Prof. Dr. Arnulf Baring

Rede anläßlich der Verleihung des Europäischen Karlspreises der Sudetendeutschen Landsmannschaft 18. Mai 2002 

 

Verehrte Anwesende, meine Damen und Herren, liebe Landsleute,

Mit Dankbarkeit und Freude nehme ich den Europäischen Karlspreis 2002 entgegen, den die Sudetendeutsche Landsmannschaft 1958 in Erinnerung an Karl IV., den Deutsch-Tschechen Wenzel, den böhmischen und dann deutschen, italienischen und burgundischen König, den späteren Römischen Kaiser, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit, gestiftet hat. Dieser Namenspatron steht für eine besonders glückliche Phase der deutschen und tschechischen Geschichte. Er hat die Gebiete, die jetzt Tschechien heißen, zum Zentrum des damaligen Reiches gemacht und Prag mit Bauten, die wir noch heute bewundern, auch mit der Gründung der Universität, der ersten des Reiches, noch immer einem ehrwürdiger Ort der Gelehrsamkeit, zum kulturell weit ausstrahlenden europäischen Mittelpunkt erhoben. Tschechen und Deutsche zehren bis in die Gegenwart von dieser Vergangenheit eines schöpferischen Zusammenlebens unserer Völker. Und wir erinnern zu Recht an diese Glanzzeit, weil sie uns eine Ahnung von dem vermittelt, was das vereinte Europa in unseren Räumen wieder werden könnte, erneut werden wird, wenn die Schrecken eines rabiaten Nationalismus verblaßt sind und die Verbrechen des 20. Jahrhunderts in gemeinsamer Trauer auf allen beteiligten Seiten bedauert werden.

Bis dahin wird noch eine ganze Weile ins Land gehen.

Es ist bezeichnend und beklagenswert, daß sich der deutsche Begriff „Trauerarbeit" in manche anderen Sprachen nicht übersetzen läßt, weil ihnen die Vorstellung fehlt, die unter uns mit Recht seit Jahrzehnten eine große Rolle spielt: daß es Arbeit, daß es Anstrengung ist, auch schwer fällt, intellektuelle und moralische Bemühungen erfordert, eigenes Unrecht sich und anderen gegenüber einzugestehen, statt die eigene Schuld, die Verantwortung für eigene Untaten, ausschließlich anderen Völkern zuzuschieben, lediglich bei den Fremden zu entdecken.

Nur mit Beklommenheit können wir alle auf jenes schreckliche Jahrhundert zurückblicken, das so viel Leid über die Völker gerade in Mittel- und Osteuropa gebracht hat. Viele von Ihnen, von uns, werden ähnlich empfinden wie ich. Viele der Älteren unter denen, die hier versammelt sind, wurden wesentlich von diesem fürchterlichen, auf weite Strecken entmenschten 20. Jahrhundert geprägt. Insofern erleben wir alle den Beginn des 21. Jahrhunderts mit der schüchternen Hoffnung, daß es für uns, aber vor allem für unsere Kinder und Enkel in allen Völkern, ein friedliches, freundliches Jahrhundert werden möge.

Sicher ist das ja nicht.

Der Blick zurück auf das 20. Jahrhundert ist immer wieder neu erschreckend. Wie viele Millionen Menschen vieler europäischer Völker sind im 20. Jahrhundert aus ihrer Heimat vertrieben worden! Wenn wir nur an das eine Jahrzehnt nach Kriegsbeginn 1939 denken, sind es allein in unserem Europa zwischen 1939 und 1943 15 Millionen, zwischen 1944 und 1948 31 Millionen, also insgesamt an die 50 Millionen gewesen, die ihre Heimat zwangsweise verlassen mußten. Von uns Deutschen waren es fünfzehn Millionen, was der heutigen Bevölkerung eines Großteils Skandinaviens entspricht - und zwar Dänemarks, Finnlands, Islands und Norwegens.

Der Verlust der Heimat meint nicht nur, daß wir Menschen, Verwandte, Nachbarn, alle die vermissen, mit denen man in der Erinnerung die Vergangenheit aufleben lassen kann. Verloren sind vor allem unsere Kindheits-Räume. Man hat gesagt, daß die Heimat immer das Verlorene, das deshalb Verklärte sei. Heimat ist eine Verlusterfahrung. Erst die Entfernung öffnet den Blick und das Herz. Weil die Kindheit, wie sie auch war, den meisten von uns im Rückblick als Paradies erscheint, gilt, was Marcel Proust gesagt hat: alle Paradiese sind verlorene Paradiese. Seit der Romantik leben wir mit dem Bild des Fortgehens in die Ferne am Beginn des Erwachsenwerdens, mit der Einsamkeit dort und der Rückwendung zum verlorenen Ursprung in Sehnsucht und Heimweh.

Manche meinen - und die im Westen, die nicht vertrieben wurden, kennen diese Erfahrung -, daß die Rückkehr in die einst vertraute Umgebung in späteren Jahren fast immer mit großen Enttäuschungen verbunden sei: Häuser sind abgerissen, Bäume gefällt, Straßen verbreitert worden. Neubauten erscheinen uns kalt, Bewohner fremd. Kein Wunder, denn viele der Menschen, die wir kannten, leben längst, wie wir auch, an anderen Orten. Die Zerstörung von Heimat Tag für Tag, Jahr für Jahr, um uns her ist die normale Erfahrung geworden, und insofern kann man mit Christian Graf Krockow sagen: „Heimatvertriebene zu sein, das ist unser Schicksal, die Kehrseite des Fortschritts, der Preis unseres Aufstiegs zum Wohlstands."

Mit der verlorenen Heimat östlich von uns in Mitteleuropa liegt es freilich anders. Sie ist weiter weg, mehr verloren als westliche Heimaten. Denn seit mehr als einem halben Jahrhundert gehört sie zu anderen Staaten, wo man andere, schwer erlernbare Sprachen spricht. Es fällt daher noch schwerer, von anderen Barrieren ganz abgesehen, sich mit den heutigen Bewohnern dort zu verständigen, schwerer als mit fremden, eigenen Landsleuten hier.

Auf der anderen Seite sind Städte und Dörfer in den Räumen östlich von uns in vielen Fällen weit weniger verändert als im Westen, der wegen des Wirtschaftswunders einen stürmischen, dynamischen Wandel erlebte. Zahlreiche Orte sehen noch heute weithin so aus wie in den Jahrzehnten, lange ist es her, als wir in den dreißiger, frühen vierziger Jahren dort Kinder waren. Wir sind längst erwachsen und wundern uns, wenn wir zurückkehren, wie geschrumpft, wie kleinräumig die Heimat doch ist. Weil das heutige Erscheinungsbild dort oft ganz der eigenen Erinnerung entspricht, ist das Wiedersehen schmerzlicher als bei Heimatorten im Westen.

Schwerer als der anhaltende Schmerz über die Vertreibungen wiegt natürlich die Trauer um die Toten - alle Toten. Man muß sich in solchen Augenblicken, um den richtigen Ton zu finden, immer der Tatsache bewußt sein, daß uns alle Toten zuhören. Wie viele, viele unvorstellbar viele Millionen Menschen sind allein in Europa im 20. Jahrhundert nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern – zum Teil bestialisch – hingemordet worden! Wenn ich es recht sehe, beklagen die Sudetendeutschen mehr als eine Viertelmillion ziviler Opfer. In dieser Zahl sind die oft unter schauderhaften Umständen zu Tode gekommenen, nicht registrierten Flüchtlinge aus dem Osten nicht enthalten. Ebenso wenig schließt die genannte Zahl jene Wehrmachtsangehörigen ein, die in der Tschechoslowakei nach Abgabe ihrer Waffen vielfach ein fürchterliches Ende fanden.

Als Deutsche gedenken wir in erster Linie der eigenen Toten - oder wir sollten doch vor allem um sie trauern: vor allem um die Frauen, Kinder, Greise. Auch um alle diejenigen, die oft viele Jahre lang als kostenlose Arbeitskräfte, völlig rechtlose Zwangsarbeiter, in der fremd gewordenen Heimat festgehalten wurden. Wir trauern um alle die Menschen, für die die „Stunde Null" nie aufgehört hat, nie zu Ende war.

Es gibt zwar ab und an immer noch einzelne Stimmen, die uns die Trauer um deutsche Opfer mit der Begründung ausreden wollen: weil Hitler den Krieg begonnen habe, wir zu einem „Volk der Täter" gehörten, sei uns diese Trauer untersagt. Ich habe das immer für abwegig gehalten. Trauer um Tote - zumal um alle die, die vor der Zeit hingemordet, um ihr Leben gebracht wurden - ist ein elementarer Impuls, ein allgemein menschliches Bedürfnis, eine selbstverständliche Pflicht der Lebenden gegenüber den Toten.

Es ist gut und richtig, daß wir nicht nur um die eigenen Toten, sondern auch um die anderer Länder trauern, die einem Krieg zum Opfer fielen, der von Deutschland ausgegangen war. Aber wir sollten dabei nie die eigenen Toten übergehen, sollten ihrer immer gedenken, weil sie in einer kalten Welt am meisten vergessen sind, wenn auch wir uns nicht ihrer erinnern.

Man mag von Patrick Buchanan, dem amerikanischen Publizisten und zeitweiligen Präsidentschaftskandidaten, halten, was man will. Aber er hatte sicher Recht mit dem Satz: „Die Welt weiß alles, was die Deutschen getan haben. Die Welt weiß nichts von dem, was den Deutschen angetan wurde." 

Unser Volk wird jedoch erst dann mit sich selbst ins Reine kommen, seine Selbstachtung und Würde zurückgewinnen, wenn es nicht nur die Opfer in den von Deutschland zeitweilig beherrschten Ländern betrauert, sondern sich die Trauer auch um alle eigenen Toten gestattet.

Ich habe eben behauptet, die Trauer um eigene wie fremde Tote sei ein elementares Bedürfnis, ein allgemein menschlicher Impuls. Wir haben in den letzten Wochen und Monaten bestürzt erleben müssen, daß diese Behauptung offenkundig im Falle der Tschechen nicht zutrifft. Mit erstaunlicher Härte und Kälte haben alle Parteien des tschechischen Parlaments ohne ein Wort des Bedauerns am 24. April sich zu den Benesch-Dekreten bekannt, obwohl einige von ihnen ganz ohne Zweifel elementaren Rechtsvorstellungen ins Gesicht schlagen, beispielsweise das Straffreistellungsgesetz von 1946 für alle an den Deutschen begangenen Verbrechen.

Die gemeinsame Deutsch-Tschechische Erklärung vom 21. Januar 1997 ist unvergessen. Aber sonst? Ist in Tschechien alles gesagt und getan worden? Das kann niemand behaupten. Die Abwesenheit historisch distanzierender Betrachtungen und Wertungen auf amtlicher Seite, ganz im Gegensatz zu dem, was etwa Polen und Deutsche wechselseitig seit den sechziger Jahren gesagt und getan haben, ist im Falle der Tschechen um so überraschender, als ihr Land im Zweiten Weltkrieg ungleich weniger gelitten hat als etwa Polen oder Russland. Anders als Polen, das es zum Krieg mit Deutschland hatte kommen lassen und daraufhin zum Objekt einer haßerfüllten, massiven und brutalen Politik der Auslöschung wurde, entschloß sich Edvard Benesch 1938/39 für die kampflose Kapitulation, um von seinem Volk die Schrecken eines aussichtslosen Krieges abzuwenden - und zugleich in der Hoffnung, der weitere Verlauf der Geschichte werde den deutschen Expansionsdrang scheitern lassen und damit der Tschechoslowakei die Chance einer Wiedergeburt eröffnen. Aufs Ganze gesehen und gerade verglichen mit Polen, zahlte sich dieses tschechische Stillhalten während des Krieges für Böhmen und Mähren aus – Landschaften, die während das gesamten Zweiten Weltkrieges relativ ruhige, unbehelligte Gebiete waren, wenn wir von der fürchterlichen Judenverfolgung und der allgemeinen politischen Unterdrückung absehen. Zwar hätte die hitlersche Germanisierungs- und Rassenpolitik auf längere Sicht auch die Tschechen brutal unterdrückt, vertrieben, dezimiert. Aber während des Krieges wurden sie geschont, als nützliche Arbeitskräfte betrachtet, und die Tschechen ihrerseits – natürlich mit Ausnahme vor allem derer, die das Land verlassen hatten, auf Seite der Alliierten kämpften – hielten stille. Sie erhoben sich erst, als das Großdeutsche Reich am Ende war und kapituliert hatte. Noch wenige Tage zuvor führte Hitlers Tod zur Trauerbeflaggung in Prag, und bis zum 8. Mai 1945 wehte die Hakenkreuzfahne auf dem Hradschin. Erst danach brach die Empörung der jahrelang Unterdrückten und Gedemütigten los, mit fürchterlichen Exzessen.

Warum kann man zwischen Deutschen und Tschechen, mehr als ein halbes Jahrhundert später, nicht ruhig und sachlich über diese Zeiten und Zusammenhänge sprechen? Weshalb fehlt es, vielleicht auf beiden Seiten, aber mit Sicherheit auf der tschechischen, am Verständnis für die jeweils andere Erfahrung und Sicht? Die emotionale Verstocktheit der Tschechen ist verblüffend in einer internationalen Umgebung, die seit Jahren und aus vielen Anlässen dadurch gekennzeichnet ist, daß Untaten der Vergangenheit öffentlich bedauert werden und heutige Repräsentanten der betroffenen Staaten die Opfer um Verzeihung bitten. Wie soll man sich erklären, daß den Tschechen, jedenfalls ihren politischen Vertretern, ihren Parlamentariern, eine solche Haltung offenbar fern liegt?

Es muß in Prag weithin die Angst herrschen, das Eingeständnis eigener Schuld werde Schleusen öffnen, die Neuordnung der Eigentumsverhältnisse nach 1945 umstürzen. Diese Befürchtung scheint mir grundlos. Allenfalls eine kleine Minderheit vertriebener Sudetendeutscher glaubt wirklich, daß eine Rückgabe enteigneten Grund und Bodens, gar eine massive Rücksiedlung vertriebener Sudetendeutscher, realistische Ziele seien.

Es geht im Kern zwischen Tschechen und Deutschen um etwas Moralisches, um Emotionales: um das Eingeständnis, daß das, was 1945 geschah, ein großes Unrecht, ein Verbrechen war – und zugleich ein Unglück, weil es eine alte Kulturlandschaft zerriß und unwiederbringlich zerstörte. Denn Böhmen und Mähren sind über viele Jahrhunderte hinweg nicht nur durch Konflikte, sondern auch durch große, gemeinsame Kulturleistungen, durch eine produktive Verarbeitung vieler Spannungen gekennzeichnet gewesen. Das alles ist dahin und wird, auf die alte Weise, nie wiederkehren.

Ich wüßte auch nicht, wie man eine solche Katastrophe, ein solches Unglück wiedergutmachen könnte. Von Sondertatbeständen abgesehen, ist allenfalls eine symbolische Entschädigung von tschechischer Seite denkbar, also etwa eine Lösung, wie sie Ungarn gefunden hat. Was das deutsch-tschechische Verhältnis im Großen angeht, kann es nur, wenn alle Wunden verheilt, vernarbt sind, eines Tages im beruhigenden Rahmen eines vereinten Europa zu einem neuen, gemeinsamen Anfang kommen. Bis es so weit ist, wird es vielleicht noch lange dauern.

Auf einem anderen Blatt steht, daß schon heute Deutschstämmige, die als Zwangsarbeiter oder aus anderen Gründen, jedenfalls als tschechische Staatsbürger deutschen Hintergrunds, in der alten Heimat geblieben sind, offenbar noch immer unter Bezugnahme auf die Benesch-Dekrete Benachteiligungen ausgesetzt sind, zum Beispiel ihr Eigentum nicht zurückerhalten. Solche Ungerechtigkeiten dürfen, können keinen Bestand haben.

Was die aus dem Lande getriebenen Sudetendeutschen angeht, so war diese globale Gewaltmaßnahme selbstverständlich himmelschreiendes Unrecht, konnte vom Völkerrecht nicht gedeckt werden – von den massenhaften Mordtaten ganz abgesehen. Es ist unzutreffend, wenn behauptet wird, die damalige tschechische Regierung habe lediglich im Auftrag der Kriegsalliierten gehandelt. Es hat eigene tschechische Vertreibungspläne gegeben, und das nicht nur nach dem Münchner Abkommen, während der Zeit des Zweiten Weltkrieges, sondern schon vor München. Präsident Benesch war überzeugt, daß man im Interesse der Stabilität seines Landes den deutschstämmigen Bevölkerungsanteil reduzieren müsse. Deshalb erwog er die Abtretung eines kleinen Teils des Sudetenlandes, verbunden mit der Abschiebung eines größeren deutschstämmigen Bevölkerungsteils. Bereits im Vorfeld des Münchner Abkommens plante er, ein Drittel der Sudetendeutschen durch die Abtretung bestimmter Grenzgebiete loszuwerden, ein zweites Drittel auszusiedeln und dem letzten Drittel, besonders „Demokraten, Sozialisten und Juden", den Verbleib in der Tschechoslowakei zu gestatten. Entsprechend wurde er bei den Westmächten vorstellig.

Um die Wurzeln eines solchen Denkens, das uns heute fatal scheint, aufzuspüren, genügt es nicht, wie das oft geschieht, die Geschichte der Vertreibung mit der Gewaltpolitik Adolf Hitlers und mit dem Wirken der Henlein-Partei beginnen zu lassen. Man muß weit, weit zurück in die Vergangenheit, um zu entdecken, daß die Zeiten Karls IV. keine harmonische Fortsetzung fanden. Unglücksdaten wie die Verbrennung des tschechischen Reformators Jan Hus auf dem Konstanzer Konzil 1415 oder die Schlacht am Weißen Berge 1620 blieben tiefe, anhaltende Kränkungen der Tschechen. Auch die letzten Jahrzehnte der Habsburger Monarchie waren, was Böhmen angeht, nicht störungsfrei. Insofern war die Bildung des neuen Staates Tschechoslowakei nach 1918 nicht nur im Blick auf das Verhältnis von Tschechen und Slowaken langfristig problematisch, wie wir in unseren Tagen erlebt haben. Auch das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen blieb hochkompliziert. Im österreichisch geführten, kulturell deutsch geprägten Habsburger Reich aufgewachsen, hielten es viele Sudetendeutsche für unangemessen, sich jetzt den Tschechen unterordnen zu sollen, während die Tschechen ihrerseits einen wesentlich allein von ihnen bestimmten Nationalstaat zu errichten gedachten und dabei eine große deutsche Minderheit störend fanden. Viele Tschechen haben vermutlich ähnlich gedacht wie die Serben noch im letzten Jahrzehnt: Man müsse die Minderheiten entweder zu vollgültigen Tschechen machen - oder aus dem Lande drängen, sie also mit mehr oder weniger sanftem Druck loszuwerden versuchen.

Diese ganz knappe Skizze wird natürlich nur grob der historischen Problemlage gerecht. Auch ist es sicher falsch, Benesch und Milosevic gleichzusetzen. Überdies muß man sich vergegenwärtigen, wie aufgeheizt das Klima der späten dreißiger Jahre war, wie aufgehetzt viele Menschen. Heute, in ruhigeren Zeiten, kommen uns die Denk- und Verhaltensweisen damals so unbegreiflich wie unerträglich vor. Wenn man die Gegenwart auf dem Hintergrund der Vergangenheit zu begreifen versucht, muß man sich überdies darüber im Klaren sein, daß das heutige Tschechien nicht nur politisch, sondern auch kulturell ein völlig anderes Gebilde ist als das Böhmen und Mähren Karls IV. oder auch das der habsburgischen Jahrhunderte. Es hat ebenso wenig gemein mit jener Phase multikulturell reicher Gespanntheit und Kreativität, wie sie sich im späten 19., frühen 20. Jahrhundert, von tschechischer, jüdischer, deutscher Seite gespeist, international bedeutsam artikulierte.

Die Juden hat man getötet, die Deutschen vertrieben. Aber auch die Tschechen in ihren führenden Schichten sind heute längst nicht mehr das, was sie vor hundert Jahren waren. 1938, 1948 und 1968, also das Münchner Abkommen und die Katastrophe danach, der kommunistische Putsch ein Jahrzehnt später sowie der gescheiterte Versuch eines „menschlichen Sozialismus" am Ende der sechziger Jahre, haben das Land vieler, vieler bedeutender, kreativer Köpfe beraubt. Das macht sich heute schmerzlich bemerkbar.

Hoffen wir also gemeinsam auf bessere Zeiten. Es ist eine hunderttausendfach bewiesene Tatsache, daß den Sudetendeutschen 1945/46 großes Unrecht geschehen ist. Das festzustellen, ist keine Frage der Weltanschauung oder des Glaubens. Das Unrecht besteht und belastet alle unabhängig davon, ob es die Tschechen heute in ihrer Mehrheit erkennen, anerkennen können - oder nicht. Hier kann – und muß – die Zeit helfen und heilen. 

Ich bin überzeugt, daß ein Volk, das einen Johann Amos Comenius und einen Václav Havel hervorgebracht hat, die Kraft finden wird, mit der Vergangenheit, mit der Schuld des eigenen Volkes eines Tages offen umzugehen.

Die Versöhnung zwischen den Tschechen und uns wird erst dann möglich werden, wird nur tragfähig und belastbar sein, nur dann wirklichen Frieden schaffen, wenn sich hier und dort die Vision ausbreitet und durchsetzt, daß die Mörder und die Ermordeten beider Seiten in der Ewigkeit friedlich und versöhnt nebeneinander liegen.

Man muß sich fragen, ob es ein Risiko ist, die Tschechen bald in die EU aufzunehmen, obwohl sie ihre Geschichte noch nicht verarbeitet haben. Natürlich gibt es ein solches Risiko. Aber man sollte es bewußt und hoffnungsvoll eingehen. Denn der Sinn der Europäischen Gemeinschaft ist es doch, feste, zuverlässige Brücken zwischen den Völkern zu errichten und damit Diskriminierungen, Konflikte, Kriege und Vertreibungen ein für allemal auszuschließen.

Ich bin optimistisch, daß die heute verhärtete, sture Haltung der Tschechen kein Ausdruck eines allgemeinen und fanatischen Nationalismus ist, sondern der - unbegründeten – Angst in der Bevölkerung entspringt, das nach dem Krieg zu Unrecht Erworbene heute oder morgen wieder zurückgeben müssen. Diese Sorge wird allmählich, sage ich zuversichtlich, von den Tschechen weichen.

Schon heute bahnt sich an - in jungen Generationen, unter wachen, gewissenhaften Bürgern, im Kreis aufgeschlossener Intellektueller -, daß mehr und mehr Menschen gelassen, aber aufrichtig der bösen Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts ins Auge blicken. Am 9. April dieses Jahres haben 250 tschechische Bürger - namhafte Intellektuelle, Publizisten und Vertreter der Kirchen - die Mobilisierung nationalistischer Emotionen durch die politischen Parteien des Landes in einer gemeinsamen, würdigen Erklärung nachdrücklich bedauert. Dieser Text ist ein ermutigendes Zeichen. Wir sollten ihn zuversichtlich neben die Parlaments-Resolution vom 24. April halten.  

Nicht den Beschlüssen eines kurzsichtigen Parteienkartells, sondern den Stimmen kluger, aufgeklärter Bürger gehört nach meiner Überzeugung die Zukunft. Für unsere Verbundenheit mit den Tschechen ist es wichtig, die große, gemeinsame Vergangenheit dieser beiden Völker im Gedächtnis zu bewahren. Wenn wir uns zuversichtlich das vergangene Glück immer vor Augen halten, wird es uns helfen, gemeinsam die Zukunft zu meistern.