Dr. Edmund Stoiber

Rede beim Deutschlandtreffen der Ostpreußen am 23. Juni 2002 in Leipzig

- Anrede -

"Im Heimatgefühl liegt auch der Anspruch, unverwechselbar zu bleiben". Das ist ein Satz aus dem großen Roman "Heimatmuseum" von Siegfried Lenz. Dieser Satz trifft voll auf die Ostpreußen zu.

Sie sind heute hier in Leipzig zusammengekommen, weil Sie Ihre Heimat auch 57 Jahre nach Flucht und Vertreibung im Herzen tragen.

Sie sind zusammengekommen, weil Sie als Ostpreußen unverwechselbar bleiben wollen.

Und Sie sind zusammengekommen, weil Sie genau dies vor der Welt, vor den Deutschen, den Polen und den Russen, weil Sie das vor Europa zeigen wollen.

Ich bin hier, weil ich Sie in Ihrem friedlichen Bekenntnis zu Ihrer Heimat, in Ihrem Bekenntnis zu Ihrer unverwechselbaren Kultur stärken und unterstützen möchte.

Deutschland ist eine große, eine vielgestaltige Kulturnation. Und dazu gehört untrennbar Ostpreußen mit seiner reichen Geschichte und Kultur.

In diesem Sinne grüße ich Sie zusammen mit meiner Frau ganz herzlich. Ich grüße Sie hier in der Messehalle und die gesamte ostpreußische Familie in Deutschland. Ich grüße Sie vom Patenland Bayern. Wir in Bayern bekennen uns zu unseren eingegangenen Verpflichtungen und wir halten sie ein. Herr von Gottberg und seine Vorstandskollegen wissen dies von unseren regelmäßigen Gesprächen.

Ich will vor Ihnen – denn ich habe noch nie vor so vielen Ostpreußen gesprochen – diese Patenschaft mit der Landsmannschaft Ostpreußen gerne bekräftigen. Die Gründe, die vor 24 Jahren zu der Besiegelung der Patenschaft geführt haben, gelten auch heute unverändert weiter. Dieses Bekenntnis, das können Sie mir glauben, kommt von Herzen.

In der Patenschaftsurkunde von 1978 heißt es: "Die Übernahme der Patenschaft will ein Zeichen der Verbundenheit mit den ostpreußischen Landsleuten sein." Diese Verbundenheit mit Ihnen will ich heute zum Ausdruck bringen. Verbundenheit haben Sie, die Ostpreußen, aber auch alle Heimatvertriebenen, in der Tat verdient.

Alle Deutschen stehen insgesamt in der historischen Verantwortung für das, was von Hitler-Deutschland den Völkern Europas angetan wurde. Gerade Polen und die Sowjetunion haben unter der deutschen Herrschaft gelitten wie keine anderen Nationen.

Aber bei und nach Kriegsende hatten gerade die Deutschen im Osten unter den Kriegsfolgen in besonderer Weise zu leiden. Schon der Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen war insbesondere für die Kinder und Frauen mit ungeheuren Demütigungen, Vergewaltigungen, mit Qualen und Leiden verbunden. Ich denke an unsere Landsleute, die auf dem Haff erfroren sind, in der kalten Ostsee ertranken, auf den Trecks überrollt wurden oder an Erschöpfung und Hunger starben.

Auf die Besatzung folgten Deportation und Zwangsarbeit, folgten Enteignung und Vertreibung. 15 Millionen Menschen, darunter zweieinhalb Millionen Ostpreußen, wurden aus ihrer Heimat geworfen, wurden hineingestoßen in eine ungewisse Zukunft. Mehr als 2 Millionen überlebten dieses grauenhafte Geschehen nicht.

"Es ist gut und richtig, daß wir nicht nur um die eigenen Toten, sondern auch um die anderer Länder trauern, die einem Krieg zum Opfer fielen, der von Deutschland ausgegangen war. Aber wir sollten dabei nie die eigenen Toten übergehen, sollten ihrer immer gedenken, weil sie in einer kalten Welt am meisten vergessen sind, wenn auch wir uns ihrer nicht erinnern." Diese zutiefst menschliche Sätze sagte Prof. Arnulf Baring vor wenigen Wochen auf dem Sudetendeutschen Tag in Nürnberg. Und ich stimme ihnen aus vollem Herzen zu.

Und beim Treffen aller Danziger am letzten Maiwochenende dieses Jahres sagte der Vizepräsident des Sejm, Donald Tusk, daß die Gesellschaft den gemeinsamen Respekt vor den Toten wieder zu finden habe, wenn sie eine Zukunft erlangen möchte.

Das gemeinsame Erinnern der ehemaligen und der heutigen Danziger an die Toten, "schloß die Herzen auf", so die FAZ.

Verbundenheit haben Sie aber auch deswegen verdient, weil Sie an Ihrem harten Schicksal nicht verzweifelt sind, weil Sie nicht jene Rolle übernommen haben, die Ihnen Stalin zugedacht hatte: Als Mittellose in Deutschland Unruheherd zu sein. Im Gegenteil: Sie wurden kein Unruheherd, sondern ein Hort der Stabilität in unserem Land. Sie haben mit harter Arbeit den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands mitgestaltet. Gerade für meine bayerische Heimat gilt, in die ja auch etwa 100 000 Ostpreußen kamen, daß mit den Heimatvertriebenen neue Wirtschaftszweige Einzug hielten und unser Wohlstand dadurch gemehrt wurde.

Verbundenheit haben Sie aber nicht nur wegen ihrer wirtschaftlichen Aufbauleistung verdient, sondern vor allem auch deswegen, weil Sie zu einer stabilen Kraft in unserem demokratischen Gemeinwesen wurden.

Sie hatten nach dem Krieg vielfach keine Arbeit, die Familien waren zerrissen, Lager waren die erste Zuflucht. Trotz all dieser Not haben Sie sich nie radikalisiert. Sie haben Ihren Platz immer in der politischen Mitte unseres Landes gesehen, christlich orientiert, wertkonservativ und im guten Sinne patriotisch gesinnt. Mehr als andere in unserem Lande haben Sie gespürt, daß linker und rechter Extremismus unserem Lande nur schadet und zur Zersplitterung und Schwächung der Mitte führt. Wo nötig, haben Sie sich von jenen getrennt, die den demokratischen Verfassungsbogen verlassen hatten. Diese verantwortungsbewußte Haltung über Jahrzehnte hinweg möchte ich mit Respekt, Anerkennung und Dank würdigen.

Politik der Mitte hieß für Sie freilich nicht, konturenlos und anonym zu werden. Sie hatten stets klare Vorstellungen. Sie mahnten die bleibende Erinnerung an die Vertreibung an. Sie mahnten an, das Unrecht der Vertreibung aufzuarbeiten, sich der historischen Wahrheit zu stellen. Sie verweigerten sich zu Recht einem billigen und oberflächlichen Schlußstrich unter die Geschichte. Für diese Haltung wurden die Vertriebenen in den letzten 30 Jahren oft gescholten und diffamiert, insbesondere von der politischen Linken.

Nur zu oft und zu gern wurde hierzulande das Vokabular der kommunistischen Staaten übernommen. Sie wurden als Revanchisten, als Ewig-Gestrige, als Entspannungsgegner diffamiert. Man hatte ihnen stereotyp ein Etikett angeheftet und sie in eine bestimmte Ecke gedrängt.

Für die CDU und die CSU kann ich aber sagen, daß wir über all die Jahre stets zu den Heimatvertriebenen gestanden haben. Ich darf dazu Franz Josef Strauß aus dem Jahre 1985 zitieren: "Die Heimatvertriebenen huldigen keinem Revanchismus, sondern sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur politischen Moral, zur Erhaltung von Freiheit und Recht." Genau so ist es.

Viel schwerer noch hatten es freilich die Vertriebenen in der ehemaligen DDR. Hier wurden sie beschönigend und verletzend zugleich Umsiedler genannt. Sie konnten sich nicht zu Verbänden vereinigen, konnten keine politische Wirkung entfalten, konnten ihre Kultur nicht pflegen, mußten ihre Identität verleugnen.

Die deutsche Einheit hat auch den Heimatvertriebenen in der ehemaligen DDR die späte Chance eröffnet, sich zu ihrer Herkunft zu bekennen und die Kultur der alten Heimat zu pflegen. Gerade hier in Leipzig, wo die Einheit Deutschlands durch die machtvollen Montagsdemonstrationen ihren Ausgang nahm, dürfen wir dankbar an das Gelingen der Einheit erinnern. Nach 40 Jahren Zwangsherrschaft und Planwirtschaft muß uns daher der Aufbau in den neuen Ländern Verpflichtung und gemeinsames nationales Anliegen sein.

Meine Damen und Herren,

1998 hat der damalige polnische Außenminister Geremek gesagt: "Es ist die Aufgabe unserer Generation, versöhnend zu wirken." Das ist ein richtiges und wichtiges Wort. Jene, die Leid persönlich erfahren haben, müssen sich über den Gräbern der Toten die Hand reichen, so wie das Deutsche und Franzosen über den Gräbern von Verdun getan haben. Es ist deswegen ein richtiges Wort, weil es zum Ausdruck bringt: es gibt keinen Schlußstrich unter das Unrecht der Geschichte ohne Versöhnung.

Es ist auch deswegen ein richtiges Wort, weil die Menschen und die Politik aufgefordert werden zu handeln und die Probleme nicht auf die Historiker abzuschieben, wie es so gerne und so oft in Prag heißt.

Ich komme noch einmal auf das Treffen der Danziger zurück. "Seid willkommen, zurück in Danzig", hieß es überall in der Stadt. Danzig sollte Heimstatt für alle werden können, die einst hier lebten. Das ist eine Haltung der Stadt Danzig zu den früheren Mitbürgern, wie man sie sich nur wünschen kann. Das ist nachbarschaftlicher, das ist europäischer Geist, das ist Verwirklichung des Heimatrechts im Kleinen.

Und man sieht am diesem Beispiel ein zweites: Dort, wo man sich begegnet, lösen sich Vorurteile wie von selbst auf, fällt Furcht ab. Die Vertriebenen haben seit dem Fall des Eisernen Vorhangs diese Begegnungen gesucht. Sie haben sich aufgemacht in die alte Heimat. Sie haben Kirchen und andere Baudenkmäler renoviert, der deutschen Minderheit geholfen, aber ebenso Polen wie Russen. Sie haben sich humanitär stark engagiert, den Aufbau von Sozialstationen unterstützt und vieles mehr. Ihr Sprecher, Herr von Gottberg, erzählte mir, daß er bereits 35 Mal im nördlichen Ostpreußen war. Das ist doch bemerkenswert, wenn man bedenkt, welche Mühen und Anstrengungen damit verbunden sind. Dies macht man nur, wenn man seine Heimat liebt. Das verdient Anerkennung und Dank.

"Ostpreußen verpflichtet" - Diesem Motto haben Sie und mit ihnen viele tausend gleichgesinnte Landsleute in der Tradition eines preußischen Pflichtbewußtseins alle Ehre gemacht.

Im Gegensatz zu den Sudetendeutschen treffen die Ostpreußen in Polen auf ein offeneres Klima. Äußerungen, wie sie in den vergangenen Wochen und Monaten aus Prag kamen, sind aus Warschau Gott sei Dank nicht zu hören. Ich möchte noch einmal Professor Baring aus einer Rede beim Sudetendeutschen Tag zitieren: "Die emotionale Verstocktheit der Tschechen ist verblüffend in einer internationalen Umgebung, die seit Jahren und aus vielen Anlässen dadurch gekennzeichnet ist, daß Untaten der Vergangenheit öffentlich bedauert werden und heutige Repräsentanten der betroffenen Staaten die Opfer um Verzeihung bitten."

In weiten Kreisen Polens ist die Haltung eine andere. Man tritt den Vertriebenen aufgeschlossener gegenüber. Das Vertreibungsgeschehen wird in der Geschichtsschreibung aufgearbeitet. Vertreter der Landsmannschaften, darunter auch der Ostpreußen, wurden schon mehrmals in Warschau von hochrangigen Politikern empfangen. Gemeinsame kommunalpolitische Kongresse, wie zuletzt in Elbing, stärken die Zusammenarbeit. Auch das Angebot aus Polen, in Breslau das geplante Zentrum gegen Vertreibungen zu errichten, zeugt von gutem Willen, von europäischem Geist, ja von europäischer Normalität. Das Klima zwischen den deutschen Heimatvertriebenen und Polen ist also ehrlicher und dialogbereiter. Gleichwohl steht das Unrecht der Vertreibung als ungelöstes Problem noch im Raum. Das sollte nicht so bleiben. Es ist für Polen wie für Deutschland, es ist für Europa besser, diese Wunden der Vergangenheit jetzt zu heilen, als sie in die Zukunft mitzuschleppen.

Daß das Vertreibungsunrecht immer mehr zu einem europäischen Problem wird, zeigt auch die allerjüngste Entschließung des Europäischen Parlaments zum Stand der Beitrittsverhandlungen.

Darin heißt es erstmals im Mantelbericht, also im übergreifenden Teil, zu allen Beitrittskandidaten: Es wird darauf hingewiesen, "daß Verhaltensweisen aus dem letzten wie vorletzten Jahrhundert nicht in die Zukunft fortgeschrieben werden dürfen".... Es sollten im Zuge der Erweiterung der Europäischen Union "die Wunden vieler historischer Zwiste geschlossen werden können und die Völker sich am gemeinsamen Bau des neuen Hauses Europa beteiligen, um einen dauerhaften Frieden, gemeinsame Werte und das Wohl der Völker Europas zu gewährleisten". Das Europäische Parlament erwartet "von allen Seiten die Bereitschaft zum offenen und ehrlichen Dialog, dem das Bekenntnis zum Aufbau eines gemeinsamen Europas, das die Nachkriegsordnung ablöst, zugrunde liegt."

Das Europäische Parlament betont ferner, daß die Grundlage für den Beitritt "die strikte Einhaltung der Schlußfolgerungen des Europäischen Rates von Helsinki und die politischen Beitrittskriterien, die vom Europäischen Rat im Juni 1993 in Kopenhagen festgelegt wurden, erfolgen muß."

Klar und eindeutig wie nie zuvor wird die Wertegemeinschaft Europa betont, wird dazu aufgerufen, das Unrecht, das im vergangenen Jahrhundert die Völker Europas zutiefst demütigte, verletzte und spaltete, endlich aus der Welt zu schaffen.

Noch nie hat das Europäische Parlament in so klaren Worten darauf hingewiesen, daß altes Denken überwunden werden muß, daß die Nachkriegszeit in Europa erst beendet ist, wenn auch das Vertreibungsunrecht für beide Seiten versöhnend und Gemeinwohl verträglich aus der Welt geschafft ist.

Es geht also nicht um Zukunft oder Vergangenheit, wie auch Gerhard Schröder gerne simplifizierend sagt. Es geht um Zukunft im Bewußtsein der Vergangenheit. Und die Zukunft wird nur gut, wenn die Vergangenheit darin nicht mehr rumort und weiter wühlt, sondern wenn diese Vergangenheit in die Zukunft eingearbeitet und aufgearbeitet und somit geheilt wird.

Wer blind gegenüber der Vergangenheit ist, der findet sich auch in der Zukunft nicht zurecht.

Was wäre also zu tun, um diese Entschließung des Europäischen Parlaments in die politische Wirklichkeit umzusetzen?

  1. Die Bereitschaft zum offenen und ehrlichen Dialog darf im Europa des 21. Jahrhunderts erwartet werden. Niemand wünscht sich diesen Dialog sehnlicher als die deutschen Heimatvertriebenen. Und sie wünschen sich, daß die Bundesregierung sie dabei unterstützt. Dies ist bislang weder von Schröder noch von Fischer geschehen. Im Gegenteil: Schröder bekräftigt immer wieder gebetsmühlenartig, daß er die aus der Vergangenheit herrührenden Fragen nicht ansprechen möchte. Da spricht die Entschließung des Europäischen Parlaments eine andere Sprache – und das ist die richtige Sprache. Nicht das Verschweigen und Verdrängen führt weiter in Europa, sondern der offene und ehrliche Dialog. Ich kann Ihnen versichern: Ich werde mich als Bundeskanzler um diesen Dialog bemühen.
  2. Warum soll das, was in Danzig möglich war, nicht auch anderswo möglich sein. "Seid willkommen, zurück in Allenstein, in Elbing, in Frauenburg, aber auch in Stettin, in Breslau oder Oppeln". Warum soll das, was für die Donauschwaben, für die Siebenbürger Sachsen, für die Baltendeutschen bereits Wirklichkeit ist – Sie alle haben längst eine Einladung zur Rückkehr in Ihre alte Heimat erhalten – warum soll dies auch nicht für den Beitrittskandidaten Polen möglich sein. Es wäre eine noble Geste Polens wie Rußlands, wenn den früheren Bewohnern Ostpreußens dieses Heimatrecht, unabhängig von EU-Bestimmungen, eingeräumt würde.Es ist schon oft gesagt worden – und es steht seit 1950 in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Darin wird jeglicher Gewalt abgeschworen und eine europäische Perspektive für die Überwindung des Vertreibungsunrechts aufgezeigt. Alle Menschen sollen in einem freien Europa ohne Furcht und Zwang leben. Das war und bleibt die Vision. Niemand hat deshalb vom Heimatrecht für die Vertriebenen etwas zu befürchten. Niemand will irgend jemanden verdrängen. Wir alle wollen Stabilität in Europa. Wir wollen in Europa wirtschaftliche Gräben ebenso überwinden wie historische. Wir alle wollen ein Europa in Freiheit, in Frieden, in Sicherheit und Wohlstand. Wir alle wollen ein Europa, in dem das Heimatrecht gilt und geachtet wird.
  3. Wenn es im Mantelbericht des Europäischen Parlaments heißt, daß durch "die Erweiterung der Europäischen Union die Wunden vieler historischer Zwiste geschlossen werden können", so muß natürlich auch über die Dekrete gesprochen werden, aufgrund derer die Deutschen entrechtet und vertrieben wurden. Solange sie Gültigkeit haben, bleiben Wunden offen. Sie widersprechen der europäischen Werte- und Rechtsordnung. Kollektive Vertreibung war und bleibt Unrecht. Ich habe immer gesagt: Es liegt im eigenen Interesse Polens, sich von diesem Teil der Vergangenheit verbindlich und versöhnend zu trennen.

 CDU und CSU haben in ihrem gemeinsamen Regierungsprogramm klar und eindeutig zu den Vertreibungsdekreten Stellung bezogen. Dort heißt es: "Die Vertreibungsdekrete und -gesetze sind Unrecht. Sie stehen im Gegensatz zu Geist und Werten der Europäischen Union und des Völkerrechts. Vertreibung und ethnische Säuberung dürfen nirgendwo Teil der bestehenden Rechtsordnung sein." Ich werde mich, wenn ich ab dem 22. September Verantwortung für Deutschland tragen sollte, dieser europäischen Aufgabe stellen.

Ich bin mir auch sicher, daß dies in Polen ähnlich gesehen wird. Polen ist eine große europäische Nation. Wir haben mit Polen eine reiche Geschichte in Partnerschaft, aber auch im Konflikt.

Polen kennt das Leid der Teilung und kennt das Leid der Vertreibung. In Polen gibt es keine eingefrorenen Geschichtsbilder mehr. In der polnischen Politik sehe ich große innere Bereitschaft, sich der Aufarbeitung der Vertreibung zu stellen. Eine große christliche Nation wie Polen weiß, daß sich in der Überwindung von Unrecht befreiende Kraft und abendländischer Geist verbinden. Nicht von ungefähr kam von den polnischen Bischöfen bereits 1965 die Bitte um Vergebung.

Wenn wir von einem gemeinsamen Haus Europa reden, dann ist immer ein Europa der Nationen und Regionen gemeint. Die Regionen werden in Europa immer wichtiger. Sie gewinnen an Einfluß, an Selbstbewußtsein, an Identität. Regionale Vielfalt, eingebunden in eine europäische Werteordnung, bereichert Europa. Ostpreußen, wie auch Schlesien oder Pommern, sind auf dem Wege, europäische Regionen zu werden. Der Einsatz derer, die hier Heimat hatten, und der Einsatz derer, die heute hier Heimat haben, wird immer mehr zusammenwirken, zum Vorteil Ostpreußens, Pommerns oder Schlesiens. Dieser gemeinsame Einsatz von Heimatvertriebenen, der deutschen Minderheit und der Polen wird diese Regionen voranbringen, wird sie immer mehr öffnen, sie europäisieren.

Die Situation Ostpreußens ist freilich eine besondere. Ostpreußen ist geteilt. Und Sie fragen sich natürlich auch, welche Entwicklung wird der nördliche Teil Ihrer Heimat, das Königsberger Gebiet nehmen. Das Königsberger Gebiet hat ganz besonders unter der Teilung Europas gelitten, war es doch bis 1990 praktisch eine einzige Militärbasis der Sowjetunion. Das Wohlstandsgefälle zum Süden Ostpreußens ist groß, die Arbeits- und Umweltprobleme sind riesengroß. "Die Region ist eine einzige Katastrophe", sagte jüngst nach einem Besuch Elmar Brok, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Europäischen Parlaments. Um so anerkennenswerter ist es, daß BMW den Sprung von München nach Königsberg gewagt hat. Unternehmerische Vernunft, aber sicher auch das ostpreußische Herz, haben Herrn von Kuenheim bei dieser Entscheidung geleitet. Die Situation ist äußerst schwierig und hochsensibel. Doch die Entwicklung des nördlichen Ostpreußens, das über Jahrhunderte hinweg Teil deutscher Geschichte und Kultur war, darf uns nicht unberührt lassen. Die künftige Enklave innerhalb einer erweiterten Europäischen Union braucht Perspektiven.

Diese muß zunächst einmal Rußland selbst entwickeln und definieren. Für den Herbst hat Moskau ein Entwicklungsprogramm angekündigt.

Aber auch die EU – und das kann nur die EU, nicht Deutschland – muß gemeinsam mit Rußland nach Perspektiven für das Königsberger Gebiet suchen. Die Stadt Immanuel Kants darf nicht abgehängt werden von der europäischen Entwicklung.

Königsberg selbst sieht großen Feierlichkeiten entgegen. 2004 wird an den 200. Todestag von Immanuel Kant erinnert. Und ein Jahr später, 2005, an die 750jährige Gründung der Stadt. Beide Daten bieten Anlaß, hier in Deutschland wie in ihrer alten Hauptstadt an die große Geschichte der Stadt wie an einen der bedeutendsten Philosophen Deutschlands zu erinnern. Bereits im vergangenen Jahr richteten sich die Blicke der geschichtsbewußten Menschen nach Königsberg. Vor 300 Jahren, 1701, wurde der brandenburgische Kurfürst zum König gekrönt, zum preußischen.

Ostpreußen gab der werdenden europäischen Großmacht den Namen.

Das Besondere an Preußen war ja, daß es Menschen verschiedener Herkunft und Kulturen über eine Staatsidee zusammengeführt hat. Zu dieser Idee gehörte die Toleranz, die jeden nach seiner Fasson leben ließ. Daneben stand die Pflicht, nach Kräften für das Gemeinwohl beizutragen. Pflichtbewußtsein der Bürger, Unbestechlichkeit der Beamten und Rechtsstaatlichkeit waren die Fundamente eines Staates, der sich das Vertrauen seiner Bürger erwarb. Das sind Tugenden, die jeder Staat braucht, will er intakt bleiben. Ein Mehr dieser Tugenden würde Deutschland durchaus gut tun. Dazu kamen Wissenschaft, Bildung und Kultur. Gymnasial- und Hochschulreform am Beginn des 19. Jahrhunderts haben die Grundlage gelegt für ein deutsches Bildungswesen, das das Staunen der Welt erregte und zum Weltruhm der deutschen Universitäten beigetragen hat. Der Geist Humboldts durchwehte Deutschland. Nobelpreisträger, Erfindungen, Patente förderten Deutschlands Ansehen als hervorragender Wissenschaftsstandort.

Diese Weltgeltung unseres Bildungssystems konnten wir nicht halten. Wir müssen sie angesichts der Ergebnisse der PISA-Studie wieder zurückgewinnen - mit Leistungswillen, mit Anstrengung und mit Reformen.

"es war ein Land....", diese Anfangsworte des schwermütigen, vom Leid der Vertreibung geprägten Gedichts von Agnes Miegel, kennen Sie alle. Ich bin zwar kein Poet, doch ich möchte dem entgegenhalten: "Es ist ein Land...." Die Geschichte Ihrer Heimat lebt weiter. Schlösser kann man in die Luft sprengen, wie in Königsberg oder Berlin, aber die Geschichte radiert man damit nicht aus. Sie lebt weiter in den Zeugnissen und Quellen, die Ihre Vorfahren in jahrhundertelanger wirtschaftlicher und geistiger Tätigkeit hinterlassen haben. Deutsche Geschichte in Ostpreußen ist heute gemeinsame Aufgabe von Deutschen und Polen. Ostpreußische Geschichte lebt in Ihnen.

Und ostpreußische Geschichte lebt auch in Bayern, z.B. in der Sammlung zur Landeskunde Ost- und Westpreußens im Alten Schloß in Schleißheim oder im Deutschordensschloss in Ellingen. Wir in Bayern bekennen uns zum § 96 des Bundesvertriebenengesetzes. Bayern ist sicherlich neben Baden-Württemberg, das Land, in dem die Kulturarbeit der Heimatvertriebenen umfassend gefördert wird. Wir haben die Förderung der ostpreußischen Kultur in Bayern schlagkräftiger gemacht und sie im Deutschordensschloß in Ellingen konzentriert. Ellingen, für das sich die Landsmannschaft Ostpreußen von Anfang an stark gemacht hat, ist der zentrale Ostpreußenstandort in Bayern.

Größtes Projekt des Patenlandes Bayern in der ostpreußischen Heimat ist das Haus Kopernikus für die deutsche Minderheit in Allenstein. Dies ist eine Investition in die Zukunft, in die Zukunft der deutschen Minderheit und in die Zukunft der deutsch-polnischen Verständigung im südlichen Ostpreußen. Mit dem Haus Kopernikus haben die Deutschen in und um Allenstein einen Mittelpunkt erhalten. Es ist eine attraktive Kultur- und Begegnungsstätte entstanden, ein Begegnungsort auch mit der polnischen Bevölkerung. Hier in Allenstein vollzieht sich beispielhaft das, was wir immer als die natürliche Mittlerrolle der deutschen Minderheiten bezeichnet haben. Das Haus Kopernikus ist Teil deutsch-polnischen Zusammenlebens und Zusammenwirkens zum Wohle der Menschen, zum Wohle der Stadt und zum Wohle Ostpreußens. Der Präsident des Bayerischen Landtags, Johann Böhm, war vor drei Wochen in Allenstein. Er hat dort das Haus Kopernikus besucht, Gespräche mit dem Wojwodschaftsmarschall von Allenstein und unmittelbar an der Grenze zwischen dem nördlichen und dem südlichen Ostpreußen Gespräche mit dem Präsidenten der Duma von Königsberg geführt. Dabei wurde vereinbart, daß Kontakte zwischen dem Bayerischen Landtag und der Duma aufgebaut werden.

Die rot-grüne Bundesregierung hat der Kulturarbeit der Vertriebenen in den vergangenen Jahren schwer zugesetzt. Innerhalb von nur drei Jahren wurden die Mittel von 23 Mio. Euro auf 16,5 Mio. Euro gekürzt. Für das Jahr 2003 sind nach dem jetzt vorgelegten Haushaltsentwurf weitere Kürzungen auf rund 15. Mio. Euro vorgesehen. Dies ist ein Schlag gegen die Identität, gegen den geistigen Besitz Ihrer Heimat. Ihre Geschichte und Kultur ist Teil der gesamtdeutschen Geschichte und als solche ist sie Teil unseres nationalen Erbes. Wir haben als Nation die Verpflichtung, dieses Erbe zu bewahren. Der Umgang mit der Vergangenheit ist auch ein Gradmesser für das Ansehen der Kulturnation Deutschland heute. Ich werde die Kürzungen der rot-grünen Bundesregierung im Kulturbereich der Vertriebenen stoppen. Eine von mir geführte Bundesregierung wird die Mittel wieder schrittweise erhöhen.

Es gibt keine friedlicheren Vertriebenen als die deutschen Heimatvertriebenen. Gerade deswegen hat die Charta von 1950 bleibende, historische Qualität. Die Charta ist ein Dokument, das einzig in der Welt dasteht. Die Charta, die unter dem unmittelbaren Eindruck der Vertreibung entstand, spiegelt jene europäischen Werte wieder, auf die es gerade heute ankommt.

Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Frau Erika Steinbach, hat deshalb angeregt, den 5. August, jenen Tag, an dem die Charta in Stuttgart unterzeichnet wurde, zum Gedenktag für die Opfer der Vertreibung zu erheben. Sollte ich am 22. September zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt werden, so werde ich mich bemühen, diese Idee umzusetzen. Ein derartiger Gedenktag würde dazu beitragen, daß Ihr Schicksal in der jüngeren Generation nicht vergessen wird, würde der Erinnerungslosigkeit unserer Gesellschaft begegnen.

Ebenso werde ich als Bundeskanzler auch die Idee des Zentrums gegen Vertreibungen aufgreifen. Ich habe mich von Anfang an zu dieser Idee bekannt. Über Umfang und Mittelausstattung muß freilich noch gesprochen werden.

Ich bin der Auffassung, eine solche Einrichtung gehört in die deutsche Hauptstadt. Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten war ein elementarer, ein tiefer Einschnitt in unsere Geschichte. Dies muß in einer nationalen Erinnerungsstätte dargestellt und für die Nachwelt aufbewahrt werden. Die Integration der Heimatvertriebenen ist gelungen, aber die Aufgaben sind deshalb noch lange nicht erledigt. Sie liegen in der weiteren Nachbarschafts- und Verständigungsarbeit mit den östlichen Nachbarn im europäischen Geist und sie liegen in der Bewahrung und Pflege Ihres Kulturerbes hier in Deutschland über die Erlebnisgeneration hinaus.

Beides, die Aufgabe nach außen wie die Aufgabe nach innen, bedarf einer Politik

-der Vertretung deutscher Interessen,

-der Orientierung an Werten,

-auf der Grundlage eines aufgeklärten Patriotismus und eines positiven Verhältnisses zur deutschen Nation.

Dafür stehe ich als Person, als Ministerpräsident des Patenlandes und ab 22. September, wenn der Wähler es will, als Bundeskanzler unseres Vaterlandes.

Allen Ostpreußen ein herzliches Glückauf!