Grußwort des Vorsitzenden der CDU Sachsen, Prof. Dr.
Georg Milbradt auf dem 14. Bundesparteitag in Dresden, 3. Dezember 2001
Frau Präsidentin! Liebe Delegierte! Meine Damen und Herren!
Für uns als sächsische Union ist es eine große Ehre und
Freude, daß wir gemeinsam mit Ihnen schon zum dritten Mal nach der Vereinigung
zu einem Parteitag in Sachsen zusammenkommen. Unsere Vorsitzende hat darauf
hingewiesen, daß der erste Parteitag in Sachsen vor zehn Jahren in Dresden
stattgefunden hat. Wir haben uns damals mit den Problemen und den Chancen der
Vereinigung befaßt. Vieles von dem, was wir uns damals vorgenommen haben,
konnten wir mittlerweile erreichen. Einiges ist noch unerledigt und neue Herausforderungen
sind hinzugekommen.
Wichtig für mich ist vor allem Eines: Der inneren Einheit Deutschlands sind wir
ein großes Stück näher gekommen und die Erfolge unserer Politik können wir
vielerorts in Dresden, in Sachsen und in ganz Ostdeutschland sehen.
Nach zehn Jahren können wir sagen: Die politische Integration der neuen
Bundesländer in das Rechts-, Wirtschafts- und Gesellschaftssystem der alten
Bundesrepublik ist weitgehend abgeschlossen. Möglich wurde dies durch den
Willen zur Veränderung im Osten und durch den Willen zur solidarischen Hilfe im
Westen. So konnten wir hier bundesdeutsches Recht, funktionierende Systeme und
bewährte Institutionen übernehmen. Hinzu kamen und kommen beträchtliche
Finanztransfers, ohne die dieser Transformationsprozeß nicht in so kurzer Zeit
möglich gewesen wäre. In diesem Zusammenhang möchte ich auch darauf hinweisen, daß
wir mit dem Kraftakt der Vereinigung auch Teil der Europäischen Union geworden
sind.
Ohne die Hilfe aus dem Westen zu schmälern, müssen wir aber auch feststellen:
Nicht immer waren die Regeln, die wir nach der politischen Wende übernommen
haben, unserer besonderen Situation angemessen. Sie stammten ja nicht aus der
Aufbauzeit der alten Bundesrepublik der 50er-Jahre, sondern waren die einer
reichen, saturierten und daher wenig veränderungsbereiten Gesellschaft der
80er-Jahre. Ihre Ordnung prämierte nicht etwa Veränderungen, die bei uns im
Osten unverzichtbar waren, sondern den Status quo, den wir überwinden wollten.
Oft entpuppten sich die ersehnten Grundrechte als Magna Charta des Egoismus.
Wir
mußten deshalb auch neue Wege gehen.
Ein Beispiel ist das Verkehrswegebeschleunigungsgesetz, das uns zu modernen
Verkehrswegen verhalf, die für die wirtschaftliche Entwicklung unerläßlich sind.
Während etwa München oder Stuttgart rund 25 Jahre benötigten, um neue Flughäfen
zu realisieren, konnten wir den Leipziger Flughafen in nur fünf Jahren faktisch
neu errichten. Nur am Rande sei bemerkt: Hätten sich 1991 der damalige
Ministerpräsident Schröder und der Grüne Trittin in der Diskussion über das Verkehrswegebeschleunigungsgesetz
durchgesetzt, würden wir wohl noch heute über schlaglochgespickte Straßen aus
DDR-Zeiten kriechen.
Die beschleunigten Planverfahren haben sich in Ostdeutschland bewährt. Oder
haben Sie den Eindruck, daß die Rechte der Bürger oder der Schutz der
Natur bei der Abwägung bei uns zu kurz gekommen sind? Den Menschen und der
Natur wird doch nicht durch Gesetze geholfen, die Verfahren endlos hinauszögern
und unnötig komplizieren, sondern durch solche, die schnelle und sachgerechte
Entscheidungen ermöglichen.
Ich habe den Eindruck, daß der wahre Grund dafür in der Angst vor dem Neuen,
dem Unbekannten liegt. Am besten sollte alles so bleiben wie bisher. Dies mag
zwar verständlich sein, hilft uns aber in einer Welt des Wandels nicht weiter.
Hier können die Westdeutschen von den Ostdeutschen lernen. Wir sollten zum
Beispiel unser gesamtdeutsches Planungsrecht unter Berücksichtigung der
ostdeutschen Erfahrungen überarbeiten.
Meine Freunde, auch auf diesem Gebiet müssen SPD und Grüne noch viel lernen. Am
besten wäre, sie hätten nach der nächsten Bundestagswahl Zeit für die erforderliche
Weiterbildung. Apropos Bildung: Meine Kinder haben hier in Dresden nach zwölf
Jahren Abitur gemacht und studieren erfolgreich an deutschen und ausländischen
Hochschulen. Sie haben in diesen zwölf Jahren sicher nicht weniger gelernt als
Schüler in manchem links regierten Land in Westdeutschland in 13 Jahren. Die
kürzere Schulzeit von zwölf Jahren ist ein Fortschritt, auch und gerade
wenn wir künftig im europäischen Vergleich mithalten wollen. Daher freue ich
mich, daß jetzt CDU-geführte Länder auf unseren Kurs einschwenken.
Meine Damen und Herren, dies sind nur zwei Beispiele für Erfahrungen und
Erkenntnisse aus den neuen Bundesländern, an denen alle Deutschen partizipieren
sollten, und zwar mehr als bisher. Unsere Gesellschaft braucht mehr Luft zum Atmen,
mehr Freiheit und weniger Bürokratie und das gilt ganz besonders für den Aufbau
im Osten.
Liebe Freunde, für die innere Einheit ist nicht zuletzt eines wichtig: vergleichbare
Lebensverhältnisse in Ost und West. Vieles davon ist bereits erreicht,
insbesondere dort, wo der Staat direkt Verantwortung trägt. Die Wirtschaftsleistung
pro Kopf hat sich seit 1991 mehr als verdoppelt. Vielerorts entstand eine moderne
und wettbewerbsfähige Industrie. Wer hätte denn noch vor zehn Jahren geglaubt, daß
in Dresden einmal der schnellste Mikroprozessor der Welt hergestellt wird
und ein weltweit beachtetes Zentrum der Mikroelektronik entwickelt worden ist?
Zu Zeiten des alten Kombinats Robotron versuchten hier engagierte und
talentierte Ingenieure, mit hohem Aufwand, aber wegen des sozialistischen Wirtschaftssystems
zwangsläufig vergebens den Rückstand in der Chipproduktion von rund vier Jahren
aufzuholen.
Städte und Dörfer erstrahlen in neuem Glanz; das DDR-Grau ist verschwunden. Nur
ein Blinder oder ein Ignorant kann das leugnen. Man muß nur hinsehen und seine ideologischen
Scheuklappen ablegen. Ende der 80er-Jahre versprach die SED, der damals noch
eklatante Wohnungsmangel in der DDR würde bis Mitte der 90er-Jahre beseitigt werden.
Hier hatten Honecker und Co. ausnahmsweise einmal Recht, auch wenn sie zum
Glück nicht dafür verantwortlich waren. Heute gibt es
genügend Wohnraum in allen Preisklassen und Lagen. Unser Problem ist jetzt, daß
wir in der Wohnungspolitik zu erfolgreich waren und daß zu viele Wohnungen
modernisiert oder neu gebaut wurden. Die Mieter freut das. Ihre Befürchtungen, daß
die Marktwirtschaft zu unbezahlbaren Mieten führen würde, haben sich als unbegründet
erwiesen. Die Kommunisten haben auch hier wieder einmal Unrecht.
Auch das Gesundheitswesen hat westdeutschen Standard erreicht. Die Lebenserwartung
ist deutlich gestiegen und nähert sich westdeutschem Durchschnitt. Sehen Sie
sich einmal die Behinderteneinrichtungen und unsere Senioren- und Pflegeheime
an. Wer die oft menschenunwürdige Unterbringung zu DDR-Zeiten noch kennt, weiß,
zu welchen sozialen Leistungen unsere Gesellschaft fähig ist. Der Sozialismus
hatte für die nach seiner Auffassung unproduktiven Teile der Gesellschaft, die
Menschen außerhalb des Arbeitsprozesses, nichts übrig. Es war die CDU mit Norbert
Blüm, die nach der Wiedervereinigung die entscheidenden Weichen stellte.
Auch Umweltschutz war zu DDR-Zeiten ein Fremdwort. Die Natur wurde rücksichtslos
ausgebeutet. In den Industrieregionen war die Luft in hohem Maße verschmutzt.
Die Flüsse waren durch ungeklärte Abwässer vergiftet. Heute gibt es wieder Fische
in der Elbe. Sie können auch wieder verzehrt werden. Das sächsische
Umweltministerium rät allerdings vom täglichen Genuß ab. Auf diese Idee wäre aber
sowieso niemand gekommen.
Meine Damen und Herren, das alles sind Erfolge, die selbstverständlich geworden
sind und über die man leider kaum noch spricht. Es sind Erfolge, zu denen
unsere Partei mit Helmut Kohl entscheidend beigetragen hat. Den wichtigsten Beitrag
jedoch leistet das deutsche Volk, und zwar in Ost und West. Die Westdeutschen
haben in einer in Höhe und Dauer einzigartigen finanziellen Kraftanstrengung
die Basis geschaffen. Der erste Solidarpakt war Grundlage für einen
langfristigen
Aufbau im Osten. Trotz aller Unkenrufe hat die gesamtdeutsche Solidarität
funktioniert und sie funktioniert auch weiter. Mit dem Solidarpakt II sind
jetzt die notwendigen Verlängerungen erreicht. Dafür sind wir dankbar.
Geld war und ist notwendig; daran besteht kein Zweifel. Aber
Geld ist nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für einen
erfolgreichen Aufbau. Dankbarkeit gegenüber dem Geber kann man am besten zeigen,
indem man die Hilfen sachgerecht und erfolgreich verwendet. Niemand will
bekanntlich in ein Faß ohne Boden zahlen.
Liebe Freunde, wenn Sie sich in Sachsen umsehen, werden Sie feststellen, daß
wir mit Ihrer Hilfe sorgsam umgegangen sind. Sachsen hat gezeigt, daß man
Aufbau ohne übermäßige Verschuldung betreiben kann. Wir liegen nach Bayern auf
Platz 2 der Hitliste der geringsten Verschuldung. Hätte zum Beispiel die
Sächsische Staatsregierung hier die gleiche Finanzpolitik wie Rot mit
dunkelroter Unterstützung in Sachsen-Anhalt betrieben, müßten wir jedes Jahr
fast 1,5 Milliarden DM mehr für Zinsen an die Banken zahlen und könnten bei den
Ausgaben für Infrastruktur, Kultur und Wissenschaft nicht an der Spitze liegen.
In allen neuen Bundesländern haben die Menschen einen tief greifenden Veränderungsprozeß
bewältigt. Rund 90 Prozent der 1989 vorhandenen Arbeitsplätze sind weggefallen,
die meisten unmittelbar nach der Vereinigung. Neue sind geschaffen worden. Aber
viele Arbeitnehmer mußten aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden. Noch immer ist die
Arbeitslosenrate erschreckend hoch.
Dieser für die Betroffenen meist sehr schmerzliche Veränderungsprozeß hin zu
einer noch weitgehend unbekannten Zukunft ist ohne soziale Unruhe mit einer
beispiellosen Disziplin und Umsicht bewältigt worden. Wer die Schwierigkeiten
von Umstrukturierungsprozessen in Westdeutschland, zum Beispiel bei Kohle und
Stahl, erlebt hat, kann die große Leistung der Menschen im Osten ermessen. Auf
all dieses können wir stolz sein. Mehr war realistischerweise nicht möglich.
Wer diese Erfolge bestreitet oder klein redet, nimmt der Bevölkerung einen wichtigen
Motor für die Zukunft, nämlich den Mut und das Vertrauen in die eigene Kraft.
Die aber brauchen wir dringend; denn viel bleibt noch zu tun.
Die Sächsische Union mit Kurt Biedenkopf hat gezeigt, daß wir den Aufbau
schaffen. Die Bevölkerung hat uns in allen Landtagswahlen ein überwältigendes
Vertrauen ausgesprochen. Dabei soll es auch in Zukunft bleiben.
In den letzten Jahren ist der wirtschaftliche Aufholprozeß ins Stocken geraten.
Die Lokomotive Bau ist zum Bremserhäuschen geworden. Die Industrie ist noch zu
schwach. Das spüren wir schmerzlich. Wir brauchen hier im Osten einen neuen Schub.
Die jetzige Bundesregierung ist uns keine Hilfe. Für Gerhard Schröder ist der Aufbau
nur lästige Nebensache. Von Chefsache war nur vor den Wahlen die Rede. Die
letzten drei Jahre waren für uns verlorene Jahre. Das muß ein Ende haben.
Die Nachwendezeit geht zu Ende. Die Probleme, die ihren Ursprung in der alten
DDR und in der Wiedervereinigung hatten, treten mehr und mehr zurück. Die neuen
Herausforderungen, die von uns allen im Westen und im Osten zu meistern sind, heißen
Globalisierung, europäische Einigung, innere und äußere Sicherheit,
technologischer Fortschritt und Bevölkerungsrückgang. Dafür müssen wir die
richtigen Antworten und Konzepte finden, damit wir die Wähler im nächsten Herbst
überzeugen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Freunde! In diesem Sinne wünsche
ich uns allen einen erfolgreichen Parteitag und vor allen Dingen viel Erfolg im
nächsten Jahr bei den Bundestagswahlen.