Altes Europa, Neues Europa

 

Sandra Kalniete

 

Rede zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse am 24. März 2004

 

 

Ich spreche nicht gern über „Altes Europa“ und „Neues Europa“. Für mich ist Europa Europa, wieder geeint und frei. Für die vielen Rückschläge in Glück und Umständen, die durch die Geschichte des Kontinents hindurch auftraten, kann in erster Linie die Tatsache verantwortlich gemacht werden, daß die Europäer nicht immer denjenigen Situationen hinreichende Aufmerksamkeit schenkten, in denen die Sprache zweideutig wird – erst unschuldig (oder geringfügig Ac), später in weit höherem Ausmaß. Geschieht dies zu einer Zeit, in der die eine oder andere politische Macht den Diskurs gezielt übernimmt und ihn in ein Werkzeug eigennütziger Interessen verwandelt, dann erwarten Europa bittere Zeiten.

 

Wenn ich Menschen über das Neue im Gegensatz zum Alten Europa sprechen höre, so höre ich einen qualitativen Vergleich, der mir nicht gefällt. Es ist ambivalent und macht mich nachdenklich, denn die Worte „Neu“ und „Alt“ sind beides Worte, die eine positive oder negative Bedeutung haben können. Der wahre Inhalt der zwei Worte wird oft nur im Zusammenhang offenbart, und es hängt vom Wertesystem ab, ob das eine oder das andere Konzept einen positiven Vorteil hat. Lettlands berühmtester Dichter, Stückeschreiber und Denker, Rainis, sah das Wort „Neu“ als Symbol von Entwicklung und Kreativität. Er sprach von „Neuer Stärke“, einem „Neuen Denken“ und einer „Neuen Ära“ und betonte stets die positiven Aspekte dieses Konzeptes im Vergleich zu dem Alten. Die Tradition der Chinesen und vieler anderen Nationen jedoch hält das Ältere für wichtiger – wenn das Junge nicht weise ist, so ist das Alte ausgewogen und stabil durch die Weisheit, welche mit der Erfahrung einhergeht.

 

Als, in der Hitze des Krieges im Irak, der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld es für richtig hielt, das Neue Europa mit dem Alten Europa in einen Kontrast zu stellen, beleidigte er viele Europäer zutiefst. Gleiches tat der französische Präsident Jacques Chirac, als er sich im Kampf der politischen Riesen dazu hinreißen ließ, dem Neuen Europa den Mund zu verbieten. In beiden Fällen machten mich diese beiden harschen Abschätzungen noch sicherer, daß die Sprache in Europa niemals diese Art von Kontrast beinhalten darf. Sie muß im zwanzigsten Jahrhundert zurückgelassen werden. In diesem, neuen Jahrhundert muß uns die Sprache zusammenbringen, sie muß harmonisch und ausgewogen sein.

 

Unter den vielen Formen des Schreibens, die sich im zwanzigsten Jahrhundert in Europa entwickelt haben, ist eine von besonderem Interesse. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Europa durch den Eisernen Vorhang entzweigeschnitten, was die Völker Osteuropas nicht nur versklavte, sondern auch ihre Geschichte aus der Gesamtgeschichte des Kontinentes herausradierte. Europa hatte sich eben erst von der Plage des Nazismus befreit; und es war nach dem Blutbad des Krieges sehr verständlich, daß nur wenige Menschen die  Kraft hatten, der bitteren Wahrheit ins Auge zu blicken; sie konnten nicht mit der  Tatsache umgehen, daß der Terror in der einen Hälfte Europas weiterging, wo hinter dem  Eisernen Vorhang das Sowjet-Regime weiter Genozide an den Völker Osteuropas  verübte und sogar am eigenen Volk.

 

Über 50 Jahre lang ist die  Geschichte Europas geschrieben worden, ohne daß wir daran teilnehmen konnten, und die Geschichte der Sieger des Zweiten Weltkrieges teilte, nur zu typisch, alles und jeden nach Gut und Böse, nach Richtig und Falsch. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erhielten die Forscher  einen Zugang zu den archivierten Dokumenten und Lebensgeschichten dieser Opfer.  Diese belegen, daß beide totalitäre Regime - Nazismus und Kommunismus - gleich  kriminell waren. Es darf niemals eine Unterscheidung zwischen ihnen geben, nur  weil eine Seite auf der Seite der Sieger gestanden hat. Der Kampf gegen den  Faschismus kann nicht als etwas angesehen werden, daß die Sowjetunion, die  zahllose Unschuldige im Namen der Ideologie einer Klasse unterdrückte, für immer von ihren Sünden freispricht.

 

Ich bin fest davon überzeugt, daß es die Pflicht  unserer Generation ist, diesen Fehler zu beheben. Auch die Verlierer müssen ihre  Geschichte schreiben, weil diese ihren festen Platz in der Geschichte des  Kontinents verdient hat. Ohne dies wird die Geschichte einseitig bleiben, unvollständig und unehrlich.

 

Ich war meiner Pflicht zur Wahrheit gegenüber der historischen Wahrheit gegenwärtig, als ich das Buch „Mit Ballettschuhen im sibirischen Schnee“ schrieb. Das Buch spricht von den Leiden meiner Familie, als sie deportiert wurde. Es ist eine niederschmetternde Tatsache, daß meine Familie in keiner Weise eine Ausnahme darstellt. Es gibt keine Familie in Lettland, die nicht Geschichten über Sibirien erzählen kann, und über Verwandte, die ohne Spur in der riesigen, harten Kälte diese Teils von Rußland verschwanden. Die Geschichten waren alle sehr ähnlich, nur die Personen variieren. Die Zeit der Deportation, die Orte, in die die Menschen geschickt wurden, das Leiden, das völlige Fehlen jedweder Herrschaft von Recht oder Gerechtigkeit – dies alles bleibt immer gleich.

 

Die jüngere Geschichte Osteuropas, die nun, mit uns zusammen, auf den Europäischen Kontinent zurückkehrt, ist ebenso dramatisch. Nichts vergleichbares darf jemals wieder zugelassen werden. Im Sinne dieses Gedankens glaube ich fest daran, daß es kein Neues Europa, kein Altes Europa gibt. Es gibt ein einziges, wieder geeintes Europa, in dem jede einzelne Person ihren Wert hat.