Rede des Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion
im Deutschen Bundestag, Friedrich Merz auf dem Bundesparteitag der CDU
in Dresden 2001
Sehr
geehrter Herr Tagungspräsident! Liebe Angela Merkel! Liebe Freunde! Am 16.
November, also vor wenigen Tagen, mußte der Bundeskanzler im Deutschen
Bundestag zum letzten Mittel greifen, das einem Bundeskanzler zur Verfügung
steht, um sich der eigenen Mehrheit im Parlament zu vergewissern. Gerhard
Schröder mußte die Vertrauensfrage stellen. Er mußte sie nicht nur stellen,
weil die Grünen ihm die Gefolgschaft versagt haben. Schröder mußte die
Vertrauensfrage stellen und mit der Vertrauensfrage den Einsatz der Bundeswehr
verbinden, weil ihm seine eigene Partei, deren Vorsitzender er ist, in einer
der wichtigsten politischen Fragen, die einem Land überhaupt gestellt werden kann,
nämlich in der Frage der internationalen Politikfähigkeit und der Bündnisfähigkeit,
nicht mehr geschlossen folgen wollte.
Meine
Damen und Herren, liebe Freunde, Schröder hat die Abstimmung mit einem denkbar
knappen Ergebnis gewonnen. Aber jeder von uns im Deutschen Bundestag, Sie, die
Sie die Diskussion in den Medien verfolgt haben, und diejenigen, die in den Tagen
danach über Politik in Deutschland nachdenken – wir alle haben gespürt: Es war
so wie 1982, als Helmut Schmidt die Vertrauensfrage stellen mußte. Auch dieses Mal
war es wieder der erste Tag vom Anfang des Endes einer sozialdemokratisch geführten
Bundesregierung.
Meine
Damen und Herren, liebe Freunde, wie dramatisch die Lage in der rot-grünen Koalition
wirklich ist, haben wir erst in den Tagen danach nachlesen können. Es hat bei
der Vertrauensabstimmung im Parlament 94 Erklärungen zur Abstimmung gegeben.
Vier davon kamen von Kollegen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Sie haben etwas
zum Ausdruck gebracht, was unserem Wollen und unserer politischen Überzeugung insgesamt
entspricht. Sie hätten gerne – wie wir alle – aus innerer Überzeugung dem
Einsatz der Bundeswehr zugestimmt, weil wir es für richtig halten, daß sich
Deutschland am internationalen Kampf gegen den Terrorismus beteiligt.
Der
Bundeskanzler hat dies aber vereitelt. Wie dramatisch die Lage wirklich ist,
war in 32 Erklärungen zur Abstimmung nachzulesen, 18 davon allein aus der
sozialdemokratischen Bundestagsfraktion. 18 SPD-Abgeordnete haben erklärt, sie
hätten diesem Einsatz nicht zugestimmt, wenn er nicht mit der Vertrauensfrage
verbunden gewesen wäre. Damit ist klar: Gerhard Schröder verfügt im Deutschen
Bundestag nicht mehr über eine Mehrheit für die von ihm für richtig gehaltene
Politik.
Versetzen
wir uns in diesem Zusammenhang einen kurzen Augenblick lang einmal in die Lage
eines Betrachters – sei es aus Großbritannien, aus Frankreich, aus vielen anderen
europäischen Staaten oder aus den Vereinigten Staaten von Amerika –, der in
diesen Tagen einen Blick auf Deutschland wirft. Dieser Betrachter muß feststellen,
daß alles, was Deutschland bisher geleistet hat – es kann mehr werden –, ist, daß
in zwei 30 Jahre alten Transall-Transportmaschinen ein paar hundert Wolldecken von
Kaiserslautern nach Ankara transportiert worden sind. Das ist alles! Und darüber
stürzt die Regierung in Deutschland in eine Krise!
Das
ist das Bild, das unser Land im Augenblick im Ausland bietet.
Ich
will ausdrücklich betonen, daß auch wir uns unsere Entscheidung in der Fraktion
nicht leicht gemacht haben. Ich will noch einen Schritt weitergehen. Auch wir
haben uns vor eine schwierige Situation gestellt gesehen. Viele Kolleginnen und
Kollegen sahen sich in der Tat vor eine Gewissensfrage gestellt. Wir haben
diese Frage beantwortet. Es ist eben nicht nur für diejenigen eine
Gewissensfrage, die mit Nein antworten. Es kann genauso gut eine Gewissensfrage
für diejenigen sein, die mit Ja antworten, liebe Freunde.
Auch
wir haben besorgte Briefe und Anrufe bekommen, und zwar nicht nur von Soldaten der
Bundeswehr, deren Ehefrauen, deren Freundinnen und Freunden, sondern auch von deren
Eltern und häufig auch von deren Großeltern, die noch über eine ganz andere
historische Erfahrung verfügen. All denen haben wir gesagt: Ja, wir haben es
uns sorgfältig überlegt. Wir haben lange darüber nachgedacht. Wir sind aber zu
der Entscheidung gekommen, daß Deutschland beteiligt sein muß und daß es für
Deutschland nicht wieder eine Sonderrolle geben darf.
Meine
Damen und Herren, in diesem Zusammenhang ist es wichtig, zu sagen: Wir stehen
ohne Wenn und Aber zu unseren amerikanischen Freunden, wir stehen zum Bündnis
und aus eigenem nationalen Interesse zur Bundeswehr. Diese Bundeswehr hat mehr
verdient, diese Bundeswehr hat mehr Beachtung, mehr Zuwendung, mehr Fürsorge
und auch mehr finanzielle Mittel verdient, als sie gegenwärtig von der
rot-grünen Bundesregierung bekommt.
Im
Parlament und in den Medien ist uns in den Tagen um den 16. November herum häufig
vorgehalten worden, eigentlich hätten wir ja gar kein Interesse daran, daß der Bundeskanzler
die Vertrauensfrage nicht besteht und dann die sich daraus ergebenden Konsequenzen
zu ziehen seien, als da sind Auflösung des Deutschen Bundestages und Neuwahlen.
Wir hätten angeblich gar kein Interesse daran, weil wir darauf nicht
vorbereitet seien. Liebe Freunde, ich will dazu zweierlei sagen. Erstens: Jeder
Tag, den diese rot-grüne Bundesregierung früher aus dem Amt scheidet, ist ein
guter Tag für Deutschland.
Zweitens:
Wir nehmen es mit jedem aus dieser rot-grünen Bundesregierung auf. Wir nehmen
es mit dem Bundeskanzler auf. Wir nehmen es mit dem zerknirschten Weltenlenker aus
dem Auswärtigen Amt auf.
Wir
nehmen es mit dem Bademeister von der Hardthöhe auf.
Wir
nehmen es mit einem Bundeswirtschaftsminister auf, der nur noch virtuell hin und
wieder in Erscheinung tritt und dessen Politik für dieses Land bedeutungslos geworden
ist. Wir nehmen es mit einem Sozialminister auf, der sich als Frühstücksdirektor
des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der IG Metall am Kabinettstisch fühlt.
Wir
nehmen es mit einem Bundesinnenminister auf, der sich wie Sheriff Otto durch dieses
Land bewegt, viel ankündigt, aber nichts von dem im Kabinett durchsetzt, was er
für richtig hält. Diese rot-grüne Bundesregierung insgesamt ist ablösungsreif
und wir stehen bereit, liebe Freunde, dies auch zu tun.
Meine
Damen und Herren, wenn man die Protokolle des Deutschen Bundestages einmal
nachliest, ergeben sich ganz aufschlußreiche Parallelen zwischen 1982 und 2001.
Als es im Februar 1982 zur Auseinandersetzung zwischen der Regierung Helmut Schmidt
und der von Helmut Kohl geführten Opposition zur Vertrauensfrage kam, die
Helmut Schmidt gestellt hatte, ging es auch um Bündnisfähigkeit und um internationale
Politikfähigkeit. Damals ging es um den NATO-Nachrüstungsbeschluß. Es ging aber
nicht nur darum. Es ging auch um ein zweites Thema. Auch hier ist die Parallele
aufschlußreich. Es ging damals und geht heute auch um den richtigen Weg in der
Wirtschaftspolitik, in der Arbeitsmarktpolitik und in der Sozialpolitik.1982
hatte sich nach acht Jahren Helmut Schmidt die Arbeitslosigkeit in Deutschland
von 1 Million auf 2 Millionen verdoppelt. In der Koalition zwischen SPD und FDP
waren die Gemeinsamkeiten aufgebraucht. Diese Koalition wußte nach acht Jahren
nicht mehr weiter. Sie stand vor einem riesigen Berg ungelöster Probleme. Das,
was Helmut Schmidt nach acht Jahren erfahren hat, erfährt die rot-grüne Bundesregierung
jetzt bereits nach drei Jahren.
Sie
ist nicht nur in der Außenpolitik, in der Sicherheitspolitik, in der
Bündnisfähigkeit am Ende; sie ist es erkennbar auch in der Wirtschaftspolitik
und in der Arbeitsmarktpolitik. Kein anderer als der Präsident des
Ifo-Instituts in München, Professor Hans-Werner Sinn, hat es in diesen Tagen
auf einen Satz gebracht: „Wir sind derzeit in einer Rezession, die so scharf
ist, wie die von 1981."
Die
Ursachen für diese wirtschaftliche Lage sind nicht in der weltpolitischen
Entwicklung begründet. Die Ursache ist auch nicht der 11. September. Daß die
Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt, daß wir in diesem Jahr einen neuen
Rekord bezüglich der Zahl der Konkurse mittlerer, kleiner und großer
Unternehmen haben werden, daß die Sozialversicherungsbeiträge steigen und daß
die Steuern zum Jahreswechsel wieder angehoben werden, daß Deutschland
hinsichtlich fast aller wirtschaftlichen Daten Schlußlicht in der Europäischen Union
ist – all das ist hausgemacht. Das Problem hat einen Namen und der Name ist
Gerhard Schröder.
Liebe
Freunde, es mag ja sein, daß diejenigen, die uns in diesen Tagen kritisch begleiten,
und die Wechselwähler, die sich Gedanken über die Wahl im nächsten Jahr machen,
sagen: Na ja, das, was die so sagen, gehört zu dem Bild einer Opposition. Das
müssen sie tun. Aber es gibt objektive Betrachter, es gibt eine Gruppe von Wissenschaftlern,
die nicht von uns, sondern von der Bundesregierung gebeten wurden, einmal eine
Analyse über die Lage in Deutschland zu erstellen. Sie erinnern sich: Diese
Regierung hatte einmal ein Projekt, es hieß „Bündnis für Arbeit und Wettbewerbsfähigkeit
in Deutschland". Dieses Bündnis für Arbeit hat eine so genannte Benchmarking-Gruppe
berufen. Diese Gruppe, bestehend aus namhaften Professoren aller Fakultäten in
Deutschland, sollte für die weitere Arbeit im Bündnis einen Bericht vorlegen.
Sie hat vom Bundeskanzler den Auftrag bekommen, eine ungeschminkte Analyse der Lage
in Deutschland zu erstellen. Sie sollte nicht vor unbequemen Wahrheiten
zurückschrecken und zum Arbeitsmarkt und zur Beschäftigung in Deutschland vor
allem im internationalen Vergleich Stellung nehmen.
Diese
Benchmarking-Gruppe hat vor wenigen Tagen ihr Ergebnis vorgelegt. Das Ergebnis läßt
sich schnell in vier Punkten zusammenfassen.
Erstens:
Unternehmen und Arbeitnehmer in Deutschland sind mit besonders hohen Steuern
und Abgaben belastet.
Zweitens:
Vor allem kleine und mittlere Unternehmen stellen aus Angst vor Arbeitsgerichtsverfahren
kaum noch neue Mitarbeiter ein.
Drittens:
Die öffentlichen Investitionen in Deutschland gehen stärker zurück als in
anderen Industrienationen.
Schließlich
viertens: Die Auflagen in Deutschland für Zeitarbeit und Arbeitnehmerüberlassung
sind höher als in anderen Ländern.
Die
Gruppe kommt so zu dem Fazit: In kaum einem anderen Land der Welt stehen
Aufwand und Ertrag für den Arbeitsmarkt in einem so schlechten Verhältnis
zueinander wie in Deutschland.
Das
ist die Lage. Dies ist das Ergebnis der Analyse, die der Bundeskanzler von den von
ihm berufenen Experten angefordert hat. Die Gewerkschaften im Bündnis für Arbeit
haben es aber bis heute erfolgreich geschafft, daß dieses Ergebnis nicht zur Beratungsgrundlage
im Bündnis gemacht wird. Ja, meine Damen und Herren, wenn es überhaupt Sinn
macht, in einer solchen Bündnisrunde über Arbeitsmarkt, Wettbewerbsfähigkeit und
Zukunft der Betriebe in Deutschland zu sprechen, dann müssen die Ergebnisse auf
den Tisch und dann muß genauso eindeutig die Schlußfolgerung daraus gezogen
werden wie die Analyse eindeutig ausgefallen ist.
In
diesem Zusammenhang haben wir gestern das Notwendige und Richtige beschlossen. Die
CDU Deutschlands ist ebenso wie die CSU inhaltlich ausgerichtet. Dort, wo es
notwendig ist, um wieder Verantwortung für Deutschland zu übernehmen, haben wir
uns neu ausgerichtet. Wir haben das, wie ich finde, gestern mit dem Beschluß
über unseren wegweisenden Leitantrag eindrucksvoll bestätigt. Die Reformen, die
wir beschlossen haben, müssen wir aber nicht nur wollen – wir alle wollen sie
–, sondern auch in die politische Praxis umsetzen.
Das
heißt zunächst: Wir müssen in diesem Land eine Steuerpolitik machen, die nicht nur
die großen Unternehmen entlastet, sondern auch die kleinen und mittleren Unternehmen.
Die rot-grüne Steuerreform weist in einem Punkt durchaus in die richtige
Richtung: Auch große Unternehmen in Deutschland brauchen, um international
wettbewerbsfähig zu bleiben, eine steuerliche Entlastung. Diese ist, jedenfalls
zum Teil, im letzten Jahr vollzogen worden. Es gibt aber überhaupt keinen
Grund, daß die kleinen und mittleren Unternehmen, die Unternehmen, die als
Personengesellschaften geführt werden, die das Rückgrat der deutschen
Volkswirtschaft ausmachen, bis zum Jahr 2005 auf die Entlastung warten müssen. Wer
wirklich etwas für Wachstum und Beschäftigung in Deutschland tun will, wer wirklich
dafür sorgen will, daß wir neue Arbeitsplätze bekommen und alte Arbeitsplätze erhalten,
der muß den Mittelstand in Deutschland stärker entlasten, als dies unter
Rot-Grün der Fall gewesen ist.
In
diesem Zusammenhang ist ein weiteres Thema wichtig – Angela Merkel hat gestern in
ihrer Rede schon darauf hingewiesen: Wir bekennen uns ohne Wenn und Aber auch
in Zukunft zu einer sozialen Partnerschaft zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern
in den Betrieben. Die soziale Partnerschaft, die Mitbestimmung der Arbeitnehmer
im Betriebsrat, die überörtliche Mitbestimmung in den Aufsichtsräten, hat sich
im Kern bewährt und ist für das Land und den sozialen Frieden in den letzten Jahren
und Jahrzehnten stabilisierend gewesen. Sie hat Deutschland nach vorne gebracht.
Soziale Partnerschaft in den Betrieben ist ein Markenzeichen der Volkswirtschaft
unseres Landes. Wir tun gut daran, diese soziale Partnerschaft nicht nur zu
bewahren, sondern sie in den nächsten Jahren und Jahrzehnten fortzuentwickeln. Fortentwickeln
heißt, daß man unter veränderten globalen Bedingungen auch kleinen und
mittleren Unternehmen die Möglichkeit gibt, sich anzupassen, betriebsnahe Lösungen
zu finden und betriebliche Bündnisse für Arbeit zu schließen.
Meine
Damen und Herren, liebe Freunde, sagen wir doch einmal, wie es war: Wir haben
nach der verlorenen Bundestagswahl mit 1999 ein tolles Jahr erlebt. Wir haben Landtagswahlen
gewonnen und waren wirklich gut in Form. Anfang November ging es dann aber um
die Parteispendenaffäre. Und Ende November ereignete sich etwas, das die
Stimmung in der Republik innerhalb von wenigen Tagen vollkommen verändert hat.
Sie erinnern sich möglicherweise an dieses Ereignis.
Es
war der Tag, an dem die spektakuläre Rettungsaktion in Frankfurt für das Unternehmen
Philipp Holzmann stattgefunden hat. Dieses Unternehmen war in eine Krise geraten
und hat den Staat zu Hilfe gerufen. Es wurden tagelange Verhandlungen geführt,
bis wunschgemäß der Bundeskanzler kam. Er trat dann nach stundenlangen Verhandlungen
zur fernsehgerechten Zeit bei untergehender Abendsonne auf dem Balkon des
Vorstandsgebäudes der Philipp Holzmann AG in Frankfurt vor die Kameras und
erklärte mit bedeutungsschwerem Gesicht dem wartenden deutschen Volk: Philipp
Holzmann ist gerettet! Es ging ein Aufatmen durch die Republik.
Liebe
Freunde, was ist eigentlich zwei Jahre später daraus geworden? Dieses Unternehmen
steht noch immer am Rande des Abgrunds, es steckt bis heute in der Krise. In der
Zwischenzeit aber sind mehrere Tausend Unternehmen Pleite gegangen, darunter
mehrere Hundert kleine und mittlere Unternehmen auch in der Bauindustrie. In
der Bauindustrie sind viele Tausend Arbeitsplätze verloren gegangen. Da ist
kein Bundeskanzler gewesen, da ist kein Kabinettsmitglied gewesen. Der einzige,
der in dieser Zeit gekommen ist, war der Konkursverwalter. Man verfährt getreu
dem Motto: Wenn der Große Pleite geht, kommt der Bundeskanzler. Wenn der Kleine
Pleite geht, kommt der Konkursverwalter.
Das
ist nicht unsere Politik, liebe Freunde. Deswegen muß es möglich sein, daß
Unternehmen in der Krise ohne Intervention von außen, ohne Intervention der
Funktionäre und ohne Intervention der Politik die Chance haben, dann, wenn sich
Geschäftsführung, Betriebsrat und Belegschaft einig sind, aus eigener Kraft und
in eigener Verantwortung Wege zu finden, wie die Beschäftigung gesichert werden
kann und neue Arbeitsplätze entstehen können. Das ist moderne Partnerschaft in
den Betrieben. Das wäre eine wirklich moderne Betriebsverfassung, liebe
Freunde.
Aber
dies können wir von der rot-grünen Bundesregierung nicht erwarten. Denn sie setzt
immer nur auf die großen Einheiten und traut vor allen Dingen den Menschen in diesem
Land, den Mitarbeitern in den Betrieben, nichts zu. Denn die Funktionäre sollen
es richten und nicht die Arbeitnehmer in den Betrieben. Das ist die Wahrheit über
Rot-Grün.
Liebe
Freunde, wir haben uns gestern aus gegebenem Anlaß erneut mit der Rentenpolitik
beschäftigt. Wir alle wissen, daß wir in Deutschland mit dem gegenwärtigen Alterssicherungssystem
die nächsten Jahre und Jahrzehnte nicht bestehen können. Wir wissen, daß wir
die junge Generation überfordern, wenn wir es bei dem Generationenvertrag
belassen, so wie er heute ausgestaltet ist. Es ist einfach nicht wahr, daß es
der rot-grünen Bundesregierung in den letzten drei Jahren gelungen ist, die
Abgabenlast zu senken. Sie hat die Probleme nicht gelöst, sondern die Beiträge
heruntersubventioniert. Wir haben in der letzten Woche in Berlin über den
Bundeshaushalt 2002 beraten. In diesem Bundeshaushalt ist vorgesehen, daß
allein für die Systeme der staatlichen Alterssicherung ein Bundeszuschuß von
mehr als 140 Milliarden DM gezahlt wird, um die Zahlungsfähigkeit der Rentenversicherung
und der Knappschaftsversicherung aufrechtzuerhalten. Rechnet man dies in
Beitragspunkte um, so müßten von Arbeitnehmern und Betrieben zusätzliche acht
Beitragspunkte erhoben werden, um im nächsten Jahr die Auszahlungsleistungen der
Rentenversicherung zu gewährleisten. Es müßte kein Rentenversicherungsbeitrag von
19,1, sondern ein Rentenversicherungsbeitrag von 27 Prozent erhoben werden,
wenn die Rentenversicherung ohne einen steuerlichen Zuschuß auskommen müßte.
Dies macht die ganze Dramatik der Lage der Rentenversicherung deutlich. Es
macht vor allen Dingen deutlich, daß das Konzept der so genannten ökologisch-sozialen
Steuerreform gescheitert ist.
Diese
Ökosteuer hat mit Umweltschutz, mit Ökologie nichts zu tun. Sie ist eine reine Finanzierungsquelle
für fortbestehende ungelöste Probleme in der Rentenversicherung.
In
gleicher Weise ungelöst sind die Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Wir werden das Problem
der strukturellen Arbeitslosigkeit in Deutschland nicht lösen – auch da müssen wir
die Wahrheit sagen -, wenn wir in Deutschland in der Arbeitsmarktpolitik keine
grundsätzliche Kehrtwende vollziehen. Kehrtwende heißt nicht, daß wir in Zukunft
neben jeden Arbeitslosen einen Beamten oder Angestellten der Bundesanstalt für
Arbeit stellen, um den Arbeitslosen noch besser zu kontrollieren. Kehrtwende heißt
nicht, daß wir für die aktive oder passive Arbeitsmarktpolitik – wie auch immer
diese Instrumente heißen – noch mehr Geld ausgeben als heute. Kehrtwende heißt,
daß in diesem Land wieder der Grundsatz gelten muß, daß derjenige, der
arbeitet, grundsätzlich mehr Geld verdient als derjenige, der nicht arbeitet
und soziale Transferleistungen bezieht. Liebe Freunde, das ist eine Kehrtwende
in der Arbeitsmarktpolitik. Daraus ergeben sich Konsequenzen für unser System
der Arbeitslosenhilfe, für die Sozialhilfe und für die Notwendigkeit, beide
Systeme zusammenzuführen und Arbeitsmarktpolitik auf regionaler und kommunaler
Ebene zu ermöglichen.
Lassen
Sie mich im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt und der Zukunft der sozialen Sicherungssysteme
eine Anmerkung zu unserer Zuwanderungsdebatte machen. Ich bin der festen
Überzeugung, daß wir die Probleme, die wir in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt
und bezüglich der sozialen Sicherungssysteme haben, nicht dadurch lösen, daß
wir nur den Weg einer erhöhten Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland
gehen. Im Übrigen werden wir den Menschen in Deutschland nicht erklären können,
wieso wir bei 4 Millionen offen ausgewiesenen und noch einmal 1,7 Millionen
verdeckten Arbeitslosen in Deutschland auf die Idee kommen, die Probleme, die
wir auf dem Arbeitsmarkt haben, durch eine erhöhte Zuwanderung lösen zu wollen.
Deswegen: Wir müssen die Probleme, die wir in diesem Bereich haben, selbst
lösen. Wir müssen dafür sorgen, daß offene Stellen möglichst wieder aus dem
vorhandenen Potential der arbeitsfähigen Menschen in Deutschland besetzt werden
können.
Wir
haben uns ehrgeizige Ziele gesetzt, wenn wir sagen, daß wir gleichzeitig die Steuern
auf unter 40 Prozent senken, die Sozialversicherungsbeiträge bei 40 Prozent
stabilisieren und die Staatsquote auf 40 Prozent absenken wollen. Dies erfordert
klare Konsequenzen in Bezug auf die Sanierung der öffentlichen Haushalte, die
des Bundes, der Länder und der Gemeinden sowie die der Sozialversicherungen. Diese
Sanierung der in einer ständigen Überforderungskrise befindlichen öffentlichen Haushalte
geht nicht über die Einnahmenseite, sondern langfristig nur über die Ausgabenseite.
Um
es noch etwas deutlicher zu sagen und um uns allen die Dimension dieser Aufgabe
wirklich klar zu machen: Wenn wir heute das Ziel einer Staatsquote von 40
Prozent erreichen wollten, dann müßten wir sofort auf öffentliche Ausgaben in Höhe
von 300 Milliarden DM verzichten. Das wäre ein Sechstel aller staatlichen Leistungen.
Jeder von uns weiß, daß dies nicht geht. Aber, liebe Freunde, wenn dieses Ziel
trotzdem richtig ist, dann bleibt uns nur eine Alternative: Wir müssen dafür
sorgen, daß in Deutschland über viele Jahre, etwa über fünf Jahre, ein reales wirtschaftliches
Wachstum von mindestens 3 Prozent verwirklicht wird, ohne daß in diesem
Zeitraum die Ausgaben und Leistungen der öffentlichen Haushalte und der Sozialversicherungen
erhöht werden. Ich sage Ihnen das in dieser Klarheit und Deutlichkeit, damit
wir alle wissen, wie groß die Herausforderung ist, vor der wir stehen, wenn wir
es in der Wirtschaftspolitik und in der Arbeitsmarktpolitik richtig machen wollen.
Aus
diesem Grund plädieren wir dafür, für den Mittelstand so schnell wie eben möglich
eine weitere Stufe der Steuerreform vorzuziehen.
Aus
diesem Grund plädieren wir dafür, so schnell wie möglich alle Anstrengungen der
öffentlichen Hand auf die Gesundung des ersten Arbeitsmarktes zu richten und nicht
auf die noch bessere Ausstattung des zweiten und des dritten Arbeitsmarktes.
Liebe
Freunde, aus diesem Grunde ist es richtig, daß wir eine im Wesentlichen angebotsorientierte
Wirtschafts- und Finanzpolitik wollen. Wir müssen den Menschen in Deutschland
die Wahrheit sagen. Die Wahrheit ist: Wir müssen mehr leisten, wir müssen mehr
arbeiten und wir müssen uns mehr anstrengen, wenn wir in Deutschland auch
morgen den Wohlstand haben wollen, den wir heute zu besitzen glauben.
Wir
müssen für die Bildung, für das Alter und auch für die Gesundheit in der
Zukunft einen größeren Teil der verfügbaren Einkommen aufwenden. Ich nenne die
Gesundheitspolitik deshalb in besonderer Weise, weil wir in diesem Bereich in
den nächsten Wochen und Monaten vermutlich die stärkste Kostenexplosion erleben
werden, die in den sozialen Sicherungssystemen zu befürchten ist. Über den
Jahreswechsel wird es kaum eine gesetzliche Krankenkasse geben, die nicht den
Beitrag erhöht. Für das Jahr 2002 bedeutet dies, daß Arbeitnehmer und Betriebe
für die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung etwa 20 Milliarden DM
mehr aufwenden müssen.
Meine
Damen und Herren, liebe Freunde, was ist die Antwort der Bundesregierung darauf?
Die Gesundheitsministerin erklärt, ja, es gebe einen großen Reformbedarf. Sie
stellt auch erste Elemente einer solchen Reform vor, sagt aber, dies alles
werde erst in der nächsten Legislaturperiode möglich sein, in dieser nicht
mehr. Ich frage: Was hindert sie eigentlich daran, jetzt das vorzulegen, was
notwendig ist, um die Kostenexplosion im Gesundheitswesen nicht im nächsten
Jahr stattfinden zu lassen?
Ich
fordere die Bundesregierung auf, es jetzt zu tun und vor der Wahl die Wahrheit darüber
zu sagen, was an Reformen notwendig ist. Das, was wir in diesem Zusammenhang
jetzt erleben, ist wirklich ein Stück aus dem Tollhaus. Da macht die Regierung
ein Gesetz zur Kostendämpfung, spricht mit den Betroffenen darüber, und aus der
Gruppe der Betroffenen bietet einer der Bundesregierung eine Barzahlung in Höhe
von 400 Millionen DM an. Die Bundesregierung sagt, ja, ich nehme das Geld an,
und sie verzichtet dafür auf das Gesetz. Liebe Freunde, stellen wir uns einmal
für einen kurzen Augenblick vor, es hätte jemand aus unseren Reihen auch nur
den Gedanken geäußert, daß der Gesetzgeber darauf verzichtet, etwas zu machen,
was er für notwendig hält, nur weil er dafür von einem Dritten auf Seiten der
Betroffenen Geld bekommt. Stellen wir uns das einmal für einen kurzen
Augenblick vor! Liebe Freunde, wer so etwas macht, hat endgültig jedes Recht
verloren, über die alte Bundesregierung irgendetwas im Zusammenhang mit Buna
und Leuna zu sagen und irgendetwas zu behaupten, was mit dem im Zusammenhang steht,
was in der letzten Legislaturperiode gewesen sein soll.
Damit
auch das nicht völlig in Vergessenheit gerät: Liebe Freunde, wir haben im Deutschen
Bundestag seit gut zwei Jahren einen Untersuchungsausschuß, der sich mit diesen
Vorgängen beschäftigt. Nicht nur dieser Untersuchungsausschuß, nicht nur die
Staatsanwaltschaften in Deutschland, die – zum Teil politisch unter Druck gesetzt
– ermitteln sollten, selbst die Journalisten, die vor Jahr und Tag nicht müde wurden,
jeden Tag – wahrheitswidrig – zu behaupten, die Regierung von Helmut Kohl sei
im Zuge der Privatisierung von Leuna und Buna käuflich gewesen, selbst diese
Journalisten müssen heute eingestehen, daß das alles nicht wahr ist und daß das
alles wie ein Kartenhaus zusammengebrochen ist.
Liebe
Freunde, ich weiß ja, daß viele Delegierte, auch viele Ortsvorsitzende und engagierte
Mitglieder vor Ort uns seit Monaten auffordern: Geht da mal etwas offensiver ran,
geht damit einmal etwas aggressiver um. Der Zeitpunkt, dies zu tun, ist jetzt
gekommen. Jetzt ist Schluß mit diesen Verdächtigungen und diesen Verleumdungen.
Wenn sich die Bundesregierung ihrerseits für 400 Millionen Mark kaufen läßt,
dann werden wir das im Wahljahr zum Thema machen.
Wir
wollen keine Bakschisch-Republik, liebe Freunde! Wir werden natürlich bei der
Bundestagswahl 2002 über die Zukunft reden, aber wir müssen damit rechnen, daß
wir von der rot-grünen Mehrheit immer wieder auch mit der Vergangenheit
konfrontiert werden. Nun, wenn sie das haben wollen, können sie es haben. Ich
habe nicht die Absicht, mich bei irgendjemandem in diesem Lande dafür zu
entschuldigen, daß es uns noch gibt, und ich habe auch nicht die Absicht, mich
bei irgendjemandem dafür zu entschuldigen, daß wir 16 Jahre lang in Deutschland
regiert haben. Es waren gute Jahre, es waren bessere Jahre als die drei von Rot
und Grün.
Wenn
sie diese Auseinandersetzung haben wollen, dann können sie sie haben. Dann
werden wir eben, wenn sie wollen, wieder über die Umstände sprechen, unter denen
die deutsche Einheit möglich wurde. Ich werde mich auch nicht von jemandem beeindrucken
lassen, dem da dann die Tränen kommen. Dann sollen ihm die Tränen darüber
kommen, daß er damals auf der falschen Seite gestanden hat! Wir werden jedenfalls
sagen, daß wir es waren, die es möglich gemacht haben. Wenn dieselben Leute der
Meinung sind, daß wir über die Zukunft reden sollten, dann reden wir über die
Zukunft, dann reden wir auch über die Zukunft der Parteien in Deutschland. Wir
reden dann bitte auch über die Zukunft der Finanzierung der Parteien in
Deutschland. Wir werden dabei nicht verschweigen, daß es bei uns Fehler gegeben
hat. Aber, liebe Freunde, aus den Fehlern werden Konsequenzen gezogen, und zwar
nicht nur aus den Fehlern, die bei uns passiert sind, sondern auch aus den
Fehlern, die an anderer Stelle fortbestehend passieren.
Wir
haben ein neues Parteienfinanzierungsgesetz vorgeschlagen. Der Text liegt im Deutschen
Bundestag ausformuliert vor. Nach diesem Parteienfinanzierungsgesetz müssen
politische Parteien – die CDU und die CSU werden es selbstverständlich tun –
nicht nur ihren Beteiligungsbesitz, sondern auch ihren Immobilienbesitz
offenlegen und zu Verkehrswerten in den Rechenschaftsberichten der
Öffentlichkeit zugänglich machen. Wenn wir das machen, wollen wir es auch von
der SPD wissen, liebe Freunde.
Dann
werden wir es eben nicht mehr durchgehen lassen, daß in einem Rechenschaftsbericht
der SPD die Landesgeschäftsstelle der Berliner SPD dort unter einer Grundstücksgesellschaft
Wedding GmbH ausschließlich mit dem Stammkapital dieser GmbH veröffentlicht
ist. Diese Geschäftsstelle hat einen Verkehrswert nicht von 50 000, sondern von
5 Millionen DM, und die deutsche Öffentlichkeit hat Anspruch darauf, auch zu
wissen, welche Vermögenswerte bei der SPD vorhanden sind.
Wir
sollten nicht nur die Härte der Auseinandersetzung nicht scheuen, sondern auch die
Breite und die Tiefe der Themen ansprechen, die die Menschen bewegen. Zu diesen
Themen in einer sich rasant verändernden Welt gehört ohne Zweifel das Thema,
über das wir heute Morgen im Zusammenhang mit der Biomedizin und der Ethikdebatte
schon gesprochen haben.
Liebe
Freunde, darüber muß der Deutsche Bundestag im Januar nächsten Jahres diskutieren
und – das ist ziemlich sicher – auch eine Entscheidung treffen. Der Deutsche Bundestag
selbst hat eine Enquete-Kommission genau zu diesen Themen eingerichtet. Trotzdem
hat der Bundeskanzler es für richtig gehalten, einen so genannten Nationalen
Ethikrat einzuberufen. Dieser Rat hat sich in der letzten Woche mit Mehrheit
für den Import embryonaler Stammzellen entschieden. Ich will es von dieser Stelle
aus noch einmal sagen: Dem Ethikrat fehlt jegliche Legitimation. Ein Gremium,
das nach Gutdünken und persönlicher Opportunität des Bundeskanzlers zusammengesetzt
ist, hat weder eine ethische noch eine moralische oder eine – das ist
selbstverständlich – demokratische Legitimation. Ich stelle an diejenigen, die
Mitglied des Nationalen Ethikrates sind und die nicht zur Mehrheit gehören, die
Frage, wie lange sie sich eigentlich noch von der Politik der rot-grünen
Bundesregierung instrumentalisieren lassen wollen, die dieses Gremium nur
eingesetzt hat, um eine öffentliche Scheinlegitimation zu begründen. Der
Gesetzgeber muß darüber entscheiden.
Liebe
Freunde, lassen Sie mich auch Folgendes ganz offen und so, wie ich darüber denke,
sagen: Wir, die CDU und die CSU, sollten solche Sätze wie den „Wir sind nicht
die Herren des Lebens" nicht dem Bundespräsidenten, nicht einem ehemaligen
SPD-Parteivorsitzenden, und nicht der Bundesjustizministerin allein überlassen.
Wir sollten solche Sätze auch sagen. Wir, diejenigen, die politische
Verantwortung tragen, sind nicht die Herren des Lebens. Wir entscheiden immer
nur über die vorletzten Dinge. Wir vertreten dabei ein christliches Menschenbild,
das uns prägt und das uns von anderen unterscheidet. Dieses Menschenbild bindet
uns. Vielleicht ist in jüngster Zeit der Beitrag des Bischofs der Evangelischen
Kirche Berlin-Brandenburgs, Wolfgang Huber, zum Reformationstag der beste
Beitrag gewesen, den auch wir nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern über den
wir auch nachdenken sollten. Er sagt mit Bezug auf die Erklärung der beiden
großen Kirchen zur Rechtfertigungslehre, die sie vor gut zwei Jahren gemeinsam
beschlossen haben, daß sich auf der Grundlage dieser Erklärung katholische und
evangelische Christen gemeinsam für ein christliches Bild vom Menschen
einsetzen könnten, nach dem die Würde der menschlichen Person nicht einfach ein
Resultat seiner genetischen Ausgestaltung sei. Würde habe der Mensch dadurch,
so sagt Bischof Huber, daß er von Gott zu dessen Ebenbild berufen sei. So
berufen auch wir uns in der CDU und in der CSU auf das christliche Menschenbild.
Wenn wir, liebe Freunde, daraus abgeleitet im Menschen mehr sehen, als die
Summe seiner biologischen Merkmale, dann gibt es auch eine Schutzpflicht des
Staates gegenüber einem noch nicht geborenen Menschen, und zwar von Anfang an.
Wenn
wir nicht wissen – vielleicht können wir es auch nicht wissen -, wann menschliches
Leben wirklich beginnt, dann muß im Zweifel mit der ersten Stufe, nämlich mit der
Verschmelzung von Ei und Samenzelle, die Schutzwürdigkeit des Lebens beginnen. Darüber
gibt es in unserer Gesellschaft und auch in unserer Fraktion eine tief gehende Diskussion
und unterschiedliche Auffassungen. Aber, liebe Freunde, ich glaube, ein
Vorsitzender, der eine eigene Überzeugung hat, muß diese auch zum Ausdruck
bringen können und dürfen. Er muß auch sagen, wie er die Dinge sieht.
Nach
dem eben beschriebenen Verständnis vom Menschen – ich nehme niemanden dafür in
Anspruch; ich sage es so, wie ich die Dinge sehe – verbieten sich die Selektion
menschlicher Embryonen nach der Präimplantationsdiagnostik ebenso wie die verbrauchende
Forschung an embryonalen Stammzellen. Wo immer es alternative Methoden gibt, muß
diesen Methoden Priorität eingeräumt werden. Die Menschen müssen eben erkennen,
daß wir es sind, die, vom christlichen Menschenbild ausgehend, eine Politik
formulieren, die dem Menschen und seiner unantastbaren Würde uneingeschränkten
Schutz zukommen läßt.
Erlauben
Sie mir, daß ich in dem großen Zusammenhang, der sich aus unserem Menschenbild
und unserer Vorstellung von Politik für Deutschland ergibt, auch noch einmal
ein klares Wort zu den Familien in Deutschland sage und ein klares Bekenntnis dazu
ablege. Es ist oft genug gesagt worden – das ist richtig -, daß es niemandem von
uns zusteht, anderen Menschen zu sagen, wie sie zu leben haben. Das ist nicht
die Aufgabe der Politik. Deswegen muß jeder für sich alleine eine persönliche Lebensentscheidung
treffen. Aber, liebe Freunde, mir geht es doch ein Stück zu weit, wenn sich der
Regierende Bürgermeister von Berlin, der zurzeit mehr der regierende Partymeister
von Berlin ist, mit einer Aggressivität outet, die andere, die sich anders
entschieden haben, etwas in das Abseits stellt. Wenn Sie sich einmal die
Regierungsbank in Berlin ansehen – das ist kein Werturteil -, dann werden Sie
feststellen, daß es schwer ist, dort jemanden zu finden, der unsere
Vorstellungen von der Art, wie man in einer Familie mit Kindern zusammenleben
und wie man in einer Familien zusammenhalten sollte, teilt.
Noch
einmal: Das ist kein Werturteil. Es ist jedermann selbst überlassen, wie er leben
möchte.
Aber
ich möchte mich verdammt noch einmal bei niemandem in diesem Land dafür entschuldigen
müssen, daß sich die meisten von uns anders entschieden haben und daß ich seit
20 Jahren mit derselben Frau verheiratet bin und dies auch in den nächsten 20
Jahren zu bleiben gedenke. Liebe Freunde, ich habe keine Lust, mich dafür zu
entschuldigen!
Lassen
Sie uns, liebe Freunde, in diesem Sinne selbstbewußt und offensiv, aber nicht
ohne kritische Überprüfung der eigenen Positionen, die immer notwendig ist, in das
Wahljahr 2002 gehen. Lassen Sie uns gemeinsam an die Herausforderung gehen, die
rot-grüne Bundesregierung abzulösen. Unsere Anhänger, unsere Wähler, unsere
Mitglieder und die CDU/CSU-Bundestagsfraktion wollen das. Wir werden das im
nächsten Jahr auch schaffen. Wir werden den Menschen dabei etwas zumuten.
Wir
wollen ihnen die Wahrheit darüber sagen, was wirklich Notwendig in diesem Land
ist. Wenn sie uns dann fragen, ob das möglich ist, dann werden wir ihnen antworten:
Ja,
es geht! Wir trauen uns das zu! – Herzlichen Dank.