Der
linke Etikettenschwindel
Kein
Gegensatz, sondern eher Konkurrenzkampf
Als in der Endzeit der Weimarer Republik die
kommunistischen und die nationalsozialistischen Schlägertrupps handgreiflich
aneinandergerieten (siehe oben), ging es nicht um diametral gegensätzliche
Ideologien, sondern um den Machtkampf zweier Gruppierungen, die sich in vielen
wichtigen Punkten ähnlich waren. Ich bin ein Rechter und daher ein absoluter
Gegner des Nationalsozialismus. Wenn das den Leser überrascht, kennt er
entweder wie einst die Einwohner von Niniveh (Jonas, 4, 10) den Unterschied
zwischen "rechts" und "links" oder den wahren Charakter des
Nationalsozialismus oder vielleicht auch beides nicht. Auf jeden Fall aber ist
die schlechte Angewohnheit, die brandlegerischen Punker
"Rechtsradikale" zu nennen, genau so ein glatter Unsinn, wie den
Massenmord an Geisteskranken, Israeliten und Zigeunern als "Holocaust"
(mit englischer Orthographie!) zu bezeichnen, denn so nannten die frommen
Hellenen ihre Brandopfer für die Gunst ihrer Götter. Der Nationalsozialismus
entstand in Böhmen, und zwar 1896, als tschechische Sozialdemokraten, die den
Sozialismus auf internationaler Ebene als irrealistische Utopie empfanden, unter
der Führung von Klofac, Stribrny und Franke eine nationalsozialistische Partei
gründeten. Ihr Führer wurde 1919 Eduard Benes, ein Nationalsozialist von
echtem Schrot und Korn, der schon 1943 im Exil erklärte, daß man Hitler
nachahmen müsse. Das Leitbild dieser neuen Partei war die taboritische Bewegung
der Husiten, die radikal links, nationalistisch und fanatisch deutschfeindlich
war. Der nationalistische Linksdrall in Böhmen und Mähren fand Widerhall unter
manchen Deutschen dieser Länder, denen die "Deutschnationale Partei"
zu bürgerlich war, und so schlossen sie sich in einer "Deutschen
Arbeiterpartei" zusammen. Vorschläge, sich auch nationalsozialistisch zu
nennen, lehnten sie wiederholt ab, denn sie wollten nicht als Nachahmer von
Tschechen gelten. Goebbels sah sich als Repräsentant der politischen Linken.
Erst am 5. Mai 1918 in Wien wurde die DAP in "Deutsche
Nationalsozialistische Arbeiterpartei" umbenannt. Ihr Programm war
eindeutig links. Es war offen gegen die Donaumonarchie gerichtet,
antihabsburgisch, antiaristokratisch, antiklerikal, antikapitalistisch und -
einziger Unterschied zu ihrem tschechischen "Vorbild" auch
antisemitisch. Die Namenserweiterung fand - ein symbolischer Zufall? - am 100.
Geburtstag von Karl Marx statt. Dann kamen bald das Kriegsende und der
"Umsturz". Hitler diente in München mit roter Armbinde unter den
Kommunisten (siehe J. Fest: "Hitler", 1973, S. 122). Bei den ersten
Wahlen in der Tschechoslowakei bekamen die deutschen Nationalsozialisten schon
42.000 Stimmen. Der aus Böhmen ausgewiesene Ingenieur Rudolf Jung überredete
Hitler, der in München auch einer "Deutschen Arbeiterpartei" angehörte
und beabsichtigte, ihr die Bezeichnung "sozialrevolutionär" zu geben,
sie lieber "nationalsozialistisch" zu nennen. Jung überzeugte ihn
auch, die rote Fahne als zugkräftiges Symbol zu benützen. Im Dritten Reich
wurde die "altösterreichische" Führungsgruppe der DNSAP-NSDAP unter
den Teppich gekehrt und mit kleineren Stellungen abgefüttert, um die
"Originalität" des "Größten Führers aller Zeiten" nicht
in Frage zu stellen. Nach 1945 wurde sie dann von den tschechischen
Nationalsozialisten im Verein mit den Kommunisten in Böhmen und Mähren
ausgerottet. Rudolf Jung verhungerte 1945 im Prager Pankrac-Gefängnis; Hans
Krebs wurde 1947 hingerichtet. Selbstverständlich bestanden die leitenden
Nationalsozialisten (Hitler, Goebbels, Heß) stets darauf, echte, wenn auch
"deutsche Demokraten" und gute Republikaner zu sein. Für Rudolf Heß
war der Nationalsozialismus die "edelste Form der europäischen
Demokratie". Goebbels bekannte sich sogar noch 1926 als "deutscher
Kommunist" und erklärte 1933 dem "Petit Parisien" in einem
Interview, daß die Deutsche Revolution das Gegenstück zur Französischen sei.
Doch der Linksdrall trieb Goebbels zur Aussage: "Wir sind Antisemiten, weil
wir Sozialisten sind." War es doch auch das Programm der Braunen, den
"bürgerlichen Klassenstaat zu zertrümmern", wie Hitlers bis in den
Tod treuester Paladin, Goebbels, es geplant hatte (siehe sein "Der
Nazi-Sozi", 1932, S. 10). Ja aber, fragt vielleicht der naive Zeitgenosse,
haben die Braunen nicht "dennoch" behauptet, "rechts" zu
stehen? Keine Spur! Goebbels erklärte am 6. Dezember 1931 im
"Angriff", daß die NSDAP die "deutsche Linke" verkörpere
und den "bürgerlichen Nationalismus" verachte. Kann das deutlicher
gesagt werden? Was will man mehr? Über Nacht wechselten viele in das
internationale Lager. Doch unsere geschichtslosen Spießer sind nicht so leicht
zu überzeugen: Die NSDAP kämpfte doch gegen den so linken Kommunismus, also
war sie sein rechter Feind! Aber man erinnere sich daran, daß bei den Wahlen im
November 1932, bei einem Rückgang der braunen Stimmen, die Kommunisten 100
Vertreter in den Reichstag schickten: Viele Nationalsozialisten waren über
Nacht zu Internationalsozialisten geworden.Hitlers Ziel war die Vernichtung der
konservativen Kräfte.Von Speer wissen wir, wie sehr Hitler später bereut
hatte, Franco und nicht die ihm viel sympathischeren, die Friedhöfe und Leichen
schändenden Rotspanier unterstützt zu haben. Zudem betrachtete Hitler den
Nationalsozialismus als eine "auf exakter Wissenschaft aufgebaute
Volksbewegung", eine Formel, die sicherlich auch Lenin hätte benützen können.
Doch unsere Spießer geben nicht nach. Für sie (aber nicht nur für sie)
bleiben Braun und Rot "diametrale Gegensätze". Und da kommen sie mit
dem großen Blödsinn, den L.S. Mercier verbreitet hatte: "Die Extreme berühren
sich." Siedendes Wasser und Eis? Geparde und Schnecken? Mücken und
Elefanten? Wenn man so einen Stammtischpolitiker fragt, wo er selbst stünde, hören
wir ihn wahrscheinlich mit leicht vibrierender, klagender Stimme gestehen:
"In der Mitte! In der Mitte!" Worauf ich dann boshaft bemerke:
"Also Ihrer Meinung nach am halben Weg zwischen dem Obersalzberg und der
Lubjanka?" Nein! Das hört er natürlich auch nicht gern. Man muß sich
einmal das Programm der Nationalsozialisten für das Ende des Zweiten Weltkriegs
im Falle ihres Sieges vorstellen. Unser Spießer wird sagen, daß dies ein Sieg
des "Kapitalismus" über den "Sozialismus" gewesen wäre,
aber das würde keineswegs so gewesen sein. Walter Haids "Sozialismus als
Träger des Dritten Reiches" (Berlin, 1935) möge da als Augenöffner
dienen. Dagegen wendet die linke Propaganda ein, daß die Wahlsiege der
Nationalsozialisten durch das "Großkapital" finanziert wurden. Tatsächlich
aber hat das Großkapital alle politischen Parteien, außer die Kommunisten,
unterstützt (die bekamen ihr Geld aus Moskau). Ludwig von Mises hat uns
verraten, daß die deutschen Industriellen, deren Land jahrelang höchst
undemokratisch durch Notverordnungen regiert wurde, schließlich vor der Wahl
standen, entweder von den Braunen versklavt oder von den Kommunisten
notgeschlachtet zu werden. Hätte Hitler einen Sinn für Humor gehabt, würde er
Woodrow Wilson ein kolossales Denkmal gesetzt haben, denn dieser amerikanische
Präsident hatte 1917 nach dem Fall der russischen Monarchie ein wahres Völkerringen
in einen ideologischen Kreuzzug verwandelt, dessen Produkt die Weimar Republik
war. Die bot der NSDAP - genau so wie es Plato von der Volksherrschaft
vorausgesagt hatte - den idealen Rahmen zur Wandlung in die Tyrannis. Hitler
aber hatte, abgesehen von der Übernahme des Chaplin-Schnurrbarts, wenig Sinn für
Humor. Nun erfährt man aber in Goebbels "Tagebuch" (II. 14), daß es,
wie ihm Hitler verriet, nach einem Endsieg des Dritten Reichs allen
"konservativen" Kräften, vor allem dem Christentum, an den Kragen
gegangen wäre. Es war schließlich, wie Dahrendorf sagte, die Moderne, die 1933
in Deutschland ihren Einzug gefeiert hatte, während die Rechte, die
"Reaktion" am 20. Juli 1944 das so linke "Rad der
Geschichte" zurückdrehen wollte, was aber leider nicht gelang. Alle großen
Europäer, so verkündete der Amerikaner Allan Bloom, seien immer rechts
gestanden. Das trifft selbst auf Freud zu. Marx war ein verhängnisvoller, aber
kein "großer Europäer". Die Tatsache, daß 34 Jahre nach seinem Tod
ein Sechstel der Erde seiner Ideologie untertan gemacht werden konnte, besagt
gar nichts. Je dümmer
eine populistische Theorie, desto rascher ihr Sieg. Das Christentum brauchte
immerhin nicht 34, sondern 300 Jahre, um in einem großen Sektor der Ökumene zu
triumphieren. In einem sehr guten Aufsatz hat der sächsische Justizminister
Steffen Heitmann (siehe Deutschland-Magazin 7/97) den Unterschied zwischen
Rechts und Links herausgearbeitet. Seit einem halben Jahrhundert beschäftige
ich mich mit diesem Thema. "Rechts" steht für Persönlichkeit,
Vertikalität, Transzendenz, Freiheit, Subsidiarität, Föderalismus und
Vielfalt, "Links" für Kollektivismus, Horizontalismus, Materialismus,
Gleichheit-Nämlichkeit, Zentralismus und Einfalt (in beiden Sinnen des Wortes).
Hier muß man auch bemerken, daß Freiheit und Gleichheit Gegensätze sind, denn
Gleichheit ist "unnatürlich" und kann lediglich in der Tyrannis künstlich
geschaffen werden. Nur Sklaven sind "gleich". Nationalismus und
Rassismus sind links, Patriotismus ist rechts. Das Christentum steht rechts, und
der Dominikaner Bruckberger sagt mit Recht, das Neue Testament sei eine
Botschaft der menschlichen Ungleichheit. Tatsächlich ist in fast allen Sprachen
Rechts ein positiver, Links ein negativer Begriff. Im Deutschen hängt
"rechts" mit richtig, gerecht und Recht zusammen (im Englischen ist es
ähnlich). Im Slawischen leitet die Silbe prav eine ganze Reihe positiver
Bezeichnungen ein. Die NS-Abgeordneten gehörten nicht auf die äußerste
Rechte. Im Italienischen ist la sinistra die Linke, il sinistro der Unglücksfall.
Analoges finden wir im Arabischen, im Sanskrit, im Japanischen und Ungarischen.
Auch die Bibel spricht dieselbe Sprache. Prediger 10,2 sagt uns, daß gegen alle
Anatomie das Herz des Weisen auf der Rechten und das des Narren auf der Linken
schlägt. Welcher konfuse Idiot war aber dafür verantwortlich, die
NS-Abgeordneten auf der äußersten Rechten des Reichstags anzusiedeln? Stalin
dekretierte aus ideologischen Gründen, daß man die Nationalsozialisten
"Faschisten" nennen müsse, und die deutsche Linke folgte lakaienhaft
diesem Ukas. In Wirklichkeit hatte Mussolini während seiner Jahre in
Welschtirol von den tschechischen Nationalsozialisten im Wiener Reichsrat und
ihrer husitischen Inspiration gehört. Das bewog ihn 1913 in Rom, ein Buch über
Hus ("Giovanni Hus, il Verdico") zu veröffentlichen. Die
Gleichsetzung mit dem Faschismus ist höchst ungerecht Mussolini kam vom
italienischen Sozialismus her, und seine Bewegung hatte anfänglich und auch am
Ende einen strikt republikanischen Charakter (die Fasces sind ein
republikanisches Symbol!). Erst in der Republica Sociale Italiana konnte er sich
ganz austoben. Vorher war er durch Monarchie und Kirche "beengt"
gewesen. Freilich hatte der Faschismus auch eine nichtpolitische Rolle: den im
Grund so anarchischen Italienern ein wenig Disziplin beizubringen, um sie so mit
den industriellen Nationen des Nordens wettbewerbsfähig zu machen. Es war auch
keineswegs in den Sternen geschrieben, daß Italien sich im Zweiten Weltkrieg
auf die Seite des Dritten Reiches schlagen würde. Dafür war die hirnlose Außenpolitik
Edens verantwortlich. Den Nationalsozialismus "faschistisch" zu
nennen, belastet die Italiener moralisch in höchst ungerechter Weise. Wie auch
immer: Der Nationalsozialismus hat mit der rechten Tradition Europas nicht das
Geringste zu tun. Daher beginne oder schließe ich auch meine Vorträge in Übersee
oft mit den Worten: "Ladies and Gentlemen, Right is Right and Left is Wrong."