Dr. Klaus von Dohnanyi

Gedenkrede anläßlich der Einweihung des Denkmals für Carl Friedrich Goerdeler

Leipzig, den 8. September 1999

 

In diesen letzten Monaten des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts schärfen wir noch einmal unseren Blick für die Konturen seiner Geschichte: Jener unruhige Beginn im Zeichen internationalen Wettrüstens. Die Welt ein Kartenhaus des instabilen Gleichgewichts, nicht nur in Europa. Dann die Katastrophe von 1914. Der ungewollte und doch irgendwie klärend herbeigesehnte Krieg, zu Beginn von niemandem in seiner alles zerstörenden Gewalt erkannt und dann nur scheinbar beendet mit einem ebenso ungerechten wie törichten Friedensdiktat. Nach wenigen Jahren einer Konsolidierung, der weltwirtschaftliche Zusammenbruch 1929 und die fundamentale Erschütterung der jungen und fragilen deutschen Weimarer Republik. Die unverständliche Unfähigkeit der demokratischen Parteien und Gewerkschaften in Deutschland, ihre noch immer bestehenden Mehrheiten für mutige Entscheidungen entschlossen zu nutzen. Als Folge dann die Diktatur Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten, zunächst in Deutschland, später in Europa.

Die kurzen zwölf Jahre des Naziregimes, etwa die Hälfte davon umfaßten den von Deutschland angezettelten Zweiten Weltkrieg, brachten die tiefste Zäsur in der deutschen und europäischen Geschichte der Neuzeit, zerstörerischer als der Dreißigjährige Krieg. Durch die deutschen Verbrechen in diesem Krieg und durch den bis heute unfaßbaren Massenmord des Holocaust scheinen diese Jahre zugleich Ende und Ausgangspunkt deutscher Geschichte zu sein: Alles zuvor scheint in diese Jahre zu führen und alles danach wird wiederum nur durch die Erinnerung an diese Jahre legitimiert. Noch nach mehr als 50 Jahren werden wir mit berechtigten Schadenersatzansprüchen aus jener Zeit konfrontiert.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war dann geprägt durch das Ende dieser ersten Hälfte, gekennzeichnet durch die Teilung Deutschlands und Europas in West und Ost, Demokratie und Diktatur, Liberalismus und Kommunismus, Marktwirtschaft und zentralistische Planwirtschaft. Im Ergebnis: durch unerwarteten, freiheitlichen Erfolg im Westen und kontinuierlichen Verfall unter den östlichen Parteidiktaturen. Es war eine Spaltung, die in dieser geographischen Struktur letztlich auch auf den von Deutschland verursachten Zweiten Weltkrieg zurückging.

Das Ende dieser Spaltung, also des Kalten Krieges, liegt erst gut zehn Jahre zurück. Damals zerbarst der östliche Block an seinen inneren Widersprüchen, an der Sehnsucht der Menschen nach Selbstbestimmung und Demokratie. Die Schäden, die kommunistische Ideologie und Diktatur im Verlaufe dieser Teilungsjahre in Rußland, Osteuropa und Ostdeutschland angerichtet haben, werden noch Jahrzehnte zu spüren und zu besichtigen sein. Sie sind auch ein später Beleg für die berechtigte Furcht vieler Deutscher vor einer kommunistischen Herrschaft in den 20er und frühen 30er Jahren. Doch wie gesagt- Ohne den Irrsinn und die Verbrechen der Nazidiktatur wäre es kaum zu einer derartigen Spaltung Europas gekommen.

Wir sind heute hier versammelt, um eines Mannes zu gedenken, der den Beginn dieses 20. Jahrhunderts schon als wacher Jugendlicher erlebte; der 30 Jahre alt war, als der Erste Weltkrieg 1914 begann, der die Schwäche der Weimarer Republik als 40-Jähriger durchlitt und der nahezu 50 Jahre alt war, als die Nazis 1933 an die Macht kamen. Damals war Carl Friedrich Goerdeler hier in Leipzig, der in jener Zeit nach Berlin kulturell und wirtschaftlich wohl bedeutendsten Stadt des Deutschen Reiches, ein weithin anerkannter Oberbürgermeister. Als Jurist in Tübingen und Königsberg ausgebildet, hatte er seit 1912 das kommunalpolitische Handwerk sozu

sagen von der Pike auf gelernt, war Beigeordneter in Solingen gewesen und Bürgermeister im ostpreußischen Königsberg seit 1920-, 1930 wählte man ihn in Leipzig zum Oberbürgermeister. Seine Sachkenntnis in wirtschaftlichen und sozialen Fragen fand Anerkennung in der Berufung zum Reichskommissar für Preisüberwachung. Die Ernennung Adolf Hitlers 1933 zum Reichskanzler traf ihn also auf der Höhe seiner starken Schaffenskraft als fürsorgliches Stadtoberhaupt und als deutschen Patrioten.

Das Denkmal, das wir Carl Friedrich Goerdeler heute hier widmen, gilt allerdings nicht in erster Linie dem Oberbürgermeister Goerdeler, der viel für diese Stadt getan hat. Sein Werk hatten Nazidiktatur, der Zweite Weltkrieg und die Vernachlässigung durch eine arrogante SED-Parteiherrschaft verschüttet. Oberbürgermeister Lehmann-Grube sagte anläßlich des 50. Todestages von Carl Friedrich Goerdeler 1995, er habe 1990, als er selbst das Amt des Leipziger Oberbürgermeisters antrat, faktisch keine Spuren Goerdelers finden können. Und wo er einmal - selten genug - auf Kenntnisse stieß, da waren diese, wie Lehmann-Grube formulierte, "meist vage oder schlimm verzerrt. Der Wiederaufbau Leipzig ist nun unter äußerst schwierigen Bedingungen in vollem Gange, und Carl Friedrich Goerdelers demokratische Nachfolger, zunächst Hinrich Lehmann-Grube und heute Wolfgang Tiefensee, können wohl von uns allen am besten ermessen, welcher Kraft es in den schweren Jahren der Wirtschaftskrise nach 1929 bedurfte, um Leipzig durch Firmenzusammenbrüche, Arbeitslosigkeit, soziales Elend und politische Radikalisierung zu steuern.

Doch heute sind wir versammelt, um des von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Goerdeler zu gedenken und für ihn ein Denkmal einzuweihen. Zu diesem - und dem gewichtigen Werk -wird Herr Dr. Werner hier sprechen. Professor Clemens von Klemperer hat anläßlich des 50. Todestages im Jahre 1995 eingehend über Charakter, Leben und Widerstand Goerdelers gesprochen. Er hat Herkunft und politische Überzeugungen beschrieben und die Konflikte der verantwortlichen Frauen und Männer dieser Jahre, auch des Widerstands, aufgezeigt. Er hat dabei auf die Bedeutung des auf Staat und Regierung geleisteten Eides für die damalige Generation verwiesen und auf die Nähe zum Verrat, der für viele, besonders im Krieg, mit dem Widerstand gegen die Regierung verbunden war. Klemperer nannte das die Ambivalenz, in der sich jeder befand, der unter der NaziDiktatur leben mußte. Ein wenig von dieser Ambivalenz haben die Leipziger auch nach 1945 noch einmal unter sowjetischer Besatzung und unter dem SED-Regime erfahren müssen.

Ich möchte heute nicht wiederholen, was Clemens von Klemperer 1995 scharfsichtig und eindringlich über Carl Friedrich Goerdeler gesagt hat. Es ist nachzulesen in einer bemerkenswerten Schrift des Kulturamtes der Stadt Leipzig aus jenem Jahr. Oberbürgermeister Tiefensee hat Wichtiges heute hinzugefügt. Klemperer hat das von Nachgeborenen oft so leichthin gefällte Urteil über einen Mann, der auch mit Zustimmung der Nationalsozialisten bis Ende 1936 im Amt geblieben war, mit klaren Worten zurückgewiesen: "Wenn man zurücktritt, verliert man Wirkungspotential, wenn man bleibt, gerät man unweigerlich in ein Zwielicht'. Soweit Klemperer. Dietrich Bonhoeffer schrieb zu Weihnachten 1942 für Hans Oster und meinen Vater einen Essay mit dem Titel "Nach 10 Jahren", zu finden in "Widerstand und Ergebung", in dem er am Schluß eben aus dieser Erfahrung der Tarnung, des Zuschauens und des Widerspruchs zwischen Schein und Sein, also aus der Ambivalenz von Leben, Überleben und Widerstand in einer Diktatur, die Frage stellte: "Sind wir noch brauchbar"?, nämlich für die Zeit danach. Und meine Mutter berichtet, daß mein Vater während seiner Widerstandsarbeit seit 1933 und sogar noch in der Haft immer wieder meinte, es würden sich wohl am Ende alle einer gerichtlichen Überprüfung ihres Verhaltens unter der Nazidiktatur unterziehen müssen.

Die Größe, die Unvergleichbarkeit und die weltweiten Folgen der deutschen Verbrechen zwischen 1933 und 1945 aber haben eine so tiefe Zäsur nicht nur in der deutschen Geschichte hinterlassen, daß wir geneigt sind, alles Verhalten der Menschen vor und zu Beginn der Hitlerdiktatur mit unserem heutigen Wissen zu beurteilen. Ich halte das für einen gefährlichen Fehler, denn die Nazi-Diktatur und Auschwitz waren weder die logische Konsequenz deutscher Entwicklung, noch geben sie in erster Linie Auskunft über deutsche Besonderheiten. Sie geben vielmehr Auskunft über das, was Menschen zu tun imstande sind, wenn sie in Not einen Ausweg suchen, sich einem Diktator anvertrauen, und dann von Wahnsinn und Terror regiert werden. Man kann der Weimarer Generation kaum vorwerfen, sie habe Hitlers Weg nach Auschwitz nicht rechtzeitig erkannt: Denn niemand, auch das oft über politische Hintergründe viel besser informierte Ausland, hat dies vorausgesehen; ja das Ausland hat die Nachrichten nicht einmal geglaubt, als der Holocaust schon geschah, Anfang der 30er Jahre, also bevor Hitler an die Macht kam, gab es sogar im liberal-demokratischen Lager Stimmen, die meinten, man müsse die Nazis an der Macht beteiligen, um sie aus der hohlen Demagogie in die praktische Verantwortung zu zwingen. Leopold Schwarzschild wäre ein Beispiel. Und ein Mann wie Martin Niemöller bekannte später, noch im März 1933 NSDAP gewählt zu haben.

Wir alle sollten eben eine Zeit, und das Verhalten der Menschen in ihr, stets im historischen Umfeld betrachten. Hans Mommsen hat recht, wenn er kürzlich seine kritischen Bemerkungen über antisemitische Haltungen im Widerstand mit der Feststellung beendete, damals habe man die Konsequenzen der Shoa weder gekannt noch ahnen können.

Und doch sollten und können wir alle aus der Geschichte lernen; natürlich insbesondere aus der unseren. "Principiis obsta" - stehe rechtzeitig auf, wenn du Unrecht siehst und schweige niemals darüber; das ist wohl die wichtigste Lehre, die wir alle aus den Jahren vor der Nazidiktatur ziehen können. In Fragen von Recht und Unrecht darf der Satz "Wo gehobelt wird, da fallen Späne", den man während des Aufkommens und zu Beginn der Nazi-Jahre angeblich so oft hören konnte, niemals wieder gelten. Gegenüber dem demokratisch gefundenen und gesetzten Recht darf es weder Gewalt noch Verweigerung geben, wie intensiv man sich auch seine Veränderung wünschen mag. Die Institutionen des demokratischen Rechtsstaats müssen sakrosankt sein; Freiheit der Meinungsäußerung ist unantastbar. Kein persönliches "Gerechtigkeitsgefühl" darf diesen Grundsatz selbstherrlich einschränken. Toleranz ist das Fundament einer menschenwürdigen Gesellschaft. Der Satz von der "repressiven Toleranz", den Herbert Marcuse prägte, ist in meinen Augen ein Zeichen gefährlicher geistiger und politischer Verlotterung. Wer niederschreit, setzt schon die erste Sprosse der Leiter zum Totalitarismus.

Lernen aus der Geschichte auch dort, wo wir als Deutsche in der Hitlerdiktatur Besonderheiten unserer Mentalität zu entdecken vermögen. Wir Deutsche hatten wesentliche Bürgerrechte ja relativ früh durch obrigkeitliche Rechtsetzung erworben, aber eben nicht durch einen politischen parlamentarischen Machtkampf Die große Errungenschaft eines frühen Rechtsstaates ließ den Aufklärer Wieland zwar 1793 - und ich meine zu Recht - urteilen, wir Deutsche bräuchten keine Revolution wie die von 1789 in Frankreich, weil wir so rechtlose Zustände, wie sie in Frankreich vor der Revolution geherrscht hatten, gar nicht gekannt hätten. Aber wir müssen dann eben auch bedenken, daß wir Recht und Rechtsstaat nicht nur formal fassen dürfen; daß der Rechtsstaat - wie es ja auch heute durch unser Grundgesetz festgeschrieben ist auf den Menschenrechten, den Grundrechten gründet. Und, daß Rechtsformalismus und menschliche Toleranz im täglichen Leben in einen Gegensatz geraten können, den wir versuchen sollten, menschlich und nicht nur formalistisch aufzulösen.

Zurück zur damaligen Zeit, den Jahren der Nazidiktatur. In letzter Zeit lesen und hören wir immer wieder kritische Beurteilungen der politischen Auffassung und der Ziele von Mitgliedern des deutschen Widerstands. Das gilt auch für Carl Friedrich Goerdeler. Man sagt, einige dieser Männer und Frauen hätten zum Teil ständische, autoritäre, ja sogar undemokratische Vorstellungen von der Zukunft gehegt.

Aber Anfang der 30er Jahre, als die radikalisierte Rechte und die entsprechende Linke sich sogar gelegentlich zu gemeinsamem Handeln fanden, war die konservative Mitte ein relativ sicherer Hort der Demokratie; diese "konservative" Mitte reichte bis in die Sozialdemokratie. Demokraten können eben konservativ, liberal oder links sein: nur müssen sie die verfassungsmäßigen Institutionen, die rechtsstaatlichen Verfahren, den Rechtsstaat und die Menschenrechte respektieren und verteidigen.

Wer den vielfältigen, den sozial und politisch so heterogenen Widerstand in Deutschland nach 1933 beurteilen will, und zwar auch so, daß wir noch heute daraus lernen können, der sollte nicht rechts oder links, konservativ oder liberal als Maßstab seines Urteils anlegen. Niemand kann heute nämlich wissen, ob nicht angesichts der wachsenden Radikalität antidemokratischer rechter und linker Massenbewegungen im damaligen Deutschland eine konservative, eher autoritär ausgerichtete, aber zugleich den demokratischen Rechtsstaat respektierende Regierung die einzig mögliche Rettung war. Denn die demokratischen Weimarer Parteien waren offenbar nicht mehr in der Lage, der Entwicklungen mit den bisherigen Mitteln Herr zu werden.

Sicher, unsere Idealvorstellungen wären anders. Aber es zählen am Ende eben die realen Möglichkeiten der damaligen Zeit, das damalige Wissen, die damaligen Umstände, die damaligen Wähler, die damaligen sozialen Strukturen. Es waren die Erfahrungen der Weimarer Republik - sie lagen ja kaum ein Jahrzehnt zurück - die diese geistige Welt des Widerstands auch im Kreisauer Kreis prägten. Sie prägten dann mit der 5 %-Klausel und dem Institut des "konstruktiven Mißtrauensvotums" schließlich auch Parlamentarischen Rat und Grundgesetz unserer heutigen Republik.

Ich kann hier nicht im einzelnen eingehen auf die politischen Verfassungsvorstellungen des Widerstands. Ich halte diese Fragen zwar für historisch interessant, aber sie eignen sich überhaupt nicht für eine Prognose dessen, was diese Frauen und Männer unter veränderten freiheitlichen, zunächst von alliierter Militärherrschaft geprägten Bedingungen, also nach der Nazi-Diktatur, bewirkt und getan hätten. Einiges ließe sich aus der politischen Arbeit der überlebenden Kameraden der Mitglieder des Widerstands im demokratischen Deutschland nach 1945 folgern: Bei ihnen war wirklich nichts von antidemokratischer Gesinnung zu spüren.

Wer also das politische Denken des Widerstands heute kritisiert, sollte sehr bescheiden beginnen. In den Texten der Leipziger Broschüre von 1995 zum 50. Todestag von Carl Friedrich Goerdeler finde ich sowohl bei Klemperer als auch bei Lehmann-Grube dafür den entscheidenden Satz. Klemperer sagte damals: "Das erste Gebot in der Beurteilung eines so ungewöhnlichen Kapitels der Geschichte, wie es der Widerstand in einem totalitären Staat darstellt, ist die Frage an uns selbst: wie hätten wir uns unter ähnlichen Umständen verhalten?" Und Lehmann-Grube sagte zuvor: "Ich nähre in mir den Zweifel, den notwendigen Zweifel, ob ich in vergleichbarer Lage den rechten Weg überhaupt gefunden hätte".

Wir alle, ja alle Welt verurteilt die Mörder und ihre Helfershelfer. Aber ohne diese notwendige Selbstbefragung, so scheint mir, kann niemand - ob Deutscher oder Nichtdeutscher, ob Jude, Moslem, Christ oder Atheist - glaubwürdig über die anderen Deutschen der damaligen Zeit, über Zuschauer, Wegschauer oder eben auch über den Widerstand urteilen. Alles andere verstehe ich als moralische Anmaßung. Nur die ehrliche Antwort auf die Frage "Wie hätte ich mich selbst verhalten?" berechtigt zu einem Urteil, und insbesondere auch zu einer Verurteilung, der damaligen Zuschauer. Ich meine, die Historiker sind zwar verpflichtet, unnachsichtig zu erforschen und klar zu beschreiben, aber urteilen und verurteilen sollten sie immer nur auf dem Hintergrund der damaligen Erfahrungen, damaliger Erkenntnisse und damaliger Möglichkeiten.

Der Widerstand gegen eine Diktatur verlangt eine Vielzahl von seltenen menschlichen Eigenschaften: Ein unbestechliches Urteil über Gut und Böse; ein Verantwortungsbewußtsein für die Gemeinschaft; den Mut zu handeln, wo Handeln geboten, aber auch Befehlen nicht zu folgen, wo Gefolgschaft unverantwortbar wäre; schließlich die Bereitschaft, einsam zu sein, gesellschaftliche Ausgrenzung zu ertragen und auszuhalten.

Zivilcourage ist das Kürzel, das wir für diese Haltung oft benutzen; aber es reicht kaum aus, um die Vielschichtigkeit eines Charakters zu beschreiben, der aufrecht unter den Gefahren der Diktatur lebt. Es sind Eigenschaften, die mit rechts oder links nichts zu tun haben. Es sind Eigenschaften, die aber auch nicht mit einem unfehlbaren politischen Urteil verbunden sein müssen. Anstand und Zivilcourage sind zwar die wahren Stützen der Demokratie, aber sie schützen nicht vor politischem Irrtum.

Carl Friedrich Goerdeler war ein konservativer Demokrat. Er war eindeutig ein Mann der Demokratie im Sinne einer auf der Grundlage der Menschenrechte rechtsstaatlich kontrollierten Regierung. Er war ein Mann, der seine Verantwortung für seine Stadt und sein Land nach 1933 zunächst darin sah, die Hitler-Regierung auf einen rechtsstaatlichen Weg zu bringen. Er hatte die Hoffnung, am Ende so eine Regierungsform demokratischer Verfahren erzwingen zu können. Er war aber nicht ein Mann, der die Grenze zum Bösen mit Beschönigungen überschreiten würde. Er legte folglich sein Amt nieder, als er diese Grenze überschritten sah.

Goerdeler war ein Mann, der den Mut hatte, Widerstand gegen die Naziregierung unter Lebensgefahr zu organisieren und der für diese seine Überzeugung schließlich vom Naziterror ermordet wurde.

Deutschland gedenkt heute vielfach der Opfer des Nationalsozialismus. Wir bemühen uns ehrlich, Weg, Schuld und Verstrickung der Deutschen in die Verbrechen der Nazidiktatur zu verstehen und die historische Verantwortung für die Schuld unseres Landes auf uns zu nehmen. Aber wir Deutsche sollten uns auch deutlicher derjenigen erinnern, die in diesem Terror aufrechten Widerstand geleistet haben. Sie verdienen nämlich nicht nur Erinnerung und Gedenken: sie sind die wertvollsten Vorbilder für die Zukunft unserer Gesellschaft.

Carl Friedrich Goerdeler gehört zu diesen Männern. Sein Leipziger Denkmal soll ein leuchtender Baustein der Erinnerung sein an Deutschlands aufrechte Frauen und Männer des Widerstands in den dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte. Carl Friedrich Goerdeler ist heute ein Vorbild für unsere Zukunft.