Arnold
Vaatz
Rede
auf dem Tag der Heimat, 14.09.2002, Rathaus Dresden
Meine
sehr verehrten Damen und Herren, liebe Heimatvertriebene,
Sie
haben sich für Ihren Tag der Heimat in diesem Jahr ein Motto gegeben: „Erinnern
– Bewahren – Zukunft gewinnen“.
Darin
steckt eine Botschaft: Solange wir uns weigern, Schlüsse aus unserer
Vergangenheit zu ziehen, wird die Geschichte ihre Lektionen wiederholen.
Deshalb kann es kein Verbot geben, sich zu erinnern. Sie wissen alle: Wo es um
die Vertreibung ging, gab es solche Erinnerungsverbote. Besonders in der
damaligen DDR.
War
ein Brief aus dem Westen mit einer Marke frankiert, die an die Vertreibung
erinnerte, so wurde sogar diese Briefmarke mit einem schwarzen Stempel
unkenntlich gemacht. Das Thema war tabu. Dies verursachte groteske
Wissenslücken. Ich erinnere mich an eine Szene in den siebziger Jahren im
Studentenwohnheim: Wir sprachen über den Kriegsausbruch. Und ein Kommilitone
nahm den Atlas vom Regal und suchte die Stadt Gleiwitz entlang des Flusslaufs
von Oder und Neiße.
Die
Vertriebenenverbände waren für die DDR-Propaganda die Inkarnation des
Verabscheuungswürdigen: Man nannte sie Revanchisten, Kriegstreiber und ewig
Gestrige. Und die gleichen Begriffe verwendete auch der tonangebende Teil der
westdeutschen Linken – zum Teil bis heute. Es seien – so lautete die
Sprachregelung – die infolge des Weltkrieges entstandenen Realitäten endlich
anzuerkennen. Die entstandenen Realitäten! Als seien diese Realitäten vom
Himmel gefallen! Daß auch sie auf brutalste Weise von Menschen gemacht waren,
sollte vergessen werden.
Wo
man in der DDR doch über dieses Thema sprach, dort suggerierte man eine höchst
einfache Logik: Die Verbrechen des Hitlerregimes an den Menschen in Europa
hätten diese natürliche Folge gehabt. Die Vertreibung sei eine gerechte
Bestrafung für den von Deutschland entfesselten Krieg. In dieser Haltung steckt
ein fataler Zynismus: Viele derjenigen, denen die Heimat und der Besitz nach
dem Krieg erhalten blieb und die an dem gespenstischen Phänomen Hitler, wenn
man schon von Verantwortung spricht, keine geringere Verantwortung trugen als
die Vertriebenen, waren damit zufrieden, daß die Strafe andere getroffen hatte.
Der
schreckliche Kosovo-Krieg erst war es, der das Thema neu aufleben ließ. Die
internationale Gemeinschaft schritt ein, weil sich ein Völkermord anbahnte. Als
die serbische Aggression gestoppt war, bemerkte die Welt eine fatale
Gegenbewegung: Die kosovo-albanische UCK schickte sich an, serbische Zivilisten
aus dem Kosovo zu vertreiben. Wieder reagierte die internationale Gemeinschaft:
Mochte die Aggression tausendfach von den Serben ausgegangen sein – zu ethnisch
begründeten Vertreibungen als Form der Rache gab es für niemanden ein Recht.
Vertreibungen sind Unrecht, werden immer Unrecht sein und waren niemals etwas
anderes als Unrecht. Aber was für jedes Volk auf der Welt gilt, das gilt auch
für uns.
Meine
Damen und Herren, daß von deutschen Boden eine unbeschreibliche Barbarei
ausgegangen ist, das verschweigen wir nicht. Sie, die Heimatvertriebenen, haben
sich schon im Jahre 1950 die Charta der Heimatvertriebenen gegeben und damit
ein Zeichen der Versöhnung gesetzt und ein Bekenntnis zum vereinten Europa
gesetzt. Dafür gebührt Ihnen Dank, höchster Respekt und Anerkennung. Es gab
seit 1949 keine demokratische Regierung in Deutschland, die nicht alle ihre
Kräfte für Versöhnung und Wiedergutmachung eingesetzt hätte. Deutschland hat
sich wie kaum ein Land in der Weltgeschichte zu seiner Vergangenheit, zu seiner
Verantwortung bekannt und um Vergebung gebeten. Unser demokratischer Staat
finanziert in erheblichen Maße die europäische Nachkriegsordnung, die
Europäische Union.
Ich
kann daher kein Argument dafür erkennen, warum wir auf die Erwartung verzichten
sollten, daß sich auch andere zu ihren Verfehlungen bekennen, wo solche
Verfehlungen im Raum stehen. Dabei will ich nicht verkennen, daß eine Regierung
eines Landes, das in Vertreibungen verstickt ist, in dieser Frage vor einer
schweren Aufgabe steht. Denn es ist niemals klar, wie eine Öffentlichkeit, der
über Jahrzehnte die Rechtmäßigkeit der Vertreibung suggeriert wurde, auf eine
solche Initiative reagiert. Daher gestatten Sie mir vielleicht, wenn ich der
polnischen Regierung ein Kompliment ausspreche, weil sie der Versuchung
widersteht, diese Frage politisch zu instrumentalisieren.
Was
aber ist bloß aus unseren tschechischen Nachbarn geworden? Haben wir ihnen
jemals unsere Sympathie versagt, als sie sich gegen die sowjetische Gewalt
aufbäumten? Haben wir nicht gemeinsam mit unseren Freunden von der Charta 77
eine demokratische Zukunft herbeigesehnt? Haben wir nicht alles getan, um auch
ihnen den Weg in ein freies Europa zu bahnen?
Die
Quittung war wie ein Faustschlag. Der tschechische Sozialdemokrat Zeman hat als
Ministerpräsident seines Landes nichts Besseres gewusst, als sich aus
verantwortungslosen Wahlkampferwägungen heraus mit einer ethnische Säuberung zu
brüsten. Er erklärte pauschal, daß die seit Jahrhunderten in Böhmen und in
Mähren lebenden Sudentendeutschen die fünfte Kolonne Hitlers gewesen sei und
empfahl dem israelischen Regierungschef Sharon, doch vom tschechischen Beispiel
zu lernen und mit den Palästinensern so zu verfahren, wie Benes mit den
Sudetendeutschen. In Gegenwart der Ehefrau des amerikanischen Präsidenten
erklärte er noch obendrein in Theresienstadt, die Vertreibung sei eine Quelle
des Friedens gewesen und die Sudetendeutschen müssten für sie dankbar sein: Sie
hätten heim ins Reich gewollt und Benes habe es ihnen ermöglicht. Der liberale
Parteiführer Klaus setzte noch eins drauf: Die Benes-Dekrete, so forderte er,
müssten in den Beitrittsvertrag zur EU einfließen. Nun ist der Begriff
Benes-Dekrete irreführend. Es gibt deren viele. Aber einige von ihnen haben in
der Europäischen Rechtsordnung nicht zu suchen. Im Dekret vom 19. Mai 1945 wird
die Übernahme des Eigentums „staatlich unzuverlässiger Personen“ verfügt. Und
„staatlich unzuverlässige Personen“ sind nach dem §4 dieses Dekrets alle
Personen „deutscher und magyarischer Nationalität“. Und das Dekret vom 8. Mai
1946 schließt die Täter von Mordtaten von der Strafverfolgung aus wenn diese in
der „Sehnsucht nach einer gerechten Vergeltung“ gehandelt haben. Die Berufung
auf das Potsdamer Abkommen kann für diese Dekrete deshalb nicht greifen, weil
das Potsdamer Abkommen dem Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet war.
Obwohl
es allen Grund gibt, alle anderen Vertreibungen ebenfalls genau zu erörtern,
bitte ich um Verständnis, wenn ich aus diesem aktuellen Anlaß einmal die
Vertreibung von Sudetendeutschen – es waren weit mehr als vier Millionen
Menschen davon betroffen – unter die Lupe nehme. Sie sprach rechtsstaatlichen
Normen Hohn. Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen dabei umgebracht oder
in den Selbstmord getrieben wurden. Eine Historikerkommission spricht von über
18tausend Toten und 12tausend Selbstmorden. Daneben blieben die Nachforschungen
nach etwa 300tausend Vermißten bis heute ergebnislos. Von den 800tausend in der
sowjetischen Besatzungszone vermuteten Vertriebenen wurden bei einer
Volkszählung im Jahre 1950 500tausend festgestellt. Was mit den Übrigen ist,
weiß man nicht.
Am
11. Juni 1945, als man über solche Zahlen noch nichts wusste und allerdings das
Ausmaß der Schoah noch nicht das allgemeine Bewusstsein in Deutschland erreicht
hatte, notierte Ernst Jünger in seinem Tagebuch über die Sudetendeutschen und
ihr Schicksal: „Am Abend meldete der Rundfunk, daß die Austreibung der
deutschen Bevölkerung aus dem Sudetenland im vollen Gange ist. Darunter sind
ohne Zweifel Millionen Unschuldiger. Es gehörte zu den Missgriffen des
Versailler Diktates, sie unter Fremdherrschaft zu stellen, jetzt sollen sie
dafür zahlen, daß sich dies als unsinnig erwies. Unschuldig zahlen sie dafür,
daß sich ein schlechter Anwalt ihrer gerechten Sache bemächtigte. Das weiß
jeder, der diese Menschen kennt und die Art, wie sie unterdrückt wurden. Man
hört auch hier von grauenhaften Ausmordungen. Flüchtlinge erzählen
Einzelheiten, die alles unterbieten, was ich in unserer an Schrecken
überreichen Zeit seit 1917 vernommen habe und ich dem Papier nicht anvertraue,
ja löschen möchte aus meinem Innersten. Ich nehme an, daß die große Mehrzahl
der Tschechen sie mit ohnmächtigem Grauen betrachtet hat. Man weiß ja, wie in
einer labilen Lage eine kleine Schicht von Tätern zur Veranstaltung bestialischer
Schauspiele genügt. Die Nachricht kam durch den Londoner Sender, dessen
Empörung über die bei uns zulande begangenen Greuel ich während der letzten
Jahre oftmals billigte, Was soll man aber von dem Behagen denken, das
offenkundig über der Mitteilung dieser neuen Scheußlichkeiten waltete? ... Ich
möchte wissen, was Männer, die ich achte, darüber denken, etwa [André] Gide.
Einäugige Humanität ist widriger als Barbarei.“
Dieses
ausführliche Zitat soll Ihnen zeigen, daß in Deutschland niemals verborgen geblieben
ist, wovon die tschechischen Spitzenpolitiker Zeman und Klaus heute so salopp
sprechen. Damit wir uns nicht irren: Das Denken in den Kategorien ethnischer
Säuberungen hat in der Europäischen Union nichts zu suchen. Und ich erwarte von
einer Regierung der Bundesrepublik Deutschland, daß sie sich auch als die
Regierung der über vier Millionen vertriebenen Sudetendeutschen und ihrer
Nachkommen versteht, deren berechtigte Interessen zur Kenntnis nimmt und nach
dem Maße ihrer Möglichkeiten vertritt. So hören wir es gern, wenn der deutsche
Innenminister die Aufhebung der Benes-Dekrete fordert und dies als einen
„wichtigen Schritt zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Tschechen und
Deutschen“ bezeichnet.
Die
Frage ist aber doch: Welche konkrete Politik folgt solchen Äußerungen? Nicht
einmal ein eigenes Rechtsgutachten zu den Benes-Dekreten und deren
fortgeltender Wirkung hat die amtierende Bundesregierung in Auftrag gegeben.
Daß es im Gegensatz zu der Erklärung des tschechischen Parlamentes, die
Benes-Dekrete entfalteten keine Wirkung mehr, sie seien „konsumiert“ – auch ein
interessantes Wort!, noch in diesem Jahr Anwendungsfälle dieser Dekrete in
aktuellen Verfahren gegeben hat, war für die Regierung kein Anlaß in
Verhandlungen mit der tschechischen Seite einzutreten.
Auf
das deutsch-tschechische Verhältnis angesprochen, antwortete der Staatsminister
im Auswärtigen Amt, Vollmer, „In der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997
erklären beide Seiten, daß jede Seite ihrer Rechtsordnung verpflichtet sei und
respektiert, daß die andere Seite eine andere Rechtsauffassung hat“. Auch habe,
so hieß es, Bundesinnenminister Schily zu keinem Zeitpunkt eine Verbindung
zwischen dem Thema der Benes-Dekrete und der Erweiterung der Europäischen Union
hergestellt.
Daß
die deutsch-tschechische Erklärung von 1997 – mag man zu ihr stehen wie man
will – jedenfalls nicht als Bekenntnis zur Untätigkeit gemeint war, ergibt sich
aus der damaligen Regierungserklärung des Bundeskanzlers Kohl. Er erklärte
damals: „Es geht darum, auch im Verhältnis zu unseren tschechischen Nachbarn
jene Themen offen anzusprechen, die unseren Weg in eine gemeinsame Zukunft
erschweren könnten.“ Die gegenwärtige Bundesregierung scheint entschlossen zu
sein, gerade diesen Fragen aus dem Weg zu gehen. Sie übersieht dabei sogar, daß
mittlerweile aus Tschechien Verhandlungsbereitschaft signalisiert wird. So
erklärte der tschechische Außenminister Svoboda noch im Juni gegenüber dpa, daß
er bereit sei, „über diese Dinge zu diskutieren“. Ich kann nur die amtierende
und jede kommende deutsche Regierung auffordern, sich dieser Aufgabe zu stellen
und in Gespräche über die Benes-Dekrete und die gemeinsame Zukunft mit der
tschechischen Regierung einzutreten.
Ihre
diplomatische Untätigkeit ergänzt die Bundesregierung durch Mittelentzug für
die Vertriebenenkulturarbeit im Bundeshaushalt. Standen dafür noch 1998 23 Mio
€ zur Verfügung, so sind es im Haushalt 2003 noch 16,5 Mio. Beinahe ein Drittel
fällt weg. Das heißt: Institutionen wie dem Ostdeutschen Kulturrat und der
Kulturstiftung der Vertriebenen wurden die Mittel ganz entzogen. Anderswo hat
man die institutionelle Förderung auf ein Minimalmaß beschränkt, das
anspruchsvolle Programme nicht mehr gestattet. Die Zerschlagung der
Vertriebenenkulturarbeit – und nichts anderes beabsichtigt die amtierende
Regierung – vollzieht sich schrittweise im Rahmen einer „Konzeption zur
Erforschung und Präsentation deutscher Kultur und Geschichte im östlichen
Europa. Der Autor ist der Staatsminister für Kultur außer Diensten, Michael
Neumann.
Meine
Fraktionskollegen Hartmut Koschyk und Peter Paziorek ein Gutachten zu dieser
sogenannten Kulturförderung in Auftrag gegeben. Dieses Gutachten liegt
mittlerweile vor. Es wurde von Professor Micheal Silagi aus dem Institut für
Völkerrecht Göttingen erstellt und stellt fest, daß der Ausschluß der
Kultureinrichtungen der Vertriebenen ein klarer Verstoß gegen geltendes Recht
ist. Wenn sich in diesem Herbst die Berliner Konstellation ändern sollte, dann
darf ich sagen: Eine CDU/CSU-geführte Bundesregierung wird diese
Fehlentwicklungen korrigieren.
Dabei
hatten wir in der vergangenen Legislaturperiode starke Hoffnungen, daß uns in
der Vertriebenenpolitik parteiübergreifende Initiativen gelingen. Eine solche
stammte unter anderen von dem prominenten Sozialdemokraten Peter Glotz und der
CDU-Politikerin Erika Steinbach: Eine private Stiftung „Zentrum gegen
Vertreibung“ sollte Geld einwerben um in Berlin ein Zentrum gegen Vertreibung
zu errichten – unter Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland. Unsere
Fraktion formulierte einen entsprechenden Antrag. Aber dieser wurde abgelehnt.
Die
Parlamentsmehrheit beschloß stattdessen, ein „Europäisches Zentrum gegen
Vertreibung“ zu errichten, für das es weder einen Träger noch eine Konzeption
gibt. Der ganze Sinn der Operation ist der: Man will unter allen Umständen
durchsetzen, daß die Vertreibung der 13 Millionen Deutschen nach 1945 als eine
Vertreibung unter vielen relativiert und die Erinnerung an sie nicht geschärft,
sondern zerstreut wird.
Nicht
nur die Vertriebenen, sondern auch die Spätaussiedler mussten feststellen, daß
ihre Interessen immer weniger von der Regierung vertreten werden. Das gegen den
erbitterten Widerstand der CDU und der CSU im Bundesrat mit zweifelhaften
Mitteln durchgeboxte Zuwanderungsgesetz enthält massive Verschlechterungen für
Spätaussiedler. Das Ziel des Gesetzes ist es, die Zuwanderung von ethnischen
Deutschen nach Deutschland zu Gunsten anderer Zuwanderer zu verringern. CDU und
CSU treten dafür ein, daß sowohl die Aufnahmeverfahren als auch die Integration
der Spätaussiedler deren besondere Lage berücksichtigen und frei von
Benachteiligungen sind. Deshalb fordern wir zum Beispiel eine Wiederholbarkeit
des Sprachentests in den Herkunftsländern; denn uns allen ist bekannt, daß in
einigen Staaten, besonders in der ehemaligen Sowjetunion, nach dem Krieg auch
mit staatlichen Mitteln massiv und mit Erfolg darauf hingewirkt wurde, daß die
deutsche Sprache aus dem Alltag verschwindet.
Auch
mit der Reduzierung der Unterstützungsprogramme für Deutsche in den GUS-Staaten
von 70 Mio € in 1998 auf 30 Mio € in 2002 halten wir für skandalös.
Meine
Damen und Herren, man könnte endlos Beispiele für den fatalen Umgang bestimmter
politischer Kräfte mit den Schicksalen der Vertriebenen aufzählen. Ich will es
dabei belassen.
Es
ist jetzt unsere Aufgabe, ein neues, größeres, demokratisches, zukunftsfähiges
Europa zu schaffen. Diese Aufgabe darf uns nicht misslingen. Das Europa, das
wir uns vorstellen ist aber ein freies Europa. Es beruht auf dem freien Willen
der beteiligten Staaten, zusammenzuarbeiten und gemeinsame Werte anzuerkennen.
Ist dies nicht zu gewährleisten, dann wird es scheitern wie alle Bemühungen um
ein solches Europa in den letzten tausendfünfhundert Jahren gescheitert sind.
Das
Scheitern wäre ein gespenstischer geschichtlicher Normalfall, gegen den wir
alles unternehmen sollten.
Ich
glaube daher nicht, daß sich die deutsche Politik von den verantwortungslosen
Einlassungen der tschechischen Spritzenpolitikern so weit provozieren lassen
sollte, das europäische Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Folgen wären
unkalkulierbar und können nicht erwünscht sein. Nichts wäre für unsere Zukunft
gewonnen, wenn die tschechischen Provokationen schließlich den Weg Tschechiens
in die EU verbauen und Tschechien stattdessen in ein Sonderbündnis mit anderen
europäischen Mächten unter Ausschluß Deutschlands eintritt. Dann wäre der Keim
der Spaltung in unserer erfolgreichen und auf Kooperation statt Konfrontation
ausgerichteten Europäischen Nachkriegsordnung eingedrungen.
Deshalb
muß unsere Hand ausgestreckt bleiben. Das Ziel darf sich nicht in der
Entrüstung über die tschechischen Entgleisungen erschöpfen. Wir müssen, was
auch geschieht, an unserer Vision der europäischen Versöhnung festhalten. Weil
Versöhnung aber nicht auf Mißverständen beruhen kann heißt dies gerade auch:
Auf eine deutliche Sprache nicht zu verzichten.
Natürlich
ist das nicht leicht, weil es sich um uralte Konflikte handelt, über die wir nachzudenken
haben. Man könnte an beliebigen Punkten ansetzen: Manche beginnen beim Streit
um die Herkunft des Slawenkönigs Samo im 7. Jahrhundert. Andere mit dem
Sprachenerlaß König Wenzels und dem Auszug der deutschsprachigen Prager
Studenten und Professoren im Jahr 1409 – dem wir die Universität Leipzig
verdanken. Die Konfrontation war jedenfalls tragischerweise über Jahrhunderte
der Normalfall im Zusammenleben von Tschechen und Deutschen in Böhmen: Der
Fenstersturz zu Prag, die Schlacht am Weißen Berg, die Haltung von Frantisek
Palacky zum Paulskirchenparlament, die alttschechische und die jungtschechische
Bewegung, die Panslawistenkongresse mit ihren Revisionsansprüchen, das
repressive, dünkelhafte und zukunftsunfähige Österreich, der Vertrag von Versailles
und die tschechische Staatsgründung, die Diskriminierung der Sudetendeutschen
in den zwanziger und dreißiger Jahren und ihr Aufbegehren, Henlein und seine
Partei, und schließlich das von den Westmächten zur Eindämmung Hitlers gedachte
Münchner Abkommen, die Annexion durch die Nazis, die Vertreibung – alles steht
in einem verhängnisvollen Zusammenhang.
Unsere
Generation ist in der Pflicht, aus diesem endlosen Kreis von Demütigung und
Vergeltung auszubrechen. Vielleicht gelingt es uns. Mit großer Sympathie sehe
ich übrigens neben all den entmutigenden Tönen aus Prag auch viele junge
tschechische Journalisten und Intellektuelle, die sich unerschrocken zu Wort
melden und ohne nationalistische Scheuklappen nach der Wahrheit suchen. Sie
haben es ungeheuer schwer und schon um ihretwillen und der wenigen tausend
Deutschen, die der Vertreibung widerstehen konnten und im Lande blieben, sind
wir zum Erfolg des europäischen Einigungsprozesses verpflichtet.
Bereiten
wir also den Weg für eine neue Generation, die tatsächlich imstande ist, auf
der Basis von Wahrheit und Klarheit Europa aus der Geschichte des Scheiterns
herauszuführen. Und hoffen wir, daß es nicht immer nur Katastrophen wie das
gemeinsam erlebte Hochwasser in diesem Jahr sind, die uns erbarmungslos auf die
für das Zusammenleben von Menschen unverzichtbare Solidarität hinweisen.
Ich
danke für Ihre Aufmerksamkeit.