Die Kraft des Christentums

 

von Erzbischof Nossol

erschienen in Paneuropa Deutschland III/2003

 

Der Bischof der schlesischen Diözese Oppeln, Erzbischof Alfons Nossol, gehört zu den entschiedensten Vorkämpfern der Ökumene sowie der Verständigung und Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen. Paneuropa Deutschland dokumentiert seine Rede vor den Abgeordneten der Paneuropa-Intergruppe im Europäischen Parlament, in der Erzbischof Nossol die Kirche und alle Christen dazu aufruft, die Welt nicht im Stich zu lassen und sich in die öffentlichen Angelegenheiten der Zivilgesellschaft einzumischen.

 

Noch nie in der Geschichte wurde so viel und so intensiv von Europa gesprochen wie jetzt. Daß dies geschieht, hat mehrere Ursachen. Die visionäre Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in einem „vereinigten Europa“ - wie sie von Persönlichkeiten wie Robert Schuman, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi oder Charles de Gaulle propagiert wurde - scheint nun endgültig Realität zu werden. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß Europa mit dem annus mirabilis 1989, mit dem Zusammenbruch der Ordnung von Jalta und mit der Wiedervereinigung Deutschlands an einem historischen Wendepunkt seiner Geschichte angelangt ist. Erstmals bietet sich den Völkern Europas die Gelegenheit, gemeinsam ein neues Europa zu gestalten, in dem das mit der Charta von Paris fixierte „neue Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit“ seine Realisierung finden kann.

Im Kontext unserer Überlegungen steht „Europa“ für jene Raum-Zeit-Region der Menschheitsgeschichte, in der das Christentum schon lange vor dem Beginn der neuzeitlichen Vergesellschaftung zur dominierenden Form der kulturellen Deutung religiöser Erfahrung geworden war und bis heute auch geblieben ist. In dieser raum-zeitlichen Region der Menschheitsgeschichte wurde die judäo-christliche Tradition in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit – angefangen von der Bibel bis zur Literatur, Bildenden Kunst und Architektur – zum verbindlichen identitäts – und sinnstiftenden Forum der abendländischen Zivilisation, das auch Nicht-Glaubenden Platz bot.

Die europäische Kultur wurde von vielen Faktoren geprägt und geformt: Vom Geist Griechenlands und der römischen Welt, der hebräischen und der islamischen Kultur, aber auch von den Errungenschaften seiner lateinischen, keltischen, germanischen und slawischen Völker.

Trotz der ethnischen, kulturellen und geschichtlichen Vielfalt seines Erbes bleibt jedoch eines unleugbare Tatsache: daß Europa jener Kontinent war, der sich als erster in seiner Vielgestaltigkeit vom christlichen Glauben erfassen ließ und damit die Voraussetzungen schuf für die Entstehung einer Einheit und Kultur, die von der biblischen Offenbarung geprägt sind. In diesem Sinne kann man zu Recht von den „christlichen Wurzeln“ Europas sprechen, und zwar insofern, als sich ohne Bezugnahme zu christlichen Denkkategorien die europäische Identität nicht vollständig definieren kann!

Zugleich steht Europa aber auch für jene Raum-Zeit-Region, innerhalb derer sich im Laufe der letzten Jahrhunderte eine grundlegend neue Form menschlicher Vergesellschaftung etablieren konnte, die gemeinhin als Industrialisierung bzw. heute umfassender als Modernisierung bezeichnet wird. Dieser Modernisierungsprozess ist nun Ende der  sechziger  Jahre in eine neue, radikalere Phase eingetreten, die in einer grundlegenden geistigen Umorientierung münden sollte. Die sogenannte Postmodeme, als radikalisierte Moderne, zeitigt für die christlich geprägte Raum-Zeit-Region Europa tiefreichende destruktive Konsequenzen und ist als solche ein wesentliches geschichtliches Faktum, an dem wir Maß nehmen müssen und uns der Frage zu stellen haben: Wie verhalten sich nun wachsende Modernität und Niedergang des Religiösen zueinander? Wie ursächlich ist der Zusammenhang zwischen Modernisierung und Entchristlichung?

Die Postmoderne bzw. die Modernität konstituiert ein Weltbild, das sich zutiefst von jenem unterscheidet, das sich seit Beginn des Christentums etabliert hatte. Es war dies ein Weltbild, in dem die religiöse Dimension nicht nur die Basis der Existenz jedes Einzelnen bildete, sondern den kulturellen und legitimatorischen Rahmen des gesamten gesellschaftlichen Gesamtzusammenhanges stellte. Eben diese Einbindung in die Christenheit als überlieferte, sichernde Lebenseinheit ist dem Individuum im Zeitalter der Moderne weitestgehend abhanden gekommen.

Die Entflechtung von Kirche, Staat und Gesellschaft, also die Loslösung des Profanen vom Religiösen und die Emanzipation von Wissenschaft und Wirtschaft von den Erwartungen der Religion sind als die prägnantesten Charakteristika dieses europäischen Säkularisationsprozesses anzusehen.

Im Gefolge des neuzeitlichen Säkularisationsprozesses, der spätestens seit der Aufklärung eine Emanzipation der westlichen Gesellschaft und Kultur von ihren christlich geprägten Denkformen dezidiert forderte, setzte im modernen Europa eine immer radikalere Religionskritik ein, die in einer umfassenden Infragestellung der religiösen Weltsicht gipfelte. Den geistigen Ausgangspunkt dieser Religionskritik bildete zweifellos die nationalistische bzw. aufklärerische Ablehnung Gottes im Namen der Vernunft. Die als widervernünftig apostrophierten Glaubensinhalte büßten endgültig ihre Autorität als letztgültige Wahrheitsinstanz ein. Die freie Vernunft, die autonome menschliche Ratio, war zum einzigen Richtmaß des Denkens und Handelns, zur ursprünglichen Quelle aller Wahrheit geworden.

Im Verlauf der Modernisierung der europäischen Gesellschaft kam es zur sozialen Ausdifferenzierung einer ehemals einheitlichen, hierarchisch geordneten Gesellschaftsstruktur und zur Herausbildung einer ständig wachsenden Zahl von gesellschaftlichen Teilsystemen, die ihrerseits eine immer stärkere Autonomie entfalteten und in fortschreitendem Maße eine Eigendynamik entwickelten. Diese autonomen und eigengesetzlichen gesellschaftlichen Subsysteme wie Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Technik, und hier wiederum Teilsektoren wie Informatik, Kommunikation und nicht zuletzt etwa auch die Unterhaltungsindustrie, richten sich in ihrer Gesetzmäßigkeit nicht nach festgesetzten höheren Werten und Zielen, sondern folgen ihren jeweiligen autonomen funktionalen Erfordernissen.

Das auf sich selbst und seine Vernunft als einziges Werkzeug der Welterkenntnis zurückgeworfene Individuum konnte in seiner modernen, pluralistisch strukturierten Lebenswelt nun auch nicht mehr auf eine gesellschaftlich festgelegte Weltordnung rekurrieren, wie sie ehedem in allgemeinen Sozialisationsvorgängen jedermann vermittelt worden war. Dafür stand ihm nun eine Vielfalt an Weltauffassungen zum Angebot. Statt einer auf das Absolute ausgerichteten Ratio konnte der Einzelne nun aus einer Vielzahl an Rationalitäten wählen. Statt der allumfassenden Wahrheit standen und stehen ihm nun mehr oder minder bequeme Teilwahrheiten und diverse Sinn- und Heilsangebote zur Verfügung.

Inmitten dieses Überangebotes an Weltauffassungen, Rationalitäten und Wahrheiten, die in der öffentlichen Meinung um Einfluss und Geltung konkurrieren und mit Bezug auf bestimmte Geltungsbereiche jeweils höhere Plausibilität für sich beanspruchen, wird dem christlichen Weltverständnis nur noch der Rang eines der zahlreichen Mitstreiter zugewiesen. Die Welt der Religion steht mehr oder minder gleichberechtigt neben der Arbeitswelt, Familienwelt, der Politikwelt, Freizeitwelt und nicht zuletzt der Traum- und Phantasiewelt.

Mehr noch – und sagen wir dies in aller Offenheit: Die neue moderne Welt, die sich in Europa herausgebildet hat, ist ihrem Selbstverständnis nach im Grunde a-religiös. Das heutige Weltbild rekurriert nicht mehr auf seine geistigen Quellen und spirituellen Reichtümer. Das Christentum und seine Werte – jahrhundertelang in Wissenschaft, Bildung, Erziehung, Staat, Kultur und Wirtschaft tradiert – haben aufgehört, der Urgrund von Sinn- und Heilserfahrung zu sein.

Die damit einhergehende Relativierung aller bislang geltenden Normen führt beim Individuum oftmals zu einer offenen Ablehnung  jeglicher Verantwortung, das innere Erleben des Einzelnen, die radikale Subjektivität wird zum einzigen Maßstab des Handelns.

Der moderne Mensch sucht das mit dem Ausbleiben der immateriellen Erfüllung einhergehende Sinnvakuum durch die Befriedigung materieller Bedürfnisse zu kompensieren. Da von einer entfernteren oder gar eschatologischen Zukunft nicht viel zu erwarten ist, erfolgt eine Umpolung eschatologischer Hoffnung zur Immanenz des Paradise Now!. Der Daseinsimperativ heißt „erlebe dein Leben!“, denn das jetzige Leben ist, wie es scheint, die einzige und letzte Gelegenheit. Die visionslose „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze) mit ihrer Maxime der individuellen Gefühls- und Erlebnismaximierung scheint sich bereits ihn ihrer „Art heiterer Hoffnungslosigkeit“ (Hans Kessler) eingerichtet zu haben.

Der wohl bedeutendste zeitgenössische Dichter Polens, Tadeusz Rozewecz, hat diesen Stand der Dinge lapidar formuliert: „Es schien, als könne der Mensch ohne Glaube, Hoffnung und Liebe nicht existieren ... Doch am Ende des 20. Jahrhunderts drängt sich uns der Verdacht auf, daß sich dieses Säugetier ohne Liebe fortpflanzen, ohne Glaube leben und ohne Hoffnung sterben kann“.

In einem Brief an das 6. Symposium des Rates der Europäischen Bischofskonferenz sagt Johannes Paul II: „Die europäische Gesellschaft ist in eine neue Phase ihrer geschichtlichen Zukunft eingetreten. Den tiefgreifenden und komplexen Umwandlungen auf kulturellem, politischem, ethischem und spirituellem Gebiet, die dem sozialen Netz Europas eine neue Gestalt gegeben haben, muß eine neue Qualität der Evangelisierung entsprechen, die die unvergängliche Heilsbotschaft auf überzeugende Weise für den Menschen von heute neu formuliert“. Eben diese vom Heiligen Vater angesprochene neue Qualität der Evangelisierung ist als die entscheidende Antwort der Kirche auf die Herausforderungen der Moderne anzusehen. Diese Antwort bedeutet zugleich: Die Kirche will ihrem Auftrag, ihre universelle Botschaft in dem neuen politisch-kulturellen Universum zu verkünden, gerecht werden. Und das bedeutet auch, sich der Herausforderung durch die Moderne zu stellen  und sich ihr nicht durch eine Strategie des Abschottens zu entziehen.

Die katholische Kirche ist heute aufgefordert, unbeirrt an der im Zweiten Vatikanischen Konzil zum Durchbruch gelangten Perspektive festzuhalten. Denn dem Konzil ist zu danken, daß die christliche Tradition nicht auf das Schicksal eines Widerlagers der modernen Gesellschaftsentwicklung festgelegt wurde. Die programmatischen Schwerpunkte des Zweiten Vatikanums – der „Dialog mit der Welt“ und die „Erneuerung der Kirche“ –  zeugen davon, daß die katholische Kirche erkannt hatte, wie wesentlich es war „in der Welt zu sein“. Es wäre verhängnisvoll, sowohl für die Kirche wie auch für die europäische Gesellschaft, wenn die eingangs dargestellte defizitäre Form kirchlichen Seins die Kirche in einem Gefühl von Inkompetenz oder Ratlosigkeit zum Rückzug aus der säkularisierten „europäischen Szene“ veranlassen würde, um der Entwicklung einfach „ihren Lauf zu lassen“. Dies würde genau dem entsprechen, was Romano Guardini seinerzeit als „eine vom Christen im Stich gelassene Welt“ bezeichnet hat. Gerade dies darf aber mit Blick auf die Zukunft Europas eben nicht eintreten!

Die Kirche ist heute mehr denn je dazu aufgerufen, die Komplexität der postmodernen Wirklichkeit als Ort des Glaubens zu entschlüsseln.

Das Engagement der Kirche für die postmoderne Gesellschaft hängt in einem bestimmten Sinn mit der Problematik des weltanschaulich neutralen Rechtsstaates zusammen. Das Dramatische an dieser Sachlage ist, daß gerade der demokratische, weltanschaulich neutrale Staat die obersten Werte und letzten Normen nicht aus einer Philosophie oder Religion begründen darf, er aber doch auf Werte und Normen angewiesen ist. In der Konsequenz erhebt sich die Frage, wer bestimmt in einem solchen System dann die Kriterien von Gut oder Böse, von Wahr oder Falsch? Beläßt ein solches System den Menschen nicht in völliger Orientierungslosigkeit? Denn der Mensch von heute sieht sich aufgrund der Überfülle an Informationen über die widersprüchlichsten Wert- und Normensysteme, Ideologien, Philosophien, Lebensanschauungen und Religionen in seinem eigenen moralischen bzw. religiösen Standpunkt zutiefst verunsichert.

Das Leben, wenn es voll bejaht werden soll, bedarf doch einer letzten Zielrichtung und einer Sinnperspektive. Eines der elementarsten Bedürfnisse des Menschen ist doch das Bedürfnis nach einer Bindung an Sinn, Werte und Normen. Wird dieses Bedürfnis auch im Bereich der Religionen und Kirchen nicht befriedigt, vermittelt niemand und nichts eine Grundorientierung, eine Werthierarchie und einen Lebenssinn, dann droht ein gefährliches Sinn- und Normenvakuum, das sich nach all den düsteren Erfahrungen unseres Jahrhunderts nicht wiederholen darf!

Nicht weniger dramatische Fragen wirft das liberale Freiheitsverständnis auf, das den modernen konfessionsneutralen Verfassungsstaat bestimmt. Denn es meint in letzter Konsequenz die Freiheit des autonomen Individuums zum Glauben, Unglauben, Aberglauben – im Sinne beliebiger Religionen und Ideologien, auch areligiöser und sogar antireligiöser Art. In der Konsequenz führt dies zu einer weitgehenden Relativierung aller Normen, die sich in einem offenen Opportunismus äußern kann, als eine Einstellung, die jegliche Verantwortung gegenüber Dritten oder sogar Gott ablehnt, und einzig die Verantwortung sich selbst gegenüber gelten läßt, für die es keine allgemein geltenden Maßstäbe von Gut und Böse mehr gibt.

Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß der Mensch ohne Religion oder Glauben, durchaus ein authentisch menschliches, also humanes und in diesem Sinn moralisches Leben führen kann. Eben dies bestätigt die innerweltliche Autonomie des Menschen, die ihren Ausdruck in seiner Selbstverantwortung für seine Selbst-Verwirklichung und Welt-Gestaltung findet. In der Konsequenz muß folglich auch ein Atheist und Agnostiker keineswegs ein Nihilist sein, sondern kann ein Humanist und Moralist sein, der sich ernsthaft um Werte der Humanität und Moralität bemüht. „Doch eines kann der Mensch ohne Religion nicht, selbst wenn er faktisch für sich sittliche Normen annehmen sollte: die Unbedingtheit und Universalität ethischer Verpflichtung begründen.“ Denn „das Kategorische des ethischen Anspruchs, die Unbedingtheit des Sollens, läßt sich nicht vom vielfach bedingten Menschen her, sondern nur von einem Unbedingten her begründen: von einem Absoluten her, das einen übergreifenden Sinn zu vermitteln vermag und das den einzelnen Menschen, auch die Menschennatur, ja, die gesamte menschliche Gemeinschaft  umfaßt  und durchdringt. Das kann nur die letzte, höchste Wirklichkeit sein, die zwar nicht rational bewiesen, aber in einem vernünftigen Vertrauen angenommen werden kann – wie immer sie in den verschiedenen Religionen genannt, verstanden und interpretiert wird.

Zumindest für die prophetischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, ist das einzig Unbedingte in allem Bedingten, das die Unbedingtheit und Universalität ethischer Forderungen begründen kann, jener Urgrund, Urhalt, jenes Urziel des Menschen und der Welt, das wir Gott nennen. Dieser Urgrund, dieser Urhalt und dieses Urziel bedeuten für den Menschen keine Fremdbestimmung. Im Gegenteil: Solche Begründung, Verankerung und Ausrichtung eröffnen die Möglichkeit zu einem wahren Selbst-Sein und Selbst-Handeln des Menschen, ermöglichen Selbst-Gesetzgebung und Selbst-Verantwortung.“ Gerade in einer Zeit des Werterelativismus, einer Zeit von Orientierungslosigkeit und Bindungsschwund, einer Zeit weit verbreiteter Permissivität und schamlosen Zynismus kann das Christentum für das Gewissen des Einzelnen wieder eine entscheidende Rolle spielen, denn es kann ihm Halt, emotionale Stützung, Trost und Geborgenheit, vor allem aber Orientierung und Lebenssinn geben. Und gerade Orientierung und Sinnfindung sind in der hochkomplexen Gesellschaft, in der wir heute leben, zu einem vordringlichen Bedürfnis des Menschen geworden.

Und noch eines vermag Religion unzweideutig zu begründen: warum Moral, ethische Werte und Normen mehr sein sollen  als bloß eine Angelegenheit des persönlichen Geschmacks, der Opportunität oder der gesellschaftlichen Konvention, warum Normen und Werte unbedingt verpflichtend sein müssen und nicht nur dort, wo sie opportun scheinen, und warum sie für jeden von uns verpflichtend sein müssen, unabhängig von Klasse, Rasse oder sozialem Status. Denn im Unterschied zur Politik sieht Religion das Menschliche als im Göttlichen begründet an.

Im Kontext dieser Feststellungen nehmen die Christen Europas mit tiefer Beunruhigung die Tatsache wahr, daß in der Präambel der am 7. Dezember 2000 in Nizza proklamierten „Charta der Grundrechte der Europäischen Union“, die sich auf die „gemeinsamen Werte“ als „Grundlage einer friedlichen Zukunft der Völker Europas“ beruft, die „Invocatio Dei“ fehlt – und damit die Verankerung der „gemeinsamen Werte“ im absoluten Wert: in Gott. Die „Charta“ spricht nicht von einer „Verantwortung vor Gott und den Menschen“, wie dies z.B. in der Präambel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland der Fall ist. Diese Tatsache ist umso mehr bedenklich angesichts der sich in den postmodernen Gesellschaften verbreitenden Orientierungskrise, mit der Frustrationen, Zukunftsängste, Drogenkonsum, Alkoholsucht, Aids und Kriminalität vieler Jugendlicher im Kleinen ebenso zu tun haben wie im Großen die Korruptionsskandale in Politik und Wirtschaft oder die totale Enthemmung in der Kulturindustrie, mit ihrer sich immer schneller drehenden Spirale von Gewalt, Zynismus und Obszönität. Stück für Stück sind in der medial vernetzten, jeder Transzendenz beraubten, Welt jene Gewalt- und Sexualtabus gefallen, die Gesellschafts- und Völkerkundler als Voraussetzung des menschlichen Zusammenlebens ansehen.

Diese Symptome der Autodestruktion der postmodernen Gesellschaft bewirken, daß man am „Ende der Neuzeit“ langsam doch noch zu der Erkenntnis gelangt, daß eine wertefreie und transzendenzvergessene Gesellschaft letztlich in die Inhumanität führt. Daß eine Verfassungsordnung ohne Begründung in fundamentalen Wertsetzungen keine innere Kraft und keine Legitimität besitzt, und daß sie auf lange Sicht keinen Bestand haben kann.

Die allein durch ihre Effizienz legitimierte moderne Gesellschaft zerstört in den Individuen sittliche Werte und Haltungen, ohne die ein humanes Leben nicht denkbar ist. Der Humanisierungsprozeß kann sich nur durchsetzen, wenn alle Menschen  – Christen und Humanisten, Gläubige und Ungläubige  – sich miteinander dafür einsetzen. Die Christen haben dabei eine besondere Chance für diesen Einsatz, weil der christliche Glaube die Botschaft der Humanität ist und gleichzeitig jene Inspiration und Perspektive anbietet, in der die Humanisierung der menschlichen Lebenswelt, der menschlichen Kultur verwirklicht werden kann. Nichts anderes ist  in Sicht, um die entfaltete Moderne vor ihrer eigenen Degeneration zu schützen.

Die verfassungsmäßige Trennung von Kirche und Staat wie auch die Verankerung der Kirche in der Zivilgesellschaft bedeuten keinesfalls, daßsie zur reinen Privatangelegenheit wird und den öffentlichen Bereich völlig verläßt. „Die liberale Maxime“ Religion ist eine Privatangelegenheit’ ist zwar grundsätzlich richtig, kann aber nicht meinen, daß sich Religion nur mit Privatangelegenheiten und nicht auch mit öffentlichen Fragen befassen soll, oder sich nicht in die öffentlich ausgetragene Erörterung solcher Fragen, d.h. in den öffentlichen Bereich der Zivilgesellschaft einmischen darf. Glaube und Kirche dürfen sich in keinem Fall einfach damit begnügen, eine „Rolle“ zu spielen und nur jene Funktionen auszuführen, die sich aufgrund der Auswirkungen der neuzeitlichen Säkularisierung fast zwangsläufig für sie ergeben und die ihnen von der säkularisierten Gesellschaft oft nahegelegt werden.

Die Kirche muß also, um die Demokratie zu fördern und in Solidarität mit ihr zu agieren, nicht ihr traditionelles kirchliches Selbstverständnis aufgeben  und selbst zu einer individualistischen oder demokratischen Organisation werden. Verlangt ist vielmehr, daß sie zwar den Grundsatz und die Vision einer sittlich-religiösen Gemeinschaft aufrecht erhält, gleichzeitig aber aufhört, sich als staatliche Zwangsinstitution oder als Gemeinschaft zu betrachten, die mit der Nation oder der Gesellschaft zusammenfällt.

Die Neuzeit ist die bislang einzige Epoche der Menschheitsgeschichte mit nahezu unbegrenzten Verheißungen und Erwartungen. Die moderne „Erfolgsgesellschaft“, vor allem in ihrer völlig säkularisierter Gestalt, führt immer mehr zu einem Denken, das gleichsam einen Rechtsanspruch auf ein krisenfreies Dasein gekoppelt mit einem möglichst langem Leben stellt. Innerhalb eines solchen Erwartungshorizontes wirken Versagen, Schuld, Mißerfolg oder Erfolglosigkeit, vor allem aber Leiden, Krankheit, Sterben und Tod als kontraproduktiv zum herrschenden Lebensgefühl. Die Tabuisierung des Leidens gehört zu den Unmenschlichkeiten unserer Gesellschaft, denn sie entfremdet uns von einer wesentlichen Dimension unseres Mensch- und Mitmenschseins.

Der Mensch allein vermag der überwältigenden Realität des Leides in der Menschheitsgeschichte und im einzelnen Menschenleben nicht einen Sinn zu eröffnen. Dieses kann einzig die Perspektive des christlichen Glaubens. Denn es ist eine

Grundüberzeugung der biblischen Tradition, daß der Leidende in seiner Not nicht der vernichtenden Gewalt einer unbarmherzigen Macht ausgeliefert ist, sondern sich stets und allerorts vom wissenden und verstehenden Mit-Leiden Gottes getragen weiß, auch dann – und gerade dann –, wenn ihm Gott hinter dem Bösen, dem Leiden und der Ungerechtigkeit verborgen scheint.

Christlicher Glaube hat seinen Ort nicht irgendwo, sondern in der modernen Gesellschaft. Die moderne Gesellschaft würde sich ihrer bestimmenden Kräfte und Möglichkeiten berauben, würde sie ihre bis heute wirkende Herkunft vergessen. Dazu gehören auch die Inhalte des christlichen Glaubens. Gerade als Ort der erfahrbaren Liebe und Freiheit, als Raum der Integration inmitten einer desintegrierten Erfahrungswelt, als Sinnstifterin in einer Welt der Sinnentleertheit, der Absurdität, wenn nicht gar der expandierenden Banalität kommt der Kirche im zukünftigen Europa entscheidende Bedeutung zu. Denn eines steht wohl fest: Es ist keine andere Religion und kein anderes Ethos als das Christentum in Sicht, das die unberechenbare Moderne vor ihrer Selbstzerstörung zu schützen vermag.

Will sich Europa ernsthaft als Einheit im Sinne einer ausgesöhnten und vereinigten Werte- und Kulturgemeinschaft etablieren, so darf es seine christlichen Wurzeln nicht verleugnen! So wichtig das Zusammenwachsen Europas in der politischen und ökonomischen Dimension auch ist, es darf seine geistig-spirituelle und ethische Identität nicht vergessen, wie dies bisher weithin geschehen ist.

Es wäre illusorisch anzunehmen, daß das Zusammenwachsen Europas ohne Spannungen vor sich gehen wird. Die Regionen und Länder Europas mit ihren oftmals völlig gegensätzlichen kulturellen und historischen Erfahrungen können nur durch elementare Gemeinsamkeiten zusammengehalten werden. Diese zugrundeliegenden Gemeinsamkeiten sind nicht zuletzt auch deshalb so wichtig, weil sie uns Europäer in die Lage versetzen, trotz der unterschiedlichen Ausformungen unseres kulturellen gemeinsamen Verständnisses doch noch die gleichen Wurzeln zu erkennen: die Kultur des christlichen Abendlandes. Diese uns allen gemeinsame Kultur hat eine ungeheuer integrierende Kraft. Und eben diese Kraft ist für unsere zukünftige Gesellschaft, für die gegenwärtige und künftige Lebensweise Europas von allergrößter Bedeutung.