Rassismus
öffentlich und privat
Lutz
Rathenow
Es gibt
Probleme, über die Medien gern und
oft
berichten. Dann gibt es eher lästige.
Mindestens
eins davon wird in Andeutungen
oder in
groben Vereinfachungen zum Thema:
der
spezielle Rassismus in der Ex-DDR. Und
die
vollendete Hilflosigkeit des Westens, damit
um-
und auch gegen ihn anzugehen.
Essay von Lutz Rathenow
Vor kurzem in einem Taxi. Zufällig zusammen mit einer auch zum nächsten
Anschlußbahnhof eilenden Frau. Die
Taxifahrerin
schimpft auf die Ausländer, zuerst auf eine in der Region raubmordende Bande
aus Rumänien, dann
auf
alle anderen. Eine wenig originelle Situation. Ich fahre oft Taxi. Kommt ein
Gespräch zustande, geht es in 50
Prozent
der Plaudereien um die Ausländerproblematik. Die Haltungen unterscheiden sich
im Grad der
Ablehnung.
Vietnamesen oder Chilenen oder Russen werden gelegentlich akzeptiert, die mit
der
Westvereinigung
dazugekommenen Ausländer rigoros abgelehnt. Wenn ich einen differenzierenden
Umgang
einmahne,
schauen mich die Ost-Menschen auf eine ganz bestimmte Weise an. Entweder werden
sie dann
wütend
oder wechseln das Thema. Das ist der Blick, mit dem man den rettungslos verblödeten
Wessi
betrachtet.
Er signalisiert, daß es keinen Sinn hat, darüber zu reden. Die DDR war eben
das deutschere
Deutschland.
Der Ausländer die genau regulierte Ausnahme. Brauchte man welche zu
Arbeitszwecken, so holte
und
kasernierte man sie. Brauchte man sie nicht mehr, kamen sie wieder weg.
Selbst die einheimische Besatzungsmacht bestand nur aus weißen Menschen.
Die Russen oder Georgier hatten
die
wichtigen Positionen, die Völkerstämme des ferneren Ostens hatten zu dienen.
Alle zusammen durften sich
der
DDR-Bevölkerung nie gleichberechtigt nähern. Deshalb war die Rote Armee auch
nie verhaßt, der
DDR-Deutsche
fühlte sich den ärmeren Siegern der Geschichte überlegen. Eigentlich wollte
ja das von der SED
propagierte
Prinzip der Völkerverständigung antirassistisch sein. Es produzierte nur ein
abstraktes und ein
konkretes
Problem. Abstrakt gesehen lebte die ganze Welt in rückständigen »kapitalistischen«
Verhältnissen.
Denen
gegenüber durfte sich ein DDR-Bürger überlegen fühlen, also bis auf ein paar
realsozialistische Länder
der
ganzen Welt gegenüber. Und die realsozialistischen Länder waren weiß bis auf
jeweils zwei, drei
Verbündete,
die man mit viel Geld auf dem sozialistischen Kurs hielt Kuba oder Vietnam
sozusagen als edle
Wilde,
die man sich schon zurechtzähmen würde. Die Vietnamesen wurden von ihren
Arbeitskollegen
akzeptiert,
weil sie fleißig und anspruchslos waren.
Das drückt sicher die Grunderwartung an Ausländer aus. Sie sollen
zeitweilige Gäste sein oder unauffällige
Deutsche
werden. Dem Konzept einer multi-kulturellen Gesellschaft steht man fassungslos
gegenüber. Man hat
ja
ein paar Jahre gebraucht, um zu begreifen, daß das im Westen wirklich einige
ernst meinen. Da wirkt sich das
zweite
konkrete Problem aus DDR-Zeiten aus. Es fehlen Wirklichkeitserfahrungen mit dem
Anderen, Fremden.
Es
gab keine italienischen oder griechischen Restaurants, keine farbigen
Besatzungssoldaten oder individuell ins
Land
einreisende Gastarbeiter. Es gab weniger ausländische Kultur auf jeder
Anspruchsebene und weniger
Reise-
und Informationsmöglichkeiten für DDR-Bürger.
»Existiert so eine Stadt wirklich?« fragte 1987 ein New Yorker Freund,
der einen Bildband über Ost-Berlin
durchgeblättert
hatte. Gibt es eine Stadt in der Welt, in der auf 180 Fotos nur Angehörige
einer Rasse zu sehen
sind?
An dieser normal absurden Realität anknüpfen müßte, wer Haltungen aufbrechen
und verändern will. Das
hemmen
zwei Dinge: die Unlust und mangelnde Neugier, sich mit DDR-Geschichte und den
weiter wirkenden
Erfahrungen
zu beschäftigen. Noch mehr aber eine demonstrativ zur Schau getragende Ausländerfreundlichkeit
einer
gehobenen west-intellektuellen Schicht, der etwas Unehrliches und Luxuriöses
anhaftet. »Laßt doch die
Zigeuner
alle rein, sie sind die schöneren Menschen!« forderte kürzlich Günter Grass.
Solche romantische
Ignoranz
der Probleme macht die Ossis ratlos. Sie vertrauen an diesem Punkt dem Westen
nicht. Auch nicht
seinen
Medien.
Ich berichtete eingangs über den Taxigast. »Hier kann ich ja einmal
offen reden« gestand die in Frankfurt am
Main
als Krankenschwester tätige Frau; am Arbeitsplatz sei sie belehrt worden: bei
ausländerfeindlichen
Äußerungen
fliege jeder sofort. Keinesfalls wolle sie das. Sie rede deshalb mit ausländisch
wirkenden Kranken
vorsichtshalber
gar nicht mehr. Die Taxifahrerin nickte verständnisvoll. Man fühlt sich bei
dem Thema so
bevormundet
wie früher bei anderen. Eine Journalistin einer Lokalzeitung sagte im Kreise
von acht nickenden
Damen:
sie dürfe nichts über die Gewalt der Ausländer schreiben. Die Zeitung
erwarte, bei diesem
Problembereich,
belogen zu werden. »Bitte schön«, so ihre Worte, »das habe ich in der DDR
wirklich gelernt.«
Hier braut sich etwas zusammen, über das deutlicher gesprochen werden muß.
Hier verlieren auch die Medien
ein
Stück Kompetenz und Glaubwürdigkeit. Und mit ihnen die westliche liberale
Demokratie generell. Die Leute
im
Osten können sich durchaus andere staatliche Modelle vorstellen, da sie ja
einen Teil ihres Lebens in einem
anderen verbringen mußten. Wie viele würden das Wort gern durch »dürfen« ersetzen?