Erfahrungen
beim Verfassen einer Sonntagsrede
von
Martin Walser
(Dank)
Als
die Medien gemeldet hatten, wer in diesem Jahr den
Friedenspreis
des deutschen Buchhandels bekommen werde,
trudelten
Glückwünsche herein ...
Zwei Eigenschaftswörter kamen auffällig oft vor im Glückwunschtext.
Die Freude der Gratulierenden wurde
öfter
»unbändig« genannt. Auf die Rede, die der Ausgesuchte halten werde, hieß es
auch öfter, sei man
gespannt,
sie werde sicher kritisch. Daß mehrere sich unbändig freuen, weil einem
anderen etwas Angenehmes
geschieht,
zeigt, daß unter uns die Freundlichkeitsfähigkeit noch lebt. Darüber, daß
von ihm natürlich eine
kritische
Rede erwartet werde, konnte der Ausgesuchte sich nicht gleichermaßen freuen.
Klar, von ihm wurde
die
Sonntagsrede erwartet. Die kritische Predigt. Irgend jemandem oder gleich allen
die Leviten lesen. Diese
Rede
hast du doch auch schon gehalten. Also halt' sie halt noch einmal, mein Gott.
Die Rede, die gespeist wird
aus
unguten Meldungen, die es immer gibt, die sich, wenn ein bißchen Porenverschluß
zu Hilfe kommt, so
polemisch schleifen läßt, daß die Medien
noch zwei, wenn nicht gar zweieinhalb Tage lang eifrig den Nachhall
pflegen.
Der Ausgesuchte kam sich eingeengt vor, festgelegt. Er war nämlich, als
er von der Zuerkennung erfuhr, zuerst
einmal
von einer einfachen Empfindung befallen worden, die, formuliert, etwa hätte heißen
können: Er wird
fünfundzwanzig
oder gar dreißig Minuten lang nur Schönes sagen, das heißt Wohltuendes,
Belebendes?
Friedenspreismäßiges.
Zum Beispiel Bäume rühmen, die er durch absichtsloses Anschauen seit langem
kennt.
Und
gleich der Rechtfertigungszwang: über Bäume zu reden ist kein Verbrechen mehr,
weil inzwischen so viele
von
ihnen krank sind.
Fünfundzwanzig Minuten Schönes -, selbst wenn du das der Sprache
abtrotzen oder aus ihr herauszärteln
könntest,
fünfundzwanzig oder gar dreißig Minuten Schönes -, dann bist du erledigt. Ein
Sonntagsrednerpult,
Paulskirche,
öffentlichste Öffentlichkeit, Medienpräsenz, und dann etwas Schönes! Nein,
das war dem für den
Preis
Ausgesuchten schon ohne alle Hilfe von außen klar geworden, das durfte nicht
sein. Aber als er dann so
deutlich
gesagt kriegte, daß von ihm erwartet werde, die kritische Sonntagsrede zu
halten, wehrte sich in ihm die
freiheitsdurstige
Seele doch noch einmal. Daß ich mein Potpourri des Schönen hätte
rechtfertigen müssen, war
mir
auch klar. Am besten mit solchen Geständnissen: Ich verschließe mich Übeln,
an deren Behebung ich nicht
mitwirken
kann. Ich habe lernen müssen, wegzuschauen. Ich habe mehrere Zufluchtwinkel, in
die sich mein Blick
sofort
flüchtet, wenn mir der Bildschirm die Welt als eine unerträgliche vorführt.
Ich finde, meine Reaktion sei
verhältnismäßig.
Unerträgliches muß ich nicht ertragen.
Auch im Wegdenken bin ich geübt. Ich käme ohne Wegschauen und Wegdenken
nicht durch den Tag und
schon
gar nicht durch die Nacht. Ich bin auch nicht der Ansicht, daß alles gesühnt
werden muß. In einer Welt, in
der
alles gesühnt werden müßte, könnte ich nicht leben. Also ist es mir ganz und
gar unangenehm, wenn die
Zeitung
meldet: Ein idealistischer Altachtundsechziger, der dann für die DDR spionierte
und durch die von
Brüssel
nach Ostberlin und Moskau verratenen NATO-Dokumente dazu beigetragen hat, denen
im Osten
begreiflich
zu machen, wie wenig von der NATO ein atomarer Erstschlag zu befürchten sei,
dieser
idealistisch-sozialistische
Weltverbesserer wird nach der Wende zu zwölf Jahren Gefängnis und 100 000 Mark
Geldstrafe
verurteilt, obwohl das Oberlandesgericht Düsseldorf im Urteil festhält, »daß
es ihm auch darum ging,
zum
Abbau von Vorurteilen und Besorgnissen des Warschauer Paktes die Absichten der
NATO transparent zu
machen
und damit zum Frieden beizutragen ...« Und er habe »auch nicht des Geldes
wegen für seine östlichen
Auftraggeber
gearbeitet«. Wolfgang Schäuble und andere Politiker der CDU haben dafür plädiert,
im
Einigungsvertrag
die Spionage beider Seiten von Verfolgung freizustellen. Trotzdem kam es 1992 zu
dem
Gesetz,
das die Spione des Westens straffrei stellt und finanziell entschädigt, Spione
des Ostens aber der
Strafverfolgung
ausliefert. Vielleicht hätte ich auch von diesem Vorfall wegdenken können,
wenn er nicht
ziemlich
genau dem Fall gliche, den ich noch zur Zeit der Teilung in einer Novelle
dargestellt habe. Und man
kann
als Autor, wenn die Wirklichkeit die Literatur geradezu nachäfft, nicht so tun,
als ginge es einen nichts mehr
an.
Wenn die unselige Teilung noch bestünde, der kalte Krieg noch seinen gefährlichen
Unsinn fortfretten dürfte,
wäre
dieser Gefangene, der als »Meisterspion des Warschauer Paktes im
NATO-Hauptquartier in Brüssel«
firmiert, längst gegen einen Gleichkarätigen, den sie drüben gefangen
hätten, ausgetauscht. Dieser Gefangene
büßt
also die deutsche Einigung. Resozialisierung kann nicht der Sinn dieser
Bestrafung sein, Abschreckung auch
nicht.
Bleibt nur Sühne. Unser sehr verehrter Herr Bundespräsident hat es ablehnen müssen,
diesen Gefangenen
zu
begnadigen. Und der Bundespräsident ist ein Jurist von hohem Rang. Ich bin
Laie. Fünf Jahre von zwölfen
sind
verbüßt. Wenn schon die juristisch-politischen Macher es nicht wollten, daß
0st und West rechtlich
gleichgestellt
wären, wahrscheinlich weil das eine nachträgliche Anerkennung des Staates DDR
bedeutet hätte -
na
und?! -, wenn schon das Recht sich als unfähig erweist, die politisch glücklich
verlaufene Entwicklung
menschlich
zu fassen, warum dann nicht Gnade vor Recht? So der Laie.
Also doch die Sonntagsrede der scharfen Darstellung
bundesrepublikanischer Justiz widmen'? Aber dann ist die
Rede
zu Ende, ich gehe essen, schreibe morgen weiter am nächsten Roman und der Spion
sühnt und sühnt und
sühnt
bis ins nächste Jahrtausend. Wenn das nicht peinlich ist, was, bitte, ist dann
peinlich'? Aber ist die
vorhersehbare
Wirkungslosigkeit ein Grund, etwas, was du tun solltest, nicht zu tun? Oder mußt
du eine
kritische
Rede nicht schon deshalb meiden, weil du auf diesen von dir als sinnlos und
ungerecht empfundenen
Strafvollzugsfall
nur zu sprechen kommst, weil du die kritische Sonntagsrede halten sollst? In
deinem sonstigen
Schreiben würdest du dich nicht mehr mit einem
solchen Fall beschäftigen, so peinlich es dir ist, wenn du daran
denkst,
daß dieser idealistische Mensch sitzt und sitzt und sitzt.
Es gibt die Formel, daß eine bestimmte Art Geistestätigkeit die damit
Beschäftigten zu Hütern oder Treuhändern
des
Gewissens mache; diese Formel finde ich leer, pompös komisch. Gewissen ist
nicht delegierbar.
Ich werde andauernd Zeuge des moralisch-politischen Auftritts dieses oder
jenes schätzenswerten Intellektuellen
und
habe selber schon, von unangenehmen Aktualitäten provoziert, derartige
Auftritte nicht vermeiden können.
Aber gleich stellt sich eine Bedingung ein, ohne die nichts mehr geht. Nämlich:
etwas, was man einem anderen
sagt,
mindestens genauso zu sich selber sagen. Den Anschein vermeiden, man wisse etwas
besser. Oder gar,
man
sei besser. Stilistisch nicht ganz einfach: kritisch werden und doch glaubwürdig
ausdrücken, daß du nicht
glaubst,
etwas besser zu wissen. Noch schwieriger dürfte es sein, dich in
Gewissensfragen einzumischen und
doch
den Anschein zu vermeiden, du seist oder hieltest dich für besser als die, die
du kritisierst.
In jeder Epoche gibt es Themen, Probleme, die unbestreitbar die
Gewissensthemen der Epoche sind. Oder
dazu
gemacht werden. Zwei Belege für die Gewissensproblematik dieser Epoche. Ein
wirklich bedeutender
Denker
formulierte im Jahr 92: »Erst die Reaktionen auf den rechten Terror - die aus
der politischen Mitte der
Bevölkerung
und die von oben: aus der Regierung, dem Staatsapparat und der Führung der
Parteien - machen
das
ganze Ausmaß der moralisch-politischen Verwahrlosung sichtbar.« Ein ebenso
bedeutender Dichter ein
paar
Jahre davor: »Gehen Sie in irgendein Restaurant in Salzburg. Auf den ersten
Blick haben Sie den Eindruck:
lauter
brave Leute. Hören Sie Ihren Tischnachbarn aber zu, entdecken Sie, daß sie nur
von Ausrottung und
Gaskammern
träumen.« Addiert man, was der Denker und der Dichter - beide wirklich gleich
seriös - aussagen,
dann
sind Regierung, Staatsapparat, Parteienführung und die braven Leute am
Nebentisch moralisch-politisch«
verwahrlost. Meine erste Reaktion, wenn ich Jahr für Jahr solche in
beliebiger Zahl zitierbaren Aussagen von
ganz
und gar seriösen Geistes- und Sprachgrößen lese, ist: Warum bietet sich mir
das nicht so dar? Was fehlt
meiner
Wahrnehmungsfähigkeit? Oder liegt es an meinem zu leicht einzuschläfernden
Gewissen? Das ist klar,
diese beiden Geistes- und Sprachgrößen
sind auch Gewissensgrößen. Anders wäre die Schärfe der
Verdächtigung
oder schon Beschuldigung nicht zu erklären. Und wenn eine Beschuldigung weit
genug geht, ist
sie
an sich schon schlagend, ein Beweis erübrigt sich da.
Endlich tut sich eine Möglichkeit auf, die Rede kritisch werden zu
lassen. Ich hoffe, daß auch selbstkritisch als
kritisch
gelten darf. Warum werde ich von der Empörung, die dem Denker den folgenden
Satzanfang gebietet,
nicht mobilisiert: »Wenn die sympathisierende Bevölkerung
vor brennenden Asylantenheimen Würstchenbuden
aufstellt
...« Das muß man sich vorstellen: die Bevölkerung sympathisiert mit denen,
die Asylantenheime
angezündet
haben, und stellt deshalb Würstchenbuden vor die brennenden Asylantenheime, um
auch noch
Geschäfte
zu machen. Und ich muß zugeben, daß ich mir das, wenn ich es nicht in der
intellektuell maßgeblichen
Wochenzeitung
und unter einem verehrungswürdigen Namen läse, nicht vorstellen könnte. Die
tausend edle
Meilen
von der Bildzeitung entfernte Wochenzeitung tut noch ein übriges, um meiner
ungenügenden
moralisch-politischen
Vorstellungskraft zu helfen; sie macht aus den Wörtern des Denkers fett
gedruckte
Hervorhebungskästchen,
daß man das Wichtigste auch dann zur Kenntnis nehme, wenn man den Aufsatz
selber
nicht
Zeile für Zeile liest. Da sind dann die Wörter des Denkers im Extraschaudruckkästchen
so zu besichtigen:
»Würstchenbuden
vor brennenden Asylantenheimen und symbolische Politik für dumpfe Gemüter.«
Ich kann solche Aussagen nicht bestreiten; dazu sind sowohl der Denker
als auch der Dichter zu seriöse
Größen.
Aber - und das ist offenbar meine moralisch-politische Schwäche - genau so
wenig kann ich ihnen
zustimmen.
Meine nichts als triviale Reaktion auf solche schmerzhaften Sätze: Hoffentlich
stimmt's nicht, was uns
da
so kraß gesagt wird. Es geht sozusagen über meine moralisch-politische
Phantasie hinaus, das, was da gesagt
wird,
für wahr zu halten. Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die
mit solchen Sätzen auftreten,
wollen
uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. Wahrscheinlich wollen sie
auch sich selber verletzen.
Aber
uns auch. Alle. Eine Einschränkung: Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In
keiner anderen Sprache
könnte
im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung,
einer Gesellschaft
gesprochen
werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe,
von
Österreichern.
Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein
Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten
wird.
Könnte es sein, daß die Intellektuellen, die sie uns vorhalten, dadurch, daß
sie uns die Schande vorhalten,
eine
Sekunde lang der Illusion verfallen, sie hätten sich, weil sie wieder im
grausamen Erinnerungsdienst
gearbeitet
haben, ein wenig entschuldigt, seien für einen Augenblick sogar näher bei den
Opfern als bei den
Tätern?
Eine momentane Milderung der unerbittlichen Entgegengesetztheit von Tätern und
Opfern. Ich habe es
nie
für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen. Manchmal, wenn
ich nirgends mehr
hinschauen
kann, ohne von einer Beschuldigung attackiert zu werden, muß ich mir zu meiner
Entlastung
einreden,
in den Medien sei auch eine Routine des Beschuldigens entstanden. Von den
schlimmsten
Filmsequenzen
aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut. Kein
ernstzunehmender
Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der
Grauenhaftigkeit
von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit
vorgehalten wird, merke ich, daß sich in
mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt.
Anstatt
dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich
an wegzuschauen. Wenn
ich
merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung
unserer Schande auf Motive hin
abzuhören
und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr
das Gedenken, das
Nichtvergessendürfen
das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen
Zwecken.
Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung.
Jemand findet die Art, wie wir die Folgen der deutschen Teilung überwinden
wollen, nicht gut und sagt, so
ermöglichten
wir ein neues Auschwitz. Schon die Teilung selbst, solange sie dauerte, wurde
von maßgeblichen
Intellektuellen
gerechtfertigt mit dem Hinweis auf Auschwitz. Oder: Ich stellte das Schicksal
einer jüdischen
Familie
von Landsberg an der Warthe bis Berlin nach genauester Quellenkenntnis dar als
einen fünfzig Jahre lang
durchgehaltenen
Versuch, durch Taufe, Heirat und Leistung dem ostjüdischen Schicksal zu
entkommen und
Deutsche
zu werden, sich ganz und gar zu assimilieren. Ich habe gesagt, wer alles als
einen Weg sieht, der nur in
Auschwitz
enden konnte, der macht aus dem deutschjüdischen Verhältnis eine
Schicksalskatastrophe unter gar
allen
Umständen. Der Intellektuelle, der dafür zuständig war, nannte das eine
Verharmlosung von Auschwitz. Ich
nehme
zu meinen Gunsten an. daß er nicht alle Entwicklungen dieser Familie so
studiert haben kann wie ich
Auch
haben heute lebende Familienmitglieder meine Darstellung bestätigt. Aber:
Verharmlosung von Auschwitz.
Da
ist nur noch ein kleiner Schritt zur sogenannten Auschwitzlüge. Ein smarter
Intellektueller hißt im Fernsehen
in
seinem Gesicht einen Ernst, der in diesem Gesicht wirkt wie eine Fremdsprache,
wenn er der Welt als
schweres
Versagen des Autors mitteilt, daß in des Autors Buch Auschwitz nicht vorkomme.
Nie etwas gehört
vom
Urgesetz des Erzählens: der Perspektivität. Aber selbst wenn, Zeitgeist geht
vor Ästhetik.
Bevor man das alles als Rüge des eigenen Gewissensmangels einsteckt, möchte
man zurückfragen, warum zum
Beispiel,
in Goethes »Wilhelm Meister«, der ja erst 1795 zu erscheinen beginnt, die
Guillotine nicht vorkommt.
Und
mir drängt sich, wenn ich mich so moralisch-politisch gerügt sehe, eine
Erinnerung auf. Im Jahr 1977 habe
ich
nicht weit von hier in Bergen-Entheim, eine Rede halten müssen und habe die
Gelegenheit damals dazu
benutzt,
folgendes Geständnis zu machen: »Ich halte es für unerträglich, die deutsche
Geschichte - so schlimm
sie
zuletzt verlief - in einem Katastrophenprodukt enden zu lassen.« Und: »Wir dürften,
sage ich vor Kühnheit
zitternd,
die BRD so wenig anerkennen wie die DDR. Wir müssen die Wunde namens
Deutschland
offenhalten.«
Das fällt mir ein, weil ich jetzt wieder vor Kühnheit zittere, wenn ich sage:
Auschwitz eignet sich
nicht,
dafür Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel
oder Moralkeule oder auch
nur
Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität
des Lippengebets. Aber in
welchen
Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales
Volk, eine ganz
gewöhnliche
Gesellschaft?
In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin kann die Nachwelt
einmal nachlesen, was Leute
anrichteten,
die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlten. Die Betonierung
des Zentrums der
Hauptstadt
mit einem fußballfeldgroßen Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande. Der
Historiker
Heinrich
August Winkler nennt das »negativen Nationalismus«. Daß der, auch wenn er
sich tausendmal besser
vorkommt,
kein bißchen besser ist als sein Gegenteil, wage ich zu vermuten.
Wahrscheinlich gibt es auch eine
Banalität
des Guten.
Etwas, was man einem anderen sagt, mindestens genauso zu sich selber
sagen. Klingt wie eine Maxime, ist aber
nichts
als Wunschdenken. Öffentlich von der eigenen Mangelhaftigkeit sprechen'?
Unversehens wird auch das
Phrase.
Daß solche Verläufe schwer zu vermeiden sind, muß mit unserem Gewissen zu tun
haben. Wenn ein
Denker
»das ganze Ausmaß der moralisch-politischen Verwahrlosung« der Regierung, des
Staatsapparates und
der
Führung der Parteien kritisiert, dann ist der Eindruck nicht zu vermeiden, sein
Gewissen sei reiner als das
der
moralisch-politisch Verwahrlosten. Aber wie fühlt sich das an, ein reineres,
besseres, ein gutes Gewissen?
Ich
will mir, um mich vor weiteren Bekenntnispeinlichkeiten zu schützen, von zwei
Geistesgrößen helfen lassen,
deren
Sprachverstand nicht anzuzweifeln ist. Heidegger und Hegel. Heidegger, 1927, »Sein
und Zeit«. »Das
Gewißwerden
des Nichtgetanhabens hat überhaupt nicht den Charakter eines Gewissensphänomens.
Im
Gegenteil:
dieses Gewißwerdens des Nichtgetanhabens kann eher ein Vergessen des Gewissens
bedeuten.«
Das heißt, weniger genau gesagt: Gutes Gewissen, das ist so wahrnehmbar
wie fehlendes Kopfweh. Aber dann
heißt
es im Gewissensparagraph von »Sein und Zeit«: »Das Schuldigsein gehört zum
Dasein selbst.« Ich hoffe
nicht,
daß das gleich wieder als eine bequeme Entlastungsphrase für zeitgenössische
schuldunlustige Finsterlinge
verstanden
wird. Jetzt Hegel. Hegel in der Rechtsphilosophie: »Das Gewissen, diese tiefste
innerliche Einsamkeit
mit
sich, wo alles Äußerliche und alle Beschränktheit verschwunden ist, diese
durchgängige Zurückgezogenheit
in
sich selbst ...«
Ergebnis der philosophischen Hilfe: Ein gutes Gewissen ist keins. Mit
seinem Gewissen ist jeder allein.
Öffentliche
Gewissensakte sind deshalb in der Gefahr symbolisch zu werden. Und nichts ist
dem Gewissen
fremder
als Symbolik, wie gut sie auch gemeint sei. Diese »durchgängige Zurückgezogenheit
in sich selbst« ist
nicht
repräsentierbar. Sie muß »innerliche Einsamkeit« bleiben. Es kann keiner vom
anderen verlangen, was er
gern
hätte, der aber nicht geben will. Oder kann. Und das ist nicht nur deutsche
idealistische Philosophie. In der
Literatur,
zum Beispiel, Praxis. Bei Kleist. Und jetzt kann ich doch noch etwas Schönes
bringen. Herrliche
Aktionen
bei Kleist, in denen das Gewissen als das schlechthin Persönliche geachtet,
wenn nicht sogar gefeiert
wird.
Der Reitergeneral Prinz von Homburg hat sich in der Schlacht befehlswidrig
verhalten, der Kurfürst
verurteilt
ihn zum Tode, dann, plötzlich: »Er ist begnadigt!« Natalie kann es kaum
glauben: »Ihm soll vergeben
sein?
Er stirbt jetzt nicht?« fragt sie. Und der Kurfürst: »Die höchste Achtung,
wie Dir wohl bekannt/ Trag ich im
Innersten
für sein Gefühl / Wenn er den Spruch für ungerecht kann halten/Kassier' ich
die Artikel; er ist frei!«
Also, es wird ganz vom Gefühl des Verurteilten abhängig gemacht, ob das
Todesurteil vollzogen wird. Wenn
der
Verurteilte das Urteil für ungerecht halten kann, ist er frei.
Das ist Gewissensfreiheit, die ich meine. Das Gewissen, sich selbst überlassen,
produziert noch Schein genug.
Öffentlich
gefordert, regiert nur der Schein. Birgt und verbirgt nicht jeder ein innerstes,
auf
Selbstachtungsproduktion
angelegtes Spiegelkabinett? Ist nicht jeder eine Anstalt zur Lizenzierung der
unvereinbarsten
Widersprüche'? Ist nicht jeder ein Fließband der unendlichen Lüge-Wahrheit-Dialektik?
Nicht
jeder
ein von Eitelkeiten dirigierter Gewissenskämpfer'? Oder verallgemeinere ich
mich jetzt schon zu sehr, um
eigener
Schwäche Gesellschaft zu verschaffen? Die Frage kann ich doch nicht weglassen:
Wäre die
Öffentlichkeit
ärmer oder gewissensverrohter, wenn Dichter und Denker nicht als Gewissenswarte
der Nation
aufträten?
Beispiele, bitte. In meinem Lieblingsjahrzehnt, 1790 bis 1800, sind Schiller,
Fichte, Hegel, Hölderlin
Befürworter
der Französischen Revolution. Goethe, seit 1776 Weimarer Staatsbeamter, seit
1782 im
Adelsstand,
macht mit seinem Herzog eine Kriegsreise im antirevolutionären Lager, vor
Verdun beobachtet er,
heißt
es, an kleinen Fischen in einem mit klarem Wasser gefüllten Erdtrichter
prismatische Farben. Einen Monat
nach
dem Ausbruch der Revolution hat er sein zärtlich-innigstes Spiegelbildstück
vollendet: den Tasso. Und als
er
im Jahr 94 Schiller in Jena in der »Naturforschenden Gesellschaft« trifft,
wird, heißt es, die Freundschaft
endgültig
begründet. Und den einen hat es offenbar nicht gestört, daß der andere eine
ganz andere Art von
Gewissen
pflegte als er selber. Wer war nun da das Gewissen des Jahrzehnts? Liegt das
jetzt an der Größe
dieser
beiden, daß eine Freundschaft entstand zwischen zwei wahrhaft verschiedenen
Gewissen? Oder gab es
damals
noch Toleranz?
Ein Fremdwort, das wegen Nichtmehrvorkommens des damit Bezeichneten heute
eher entbehrlich ist. Noch so
ein
Gewissensbeispiel: Thomas Mann. Kurz vor 1918 lehnt er Demokratie ab, sie sei
bei uns »landfremd, ein
Übersetztes,
das ... niemals deutsches Leben und deutsche Wahrheit werden kann ... Politik
... Demokratie ist
an
und für sich etwas Undeutsches, Widerdeutsches ...« Und 1922, zu Gerhart
Hauptmanns Sechzigstem
spricht
er: »Von deutscher Republik«, und zwar so: »... fast nur um zu beweisen, daß
Demokratie, daß Republik
Niveau
haben, sogar das Niveau der deutschen Romantik haben kann, bin ich auf dieses
Podium getreten.« Und
blieb
auf diesem Podium. Aber vorher war er auch schon zwanzig Jahre lang ein
Intellektueller und Schriftsteller,
aber,
was die öffentliche Meinung angeht, auf der anderen Seite. Aber wer seine Bücher
liest von
»Buddenbrooks«
bis »Zauberberg«, der kriegt von diesem krassen Meinungswechsel so gut wie
nichts mit.
Dafür
aber, behaupte ich, den wirklichen Thomas Mann: Wie er wirklich dachte und
empfand; seine Moralität
also.
teilt sich in seinen Romanen und Erzählungen unwillkürlich und vertrauenswürdiger
mit als in den Texten, in
denen
er politisch-moralisch rechthaben mußte. Oder gar das Gefühl hatte, er müsse
sich rechtfertigen.
Das möchte man den Meinungssoldaten entgegenhalten, wenn sie, mit
vorgehaltener Moralpistole, den
Schriftsteller
in den Meinungsdienst nötigen. Sie haben es immerhin soweit gebracht, daß
Schriftsteller nicht
mehr
gelesen werden müssen, sondern nur noch interviewt. Daß die so zustande
kommenden Platzanweisungen
in den Büchern dieser Schriftsteller entweder
nicht verifizierbar oder kraß widerlegt werden, ist dem Meinungs-
und
Gewissenswart eher egal, weil das Sprachwerk für ihn nicht verwertbar ist.
Gibt es außer der literarischen Sprache noch eine, die mir nichts
verkaufen will? Ich kenne keine. Deshalb:
Nichts
macht so frei wie die Sprache der Literatur. Siehe Kleist.
Mein Vertrauen in die Sprache hat sich gebildet durch die Erfahrung, daß
sie mir hilft, wenn ich nicht glaube, ich
wisse etwas schon. Sie hält sich zurück, erwacht
sozusagen gar nicht, wenn ich meine etwas schon zu wissen,
was
ich nur noch mit Hilfe der Sprache formulieren müsse. Ein solches Unternehmen
reizt sie nicht. Sie nennt
mich
dann rechthaberisch. Und bloß, um mir zum Rechthaben zu verhelfen, wacht sie
nicht auf. Etwa um eine
kritische
Rede zu halten, weil es Sonntagvormittag ist und die Welt schlecht und diese
Gesellschaft natürlich
besonders
schlecht und überhaupt alles ohne ein bißchen Beleidigung fade ist; wenn ich
ahne, daß es gegen
meine
Empfindung wäre, mich ein weiteres Mal dieser Predigtersatzfunktion zu fügen,
dann liefere ich mich der
Sprache
aus, überlasse ihr die Zügel, egal, wohin sie mich führe. Letzteres stimmt
natürlich nicht. Ich falle ihr in
die
Zügel, wenn ich fürchten muß, sie gehe zu weit, sie verrate zuviel von mir,
sie enthülle meine
Unvorzeigbarkeit
zu sehr. Da mobilisiere ich furcht- und bedachtsam sprachliche
Verbergungsroutinen jeder
Art. Als Ziel einer solchen Sonntagsrede
schwebt mir allenfalls vor, daß die Zuhörer, wenn ich den letzten Satz
gesagt
habe, weniger von mir wissen als bei meinem ersten Satz. Der Ehrgeiz des der
Sprache vertrauenden
Redners
darf es sein, daß der Zuhörer oder die Zuhörerin den Redner am Ende der Rede
nicht mehr so gut zu
kennen
glaubt wie davor. Aber eine ganz abenteuerliche Hoffnung kann der Redner dann
doch nicht
unterdrücken:
daß nämlich der Redner dadurch, daß man ihn nicht mehr so klipp und klar
kennt wie vor der
Rede,
eben dadurch dem Zuhörer oder der Zuhörerin vertrauter geworden ist. Es soll
einfach gehofft werden
dürfen,
man könne einem anderen nicht nur dadurch entsprechen, daß man sein Wissen
vermehrt, seinen
Standpunkt
stärkt, sondern, von Sprachmensch zu Sprachmensch, auch dadurch, daß man sein
Dasein streift
auf
eine nicht kalkulierbare, aber vielleicht erlebbare Art. Das ist eine reine
Hoffnung.
Jetzt sage ich nur noch: Ach, verehrter Herr Bundespräsident, lassen Sie
doch Herrn Rainer Rupp gehen. Um
des
lieben Friedens willen.