reichtum verlieren, so
zeitigt das in unserem reizbaren,
nervösen Gefüge nicht nur innenpolitische Folgen, sondern vor allem
abrupte Folgen der politischen
Innerlichkeit, den impulsiven Ausbruch von Unduldsamkeit und Aggression.
Wir warnen etwas zu selbstgefällig vor den nationalistischen Strömungen
in den osteuropäischen und
mittelasiatischen Neu-Staaten. Das jemand in Tadschikistan es als
politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu
erhalten, wie wir unsere Gewässer, das verstehen wir nicht mehr. Das ein
Volk sein Sittengesetz gegen andere
behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen
wir nicht mehr und halten es in unserer
liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.
Es ziehen aber Konflikte herauf, die sich nicht mehr ökonomisch
befrieden lassen; bei denen es eine nachteilige
Rolle spielen könnte, daß der reiche Westeuropäer sozusagen auch
sittlich über seine Verhältnisse gelebt hat, da
hier das 'Machbare' am wenigsten an eine Grenze stieß. Es ist gleichgültig,
wie wir es bewerten, es wird schwer
zu bekämpfen sein: das die alten Dinge nicht einfach überlebt und tot
sind, daß der Mensch, der einzelne wie der
Volkszugehörige, nicht einfach nur von heute ist. Zwischen den Kräften
des Hergebrachten und denen des
ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg
geben.
Wir kämpfen nur nach innen um das Unsere. Wir werden nicht zum Kampf
herausgefordert durch feindliche
Eroberer. Wir werden herausgefordert, uns Heerscharen von Vertriebenen
und heimatlos Gewordenen
gegenüber mitleidvoll und hilfsbereit zu verhalten, wir sind per Gesetz
zur Güte verpflichtet. Um dieses Gebot bis
in die Seele der Menschen (nicht nur der Wähler und Wählerinnen) zu
versenken, bedürfte es nachgerade einer
Rechristianisierung unseres modernen egoistischen Heidentums. Da die
Geschichte nicht aufgehört hat, ihre
tragischen Dispositionen zu treffen, kann niemand voraussehen, ob unsere
Gewaltlosigkeit den Krieg nicht bloß
auf unsere Kinder verschleppt.
Die Hypokrisie der öffentlichen Moral, die jederzeit tolerierte (wo
nicht betrieb): die Verhöhnung des Eros, die
Verhöhnung des Soldaten, die Verhöhnung von Kirche, Tradition und
Autorität, sie darf sich nicht wundern,
wenn ihre Worte in der Not kein Gewicht mehr haben. Aber in wessen Hand,
in wessen Mund die Macht und
das Sagen, die Schlimmeres von uns abwenden?
Es scheint undenkbar, daß jemand in den Verhältnissen, in denen er
lebt, die letzte und beste Erfüllung des
gesellschaftlich möglichen Zusammenlebens erfährt. Wer vermöchte schon
der Apologie der Schwebe, des
Gerade-eben-Noch einen glaubwürdigen Ausdruck zu verleihen?
Von ihrem Ursprung (in Hitler) an hat sich die deutsche
Nachkriegs-Intelligenz darauf versteift, daß man sich nur
der Schlechtigkeit der herrschenden Verhältnisse bewußt sein kann; sie
hat uns sogar zu den fragwürdigsten
Alternativen zu überreden gesucht und das radikal Gute und Andere in
Form einer profanen Eschatologie
angeboten. Diese ist mittlerweile so sturzartig in sich zusammengebrochen
wie gewisse Sektenversprechen vom
nahen Weltenende.
Der Liberale erscheint nicht mehr liberal durch sich selbst, sondern mehr
und mehr als entschiedener, sich immer
liberaler rüstender Gegner des Antiliberalismus: Er gilt für liberal,
er hat sich als solcher Geltung verschafft, er ist
- in seinem öffentlichen Amt - geltungssüchtig und wird folglich immer
rücksichtsloser liberal. Er ist ein ständig
sich proklamierender, innerlich hochreizbarer, höchst benachbarter
Widersprecher des Antiliberalen.
Zuweilen sollte man prüfen, was an der eigenen Toleranz echt und selbständig
ist und was sich davon dem
verklemmten deutschen Selbsthaß verdankt, der die Fremden willkommen heißt,
damit hier, in seinem verhaßten
Vaterland, sich die Verhältnisse endlich zu jener berühmten
("faschistoiden") Kenntlichkeit entpuppen, wie es
einst (und heimlich wohl bleibend) in der Verbrecher-Dialektik des linken
Terrors hieß.
Intellektuelle sind freundlich zum Fremden, nicht um des Fremden willen,
sondern weil sie grimmig sind gegen
das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört - wo solche Gemütsverkehrung
ruchbar wird, und in Latenz
geschieht dies vielerorts, scheint sie geradezu bereit und begierig,
einzurasten mit einer rechten Perversion, der
brutalen Affirmation.
Selbstverständlich muß man grimmig sein dürfen gegen den
"Typus" des Deutschen als Repräsentanten der
Bevölkerungsmehrheit. Die Würde der bettelnden Zigeunerin sehe ich auf
den ersten Blick. Nach der Würde -
ach, Leihfloskel vom Fürstenhof! - meines deformierten, vergnügungslärmigen
Landsmannes in der Gesamtheit
seiner Anspruchsunverschämtheit muß ich lange, wenn nicht vergeblich
suchen. Wie sähe, denke ich oft, mein
protziger Nächster aus, wenn ihn der jähe Schmerz oder Kummer träfe ?
Vielleicht träte zum Vorschein dann
seine Würde. Man muß sie doch wenigstens einmal gesehen haben, bevor
man sie ins gesetzliche
Glaubensbekenntnis aufnimmt.
Die meisten Überzeugungsträger, die sich heute vernehmen lassen,
scheinen ihren Nächsten überhaupt nur als
den grell ausgeleuchteten Nachbarn in einer gemeinsamen Talkshow zu
kennen. Sie haben offenbar das sinnliche
Gespür - und das ist oft auch: ein sinnliches Widerstreben und Entsetzen
- für die Fremdheit jedes anderen, auch
der eigenen Landsleute, verloren.
Seltsam, wie man sich "links" nennen kann, da links von alters
her als Synonym für das Fehlgehende gilt. Man
heftet sich also ein Zeichen des Verhexten und Verkehrten an, weil man,
voller Aufklärungshochmut, seine
Politik auf den Beweis der Machtlosigkeit von magischen
Ordnungsvorstellungen begründet.
Rechts zu sein, nicht aus billiger Überzeugung, aus gemeinen Absichten,
sondern von ganzem Wesen, das ist, die
Übermacht einer Erinnerung zu erleben, die den Menschen ergreift,
weniger den Staatsbürger, die ihn
vereinsamt und erschüttert inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse,
in denen er sein gewöhnliches
Leben führt. Diese Durchdrungenheit bedarf nicht der abscheulichen und lächerlichen
Maskerade einer
hündischen Nachahmung, des Griffs in den Secondhandshop der
Unheilsgeschichte.
Es handelt sich um einen anderen Akt der Auflehnung: gegen die
Totalherrschaft der Gegenwart, die dem
Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, von
geschichtlichem Gewordensein, von
mythischer Zeit rauben und ausmerzen will. Anders als die linke,
Heilsgeschichte parodierende Phantasie malt
sich die rechte kein künftiges Weltreich aus, bedarf keiner Utopie,
sondern sucht den Wiederanschluß an die
lange Zeit, die unbewegte, ist ihrem Wesen nach Tiefenerinnerung und
insofern eine religiöse oder
protopolitische Initiation. Sie ist immer und existentiell eine Phantasie
des Verlustes und nicht der (irdischen)
Verheißung. Eine Phantasie also des Dichters, von Homer bis Hölderlin.
Der Rechte in solchem Sinn ist vom Neonazi so weit entfernt wie der Fußballfreund
vom Hooligan, ja mehr
noch: Der Zerstörer innerhalb seiner Interessensphäre wird ihm zum ärgsten,
erbittertsten Feind. (Freilich:
Dürfen von uns verwahrloste Kinder zu unseren Feinden werden?)
Der Rechte - in der Richte: ein Außenseiter. Das, was ihn zutiefst von
der problematischen Welt trennt, ist ihr
Mangel an Passion, ihre frevelhafte Selbstbezogenheit, ihre ebenso lächerliche
wie widerwärtige
Vergesellschaftung des Leidens und des Glückens.
Es mag in Osteuropa geschehen, was will, bei uns ist links nach wie vor
dort, wo sich die kulturelle Mehrheit
befindet. Ohne großen Unterschied ist es die öffentliche Intelligenz,
sind es die gewitzten und zerknirschten
Gewissenswächter, die ihren aufrechten Gang im wesentlichen nutzen, um
zum nächsten Mikrofon oder Podium
zu schreiten, und die gegenwärtig allesamt sich der erbitterten
Anstrengung unterziehen, mit rationalen Mitteln
eine Beschwörung zu betreiben, als erstrebten sie, wenigstens für sich
und ihre Rede, gerade jene magische und
sakrale Autorität, die sie als aufrechte Wächter aufs schärfste bekämpfen.
Die Modernität wird nicht mit ihren sanften postmodernen Ausläufern
beendet, sondern abbrechen mit einem
Kulturschock. Der Kulturschock, der nicht die Wilden trifft, sondern die
verwüstet Vergeßlichen.
Das jetzt vernehmbare Rumoren, die negative Sensibilität der feindlichen
Reaktionen, die sofort Tollheiten des
Hasses werden, sind seismische Vorzeichen, Antizipationen einer größeren
Bedrängnis, die sich durch jene
ankündigt, die sie am ärgsten spüren werden. Das "Deutsche",
das sie meinen, ist nur ein Codewort, darin
verschlüsselt: die weltgeschichtliche Turbulenz, der sphärische Druck
von Machtlosigkeit, die
parricide-antiparricide Aufwallung in der zweiten Generation,
Tabuverletzung und Emanzipation in später
Abfolge und unter umgekehrtem Vorzeichen, die Verunsicherung und
Verschlechterung der näheren
Lebensumstände, die Heraufkunft der "teuren Zeit" im Sinne des
Bibelworts; es ist der Terror des Vorgefühls.
Nach Dezennien der kulturellen Gesamtveranstaltung Jugendlichkeit findet
man nun vor eine ziemlich aufgezehrte
Substanz von Jugend, die letzte Progenitur der Nachkriegszeit, deren Überlieferungs-
und Stimmungsgeschichte
eine der Negationen und des Vaterhasses ist, häßliche Frucht aus der
Vereinigung eines verordneten mit einem
libertären bis psychopathischen Antifaschismus.
Die Gesellschaft ist schuld ! Die Erziehung hat versagt ! Hört man sie
ungerührt rufen im alten Stil, die
Moderatoren. Wie blind und hilflos erscheinen jetzt die kritisch Aufgeklärten,
die keinen Sinn für Verhängnis
besitzen, die die dynamische Verkettung von Emanzipationen im
Generationenwechsel so lange begrüßten, und
jede aufständische, revolutionäre Potenz, bis sie, wie jetzt, ihren
nackten, neutralen Kern entblößt: den brutalen
Haß.
Die Schamverletzungen, die die anarchofidele Erst-Jugend um 1968 herum
beging, sind nun von rechts beerbt
worden. Die neuen Jugendlichen tun zunächst nichts anderes als die ihr
vorausgegangene Generation - sich
großtun, Initiation betreiben durch Tabuzertrümmerung.
Die Verbrechen der Nazis sind jedoch so gewaltig, daß sie nicht durch
moralische Scham oder andere
bürgerliche Empfindungen zu kompensieren sind. Sie stellen den Deutschen
in die Erschütterung und belassen
ihn dort, unter dem tremendum; ganz gleich, wohin er sein Zittern und
Zetern wenden mag, eine über das
Menschenmaß hinausgehende Schuld wird nicht von ein, zwei Generationen
einfach "abgearbeitet". Es handelt
sich um ein Verhängnis in einer sakralen Dimension des Worts und nicht
einfach um ein Tabu, das denen, die
zum Schutz bestimmter zwischenmenschlicher Verkehrsformen oder der
Intimsphäre dienen, vergleichbar wäre.
Daher handelt es sich auch bei den Schändungen, die Neonazis jetzt
begehen, im besonderen ihren
antisemitischen Ausschreitungen, keineswegs um militante Akte der
Gegenaufklärung. Diese, im strengen Sinn,
wird immer die oberste Hüterin des Unbefragbaren, des Tabus und der
Scheu sein, deren Verletzung den
Strategen der kritischen Entlarvung lange Zeit Programm war. Traurig
macht es, daß man dies alles weiß und
altes Weistum abweisbar ist.
Im Banne des Vorgefühls. Man stelle sich vor eine Physik kleiner und
kleinster Dämonen, immaterielle
Unheilsbetreiber, dann flögen jetzt überall Schwärme von
Amplifikatoren, Akzeleratoren, Präzipitatoren
(Elemente einer sich überstürzenden Entwicklung) herum. Etwa wenn der
Moderator mit bleicher Entrüstung
mitteilt, Deutschland drohe (wegen der Asylrechtsänderung) zum größten
Deportationsland Europas zu werden.
Wenn das keine Begriffsschändung ist...
Überhaupt ist pikant, wie gierig der Mainstream das rechtsradikale
Rinnsal stetig zu vergrößern sucht, das
Verpönte immer wieder und noch einmal verpönt, nur um offenbar immer
neues Wasser in die Rinne zu leiten,
denn man will's ja schwellen sehen, die Aufregung soll sich ja lohnen.
Das vom Mainstream Mißbilligte wird von
diesem großgezogen, aufgepäppelt, bisweilen sogar eingekauft und
ausgehalten. Das mediale Pokerface und die
verzerrte Visage des Fremdenhassers bilden den politischen Januskopf -
denn alles im Politischen läßt sich
seitenverkehrt in einem Kopf vereinen.
Unvereinbarkeit besteht heute im Grunde nur noch zwischen dem Reich, das
die politisch- gesellschaftliche
Hegemonie über Geist, Moral, Wissenschaft und Glaube erstrebt, und, auf
der anderen Seite, der entschiedenen
Bestreitung solcher Hegemonialansprüche. Es gibt gewissermaßen ein
politisches Externum zur Bekämpfung und
Leugnung der Allmachtsansprüche des Politischen. Eine geistige Reserve,
die im Namen der Weisheit der
Völker, im Namen Shakespeares, im Namen der Rangabwertung von
Weltlichkeit, im Namen der
Verbesserung der menschlichen Leidenskraft gegen die politischen
Relativierungen von Existenz ficht.
Von der Gestalt der künftigen Tragödie wissen wir nichts. Wir hören
nur den lauter werdenden Mysterienlärm,
den Bocksgesang in der Tiefe unseres Handelns. Die Opfergesänge, die im
Inneren des Angerichteten
schwellen. Die Tragödie gab ein Maß zum Erfahren des Unheils wie auch
dazu, es ertragen zu lernen. Sie schloß
die Möglichkeit aus, es zu leugnen, es zu politisieren oder
gesellschaftlich zu entsorgen. Denn es ist Unheil wie eh
und je; die es trifft, haben nur die Arten gewechselt, es wahrzunehmen,
es anzunehmen, es zu nennen mit
abgetönten Namen.
Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind "gefallene"
Kultleidenschaften, die ursprünglich einen sakralen,
ordnungsstiftenden Sinn hatten.
In "Das Heilige und die Gewalt" schreibt Rene Girard:
"Der Ritus ist die Wiederholung eines ersten spontanen Lynchmordes,
in dessen Folge in der
Gemeinschaft wieder Ordnung herrschte . . .".
Der Fremde, der Vorüberziehende wird ergriffen und gesteinigt, wenn die
Stadt in Aufruhr ist. Der Sündenbock
als Opfer der Gründungsgewalt ist jedoch niemals lediglich ein Objekt
des Hasses, sondern ebenso ein
Geschöpf der Verehrung: Er sammelt den einmütigen Haß aller in sich
auf, um die Gemeinschaft davon zu
befreien. Er ist ein metabolisches Gefäß.
Anderswo übernimmt diese Dynamik des Heils der Stammesherrscher, der König:
Er inkorporiert die Macht
der Finsternis, zieht alles Übel auf sich, um es dann in Stabilität und
Fruchtbarkeit zu wandeln. Der Herrscher
übernimmt die Funktion des kultischen Opfers. (Entsprechend hätte etwa
der linke Terrorismus seine Rolle im
play of kingship gespielt, da er seinen Haß ausschließlich gegen die
Herrschenden richtete und sein Opfer aus
ihren Reihen wählte. Er hat damit nicht für größere Unordnung in der
Volksgemeinschaft, sondern im Gegenteil
für die beinahe einmütige Bekräftigung der bestehenden Ordnung
gesorgt. Bei der rechten Gewalt, die vom
"feigen Mord" mit elektronischer Fernsteuerung zurückgeht zum
Lynchmord, der Zerreißung unter dem
Lärmgott, besteht die Gefahr, daß sie nicht einmal die negative Einmütigkeit
stiftet in der Ablehnung der Greuel
und daß aus dem Weh kein Wohl entspringt. Wir fürchten es, wir wollen
es mit aller verbliebenen Macht
verhindern und haben doch kein sicheres Mittel zur Abwehr, wenn in unsere
abstrakte Welt Bromios, der laute
Schrecken, einschlägt und das angeblich so wirklichkeitsbezwingende Gefüge
von Simulacren und Simulatoren
von einem Tag zum anderen ins Wanken gerät. Die Wirklichkeit blutet
wirklich jetzt.)
Der Kulturpessimist hält Zerstörung für unvermeidlich. Der Rechte
hofft hingegen auf einen tiefgreifenden, unter
den Gefahren geborenen Wechsel der Mentalität, auf die endgültige
Verabschiedung eines nun hundertjährigen
"devotionsfeindlichen Kulturbegriffs" (Hugo Ball), der im
Gefolge Nietzsches unseren geistigen Lebensraum
mit unzähligen Spöttern, Atheisten und frivolen Insurgenten übervölkert
und eine eigene bigotte Frömmigkeit des
Politischen, des Kritischen und All-Bestreitbaren geschaffen hat. Das es
so nicht weitergehen kann, haben zuerst
die Ökologen eindrucksvoll herausgerufen und es mit einigem Erfolg uns
ins Bewußtsein geschärft. Das
Limit-Diktum ließe sich übersetzen ins Politische, Sittliche und gewiß
auch Sozialökonomische. Die Grenzen der
Freiheit und der Erlaubnis scheinen im Angerichteten deutlich
hervorzutreten.
Wir haben unser Bestes zur Stärkung des Systems und zum Ausgleich der Kräfte
gegeben. Setzt dieses aus
oder wird empfindlich gestört, so stehen wir selbst ohne eigene Stärke
da. Weder der einzelne noch die Menge
unterhalten die geringste Verbindung zu Prinzipien der Entbehrung und des
Dienstes oder zu anderen
sogenannten preußischen Tugenden, die sich ein Hitler noch nutzbar
machte. Eher würde diese Republik mit
einem Wimmern enden (und hinter einer ähnlichen, scheinbaren
verschwinden) als mit dem großen Knall, der
Resurrektion des Führers. Es wird vermutlich so sein, daß die
niedergehende Gesellschaft, ohne ihr System
aufzugeben, in die Hände einer systemkonform arbeitenden
Schattengesellschaft fällt. Daß hinter den schwachen
Drahtziehern dann stärkere Drahtzieher auftauchen und diese in ihre Züge
nehmen.
Wenn man bedenkt, wie schnell der Feuerball der Narreteien wächst und
sich dem kleinen Planeten des Geistes
nähert. Vielleicht morgen schon hat er uns alle ausgebrannt, und nur das
Mundwerk läuft weiter munter vor sich
hin, wir merken's nicht einmal mehr, jeder bereits ein
Unterhaltungsschreck, ein Gespenst des Infotainments.
Vielleicht rast er aber auch an uns vorbei.
Der Abgesonderte war immer und ständig von den Gewalten des Blödsinns,
die in seiner Zeit entfesselt waren,
umgeben und bedrängt. Heute sind die Kräfte nur appellativer geworden,
es schallt aus allen Ecken - doch gibt
es noch genügend schallfreie. Die ganze Veränderung liegt im Grunde
darin, daß die Werbung, mit der das
Unwesentliche für sich zu interessieren sucht, so bedeutende
Fortschritte an Raffinement und Plazierung gemacht
hat.
Der Außenseiter-Heros wird aber heute und künftig andere Züge tragen
als der verdiente poete maudit oder
libertäre Rebell, schon deshalb, weil es erstens keine Bürger-Philister
mehr gibt, die man erschrecken könnte,
und weil zweitens dem Medienbürger jeder nur erdenkliche Schrecken zu
seiner Unterhaltung dient. Das
Verbotene kann man suchen wie das Magische - schwer zu finden dort, wo
man es bereits einmal fand.
Immer wieder die (armselige) Hoffnung, daß die Strömung einen grossen
Bogen nehme und die erstickende,
satte Konvention des intellektuellen Protestantismus (das einzige
geistige Originalerzeugnis der Bundesrepublik)
hinter sich lasse. Daß ein Satz, den angeblich Max Frisch zu einem
Kollegen gesagt hat - "Werde im Alter
nicht weise, sondern bleibe zornig" -, als der Gemeinplatz
kritischer Bequemlichkeit erkannt wird, der er in
Wahrheit ist. Was muß ein Mensch auf sich nehmen, um weise zu werden!
Was darf er alles außer Acht lassen,
um seinen Zorn zu konservieren!
Der Leitbild-Wechsel, der längst fällig wäre, wird niemals
stattfinden. Zum Sturz des faulen Befreiungszaubers,
des subversiven Gemütskitsches wird es nicht kommen. Das alles geht über
in eine endlose Prolongation durch
technische Wiederaufbereitung.
Dabei: so viele wunderbare Dichter, die noch zu lesen sind - so viel
Stoff und Vorbildlichkeit für einen jungen
Menschen, um ein Einzelgänger zu werden. Man muß nur wählen können;
das einzige, was man braucht, ist der
Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream. Ich bin davon überzeugt,
daß die magischen Orte der
Absonderung, daß ein versprengtes Häuflein von inspirierten
Nichteinverstandenen für den Erhalt des
allgemeinen Verständigungssystems unerläßlich ist. Nicht zuletzt
deshalb steht man jetzt vor einer gigantischen
Masse an Indifferenz unter den Jugendlichen, weil die politisierte
Gesellschaft sich ausschließlich mit
korporierten Minderheiten beschäftigt hat und keinerlei Prägemuster für
den Einzelgänger zur Verfügung stellte.
Diejenigen, die zu meiner Zeit das Zeug zum Außenseiter besaßen, fanden
sich schnell zusammen im gerichteten
Strom, auch wenn dieser von einer "anderen Akzeptanz" getragen
wurde, als sie die Mehrheit der Normalbürger
aufbrachte. Dann war es eben der kollektive Befindlichkeitsstrom der
Rock- oder Underground-Szene, des
politischen Anarchismus etc. Heute benutzen Majorität und Minderheit,
gleich welcher Sparte, durchweg
dasselbe konforme Vokabular der Empörungen und Bedürfnisse.
Dem gegenüber werden sich strengere Formen der Abweichung und der
Unterbrechung als nötig erweisen; man
wird sich daran erinnern, daß in verschwätzten Zeiten, in Zeiten der
sprachlichen Machtlosigkeit, die Sprache
neuer Schutzzonen bedarf; und wär's allein im Garten der Befreundeten,
wo noch etwas Überlieferbares
gedeiht, hortus conclusus, der nur wenigen zugänglich ist und aus dem
nichts herausdringt, was für die Masse
von Wert wäre. Tolerante Mißachtung der Mehrheit. Es ist völlig
gleichgültig, was in Dutzenden Kanälen
ausgestrahlt wird, wenn einmal die Stränge der Vermittlung gekappt sind.
Es bedarf keiner Beschwerde, keiner
Klage mehr.
Sie treten den Gedanken breit, den wir nur eben vorbeihuschen ließen,
sie machen zum Schema und füllen die
Sendezeit mit Fragen, die sie sich niemals selber stellten, die
Kommentatoren, die Debattanten, die Infotainer.
Sie nehmen sogar Rätsel und Hieroglyphe auf in ihre seichte, nach allen
Seiten hin durchschaubare Sprache, die
Vermittler, die Weltmoderatmacher. Die Schande der modernen Welt ist
nicht die Fülle ihrer Tragödien, darin
unterscheidet sie sich kaum von früheren Welten, sondern allein das
unerhörte Moderieren, das unmenschliche
Abmäßigen der Tragödien in der Vermittlung.
Aber die Sinne lassen sich nur betäuben, nicht abtöten. Irgendwann wird
es zu einem gewaltigen Ausbruch
gegen den Sinnenbetrug kommen. Wenn man nur nicht mehr von
"Medien" spräche, sondern von einem
elektronischen Schaugewerbe, das seinem Publikum die Welt in dem äußersten
Illusionismus, der überhaupt
möglich ist, vorführte. Aber eines Tages geschähe es eben, über
Nacht, wie in einer universellen Mutation, daß
die Seher allesamt des Sinnenglaubens verlustig gingen vor dem
Fernsehschirm, und dort würden noch
fortgesetzt die seriösesten Anstrengungen unternommen, um das Publikum
wieder einzufangen, es erneut zu
illusionieren, einzupegeln auf die moderierten Frequenzen. Doch sie
werden nicht mehr empfangen. Das
Weltschaugewerbe wirkt auf einmal wie ein verstaubter Zirkus, hat auf
einen Schlag alle suggestive,
realitätszersplitternde Macht verloren. Die in den Kästen werben und
werben noch, geradezu mit
todesängstlicher Anstrengung - doch das Publikum lächelt unerbittlich
und milde zugleich: es glaubt einen
anderen Glauben.
Die Intelligenz der Massen hat ihren Sättigungsgrad erreicht.
Unwahrscheinlich, daß sie noch weiter fortschreitet,
sich transzendiert und 10 Millionen RTL-Zuschauer zu Heideggerianern würden.
Hellesein ist die Borniertheit
unserer Tage. Die High-Touch-Intelligenz, alle immer miteinander in Tuchfühlung,
unterscheidet nicht mehr
zwischen Fußvolk und Anführern. Was einmal die dumpfe Masse war, ist
heute die dumpfe aufgeklärte Masse.
Ich sehe zwischen einem Schau-Gespräch und einem Schau-Prozeß nur
graduelle Unterschiede in der
Vorführung von Denunzierten. Wer sich bei einer privaten Unterhaltung
von Millionen Unbeteiligter begaffen
läßt, verletzt die Würde und das Wunder des Zwiegesprächs, der Rede
von Angesicht zu Angesicht und sollte
mit einem lebenslangen Entzug der Intimsphäre bestraft werden. Das
Regime der telekratischen Öffentlichkeit ist
die unblutigste Gewaltherrschaft und zugleich der umfassendste
Totalitarismus der Geschichte. Es braucht keine
Köpfe rollen zu lassen, es macht sie überflüssig. Es kennt keine
Untertanen und keine Feinde. Es kennt nur
Mitwirkende, Systemkonforme. Folglich merkt niemand mehr, daß die Macht
des Einverständnisses ihn
mißbraucht, ausbeutet, bis zur Menschenunkenntlichkeit verstümmelt.
Es herrscht der Drill des Vorübergehenden, gegen den keine Instanz der
Erde sich noch auflehnen kann. Dieser
wird im wesentlichen mit "Schnitten"ermöglicht; aber die
Schnitte haben entgegen dem Wortsinn nichts
Trennendes, sie bringen es vielmehr zustande, daß eine unendliche Kette
der Berührungen entsteht, daß letztlich
alles mit allem in Berührung gerät.
Auch das Mißverständnis, sogar das Mißverständnis wird einem
menschlich teuer - es ist nahezu aufgelöst im
Verkehr der öffentlichen Meinung. Jeder Meinende versteht den anders
Meinenden. Da gibt es nichts zu deuten.
Die Öffentlichkeit faßt zusammen, sie moduliert die einander widrigsten
Frequenzen - zu einem
Verstehensgeräusch.
Das Mißverständliche wird um so mehr zum Privileg des Kunstwerks, das
Deutung fordert und nichts meint.
Ich habe keinen Zweifel, daß Autorität, Meistertum eine höhere
Entfaltung des Individuums befördert bei all
denen, die sich zu verpflichten imstande sind, als jede Form der zu frühen
leichtgemachten Emanzipation. Die
herrenlose (und widerstandslose) Erziehung ist für niemanden gut
gewesen, sie hat nur eine Vermehrung der
Gleichgültigkeit hervorgebracht, eine jugendliche Müdigkeit.
Es ist schade, ganz einfach schade um die verdorbene Überlieferung. Ja,
sie verdirbt draußen vor den Toren wie
eine Fracht kostbarer Nahrung, auf die die Bevölkerung wegen
irgendwelcher Zollstreitigkeiten verzichten muß.
Die Überlieferung verendet vor den Schranken einer hybriden Überschätzung
von Zeitgenossenschaft, verendet
vor der politisierten Unwissenheit jener für ein bis zwei Generationen
zugestopfter Erziehungs- und
Bildungsstätten, Horste der finstersten Aufklärung, die sich in einem
ewig ambivalenten Lock- und
Abwehrkampf gegen die Gespenster einer Geschichtswiederholung befinden:
"Wehret den Anfängen !" . . .
Ach! Setzt selber einen brauchbaren!
Es ist überhaupt keine Frage, daß man glücklich und verzweifelt,
ergriffen und erhellt leben kann wie eh und je,
freilich nur außerhalb des herrschenden Kulturbegriffs. Was sich stärken
muß, ist das Gesonderte. Das
Allgemeine ist mächtig und schwächlich zugleich. Der Widerstand ist
heute schwerer zu haben, der
Konformismus ist intelligent, facettenreich, heimtückischer und gefräßiger
als vordem, das Gutgemeinte gemeiner
als der offene Blödsinn, gegen den man früher Opposition oder Abkehr
zeigte.
Wenn man nur aufhörte, von "Kultur" zu sprechen, und endlich
kategorisch unterschiede, was die Massen bei
Laune hält, von dem, was den Versprengten (die nicht einmal eine
Gemeinschaft bilden) gehört, und das beides
voneinander durch den einfachen Begriff der Kloake, des TV-Kanals für
immer getrennt ist... Wenn man
zumindest beachtete, daß hier nicht das gemeinsame Schicksal einer
Kultur mehr vorliegt - man hätte sich einer
unzählige Zeitungsseiten füllenden "kulturkritischen" Sorge
endlich entledigt.