Deutsch
oder verfassungspatriotisch?
- Gedanken zu einer aktuellen Diskussion
Von
MdL Volker Schimpff
Was ist
sächsisch, deutsch, europäisch? Soll denn Sachsen sächsisch, Deutschland
deutsch und Europa europäisch sein – oder ist diese Vorstellung, ja schon
diese Frage reaktionär und rassistisch und muß von allen toleranten
Gutmenschen mit Lichterketten, Denkverboten und Molotowcocktails unterdrückt
werden?
Diese
Fragen sind nicht neu. Was hat uns Deutsche mit solcher Urgewalt ein Volk
bleiben, einen Nationalstaat wiedervereinigen, seit zehn Jahre eine
unglaubliche Solidaritätsleistung erbringen lassen? Als Helmut Kohl am 19.
Dezember 1989 nach Dresden kam, fragte mich Ruprecht Eser im ZDF ungläubig:
Warum wollen denn die Menschen das Land Sachsen wieder haben? Zahlreiche
Intellektuelle versuchen sich aus dem Deutschsein in einen
„Verfassungspatriotismus“, aus der Nation nach „Europa“ zu flüchten.
Und eine linksliberale Abgeordnete, Baroness Ludford, verlangte 1999 in einen
Bericht des Europäischen Parlamentes, daß sich Europa der „Idee einer weißen
Kernkultur berauben“ müsse. Andererseits heißt es in der Stellungnahme des
Ausschusses der Regionen über „Kultur und kulturelle Vielfalt und ihre
Bedeutung für die Zukunft Europas“ 1998, daß es das Kulturerbe Europas
ist, was uns zu Europäern macht.
Was
ist europäisch, was ist deutsch?
Ein
wahrhaft europäisches Europa muß wissen, was es im Innersten zusammenhält.
Das sind nicht nur die Verträge, Chartas und Protokolle. Nichts führt die
blutleere Konstruktion des „Verfassungspatriotismus“ so sehr ad absurdum
wie die Frage, woher die Kraft zur europäischen
Einigung kommt und wieso wir an eine gemeinsame Zukunft der Europäer
glauben. Denn das gab es schon vor den EG- und EU-Verträgen, vor
Protokollerklärungen und Grundrechtechartaentwurf. An einem europäischen
„Vertragspatriotismus“ kann es also nicht gelegen haben! Europa hielt
zusammen, hat die Kraft zur Einigung und kann an die gemeinsame Zukunft
glauben, weil wir Europäer sind! Weil wir eine großartige gemeinsame Kultur
und Zivilisation haben, die sich von anderen, außereuropäischen Kulturen und
Zivilisationen unterscheidet (die auch großartige Kulturen sind, aber eben
andere, nicht unsere). Weil zur Wesenheit dieser abendländischen Zivilisation
die Vielfalt der verwandten Kulturen gehört, die Existenz von Nationen und
Nationalkulturen, die in sich wieder landsmannschaftlich vielfältig sind wie
die deutsche oder geschlossen wie die isländische, aber die Identität
Europas ausmachen und deshalb Leitkulturen bleiben müssen.
Der
Begriff der „Leitkultur“ wurde nicht von Friedrich Merz, Jörg Schönbohm
oder Edmund Stoiber erfunden, wenn sie vor multikulturellen
Parallelgesellschaften warnen, auch nicht 1998 von Bassam Tibi in dem Buch
„Europa ohne Identität?“ oder von Theo Sommer in der ZEIT: „Ein
Deutschland, das aus lauter Ghettos besteht, ein paar für Türken, ein paar für
Griechen, ein Dutzend für die Deutschen – das kann nicht das Ziel sein ...
Integration bedeutet zwangsläufig ein gutes Stück Assimilation an die
deutsche Leitkultur und deren Kernwerte.“
Eine
nationale Kultur ist Leitkultur, weil in der französischen Leitkultur der
Berliner Jakob Liebmann Meyer Beer zum Pariser Komponisten Giacomo Meyerbeer
und in der deutschen Leitkultur der Vicomte de Boncourt aus der Champagne zum
deutschen Dichter Adelbert von Chamisso wurde. Und das gibt es nicht nur
zwischen den abendländischen Kulturen: Der türkische General und Diplomat
Mehmet Ali Pascha war ursprünglich ein entlaufener Schiffsjunge Karl Detroit
aus Magdeburger Hugenottenfamilie, und der Autor von mir gern gelesener
Katzenkrimis Akif Pirinci denkt und schreibt deutsch und gehört zur deutschen
Kultur. Und wer Deutscher ist, lebt in dieser Kultur, der Kultur von Friedrich
Hölderlin, Heinrich Heine und Peter Huchel, selbst wenn er zwar das
King-Ping-Meh, aber nicht „Hyperion“ kennt ... Und sie soll für alle, die
dauerhaft in diesem Landes leben, die leitende Kultur sein!
In
der aufgeregten Diskussion des Herbstes 2000 über die deutsche Leitkultur ist
viel Unsinn gesagt worden; hinter manchem Unsinn verbirgt sich aber durchaus
Erhellendes über die linke Zwangsvorstellung des Multikulturalismus. Eifernde
Linke schwätzten vom täglichen Eisbein mit Sauerkraut und Bier und wollten
die deutsche Kultur mit Pizza, Bordeaux und Cohiba-Zigarren unterlaufen. Auch
glaubten viele – auch Christdemokraten -, dem Verdacht des deutschen oder
europäischen Patriotismus entkommen zu können, wenn sie die Leitkultur auf
Sprachkenntnisse und das Bekenntnis zum (angeblich weltanschaulich neutralen)
Grundgesetz reduzieren. Nun ist es tatsächlich so: Sowohl Essen und Trinken
als auch die Werte und das politische System unserer Verfassung sind
Bestandteil unserer Kultur. Insofern gehört das Grundgesetz zur Leitkultur -
Gewissensfreiheit und Gewaltenteilung, Demokratie und Rechtsstaat,
Lebensschutz und Recht auf die Heimat sind von unserer Kultur hervorgebracht
worden. Wer diese Werte aber ernst nimmt, weiß, daß der Staat gerade nicht
alles regeln soll, daß Kultur nicht in Artikel, Paragraphen und Vorschriften
erfaßt werden kann, daß Leben und Gewissen, Heimat und Kultur nicht
demokratisierbar – also: nicht durch Mehrheits- oder Obrigkeitswillen
fremdbestimmt – sein dürfen.
Der
Ausschuß der Regionen sprach von Grundlagen der Kulturen, „die von den
Menschen als gemeinsames Eigentum erkannt werden und deren Bedeutung für die
Gemeinschaft bekannt ist.“ Sie können „materiell (Gebäude, Fahnen,
Kleidung, Speisen usw.), energiegebunden (Lieder, Farben und deren
Kombinationen usw.), sozial (öffentliche Riten und Zusammenkünfte, Bräuche
und Institutionen usw.) oder nichtmateriell (Gemeinschaftsgefühl, gemeinsamer
Sinn für Humor, gemeinsame Sprache, gemeinsame ethische Werte usw.) sein“
und ermöglichen „letztlich die Wahrung des sozialen Friedens und des
Wohlstandes der ganzen Region“. Solche Kultur kann ererbt und manchmal
erworben sein, sie ist aber nicht technisch definierbar, sondern muß erlebt
und empfunden werden. Und man muß stolz auf sie sein. Goethe ist des
engstirnigen Chauvinismus sicherlich unverdächtig: „Wohl dem, der seiner Väter
gern gedenkt, der froh von ihren Taten, ihrer Größe den Hörer unterhält
und still sich freuend ans Ende dieser schönen Reihe sich geschlossen
sieht!“
Erschienen in:
Direkt. Informationsdienst der CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag 1/2001, S. 22-23
Rathausinfo aus dem Leipziger Stadtrat 01/2001, S. 9