Zur Perspektive der Sächsischen Union nach Kurt Biedenkopf
(Volker
Schimpff et al.
- Leipzig, Januar 2001)
„Vor
allem aber beeinträchtigt das Parlamentsdefizit die Kreativität des
politischen Entscheidungsprozesses. In Zeiten des Umbruchs ist Politik in
besonderer Weise auch ein Suchprozeß. Neue Fragen müssen gestellt, neue
Antworten gefunden werden. Je drängender die Probleme, um so wichtiger ist es,
daß alle möglichen Antworten diskutiert und gewogen werden. Niemand kann im
voraus angeben, wo der richtige Weg verläuft. Neue und zugleich brauchbare
Ideen sind ein knappes Gut.“
Vor allem aber beeinträchtigt das
Parlamentsdefizit die Kreativität des politischen Entscheidungsprozesses.
Die
Sächsische Union ist Kurt Biedenkopf. So war es 1990, war es 1994 und auch
1999. Zur Wahl stand als einziger akzeptabler Kandidat der Ministerpräsident
Biedenkopf – und mit ihm die CDU. Gewählt wurde die CDU, weil nur mit dieser
Wahlentscheidung Kurt Biedenkopf Ministerpräsident bleibt.
Aber
1999 stand Kurt Biedenkopf erklärtermaßen zum letzten Mal als Ministerpräsident
zur Wahl. 2004 steht die CDU zur Wahl.
2004 kann sich die CDU nicht auf ein
quasimonarchisches Wählerverhalten stützen. Im Gegenteil, ein solches Wählerverhalten
würde im Zeitalter nach Biedenkopf eher eine andere Wahlentscheidung fördern:
Zur Wahl könnte Wolfgang Tiefensee stehen – und mit ihm die SPD.
2004 kann sich die CDU nicht als Partei der ausgefeilten Grundsatzbeschlüsse und Leitanträge präsentieren, die von den Wählern nicht gelesen und selten verstanden werden.
Wahlentscheidend sind klare Positionen zu den wenigen Fragen, die die Menschen tatsächlich bewegen;
wahlentscheidend ist die Erfahrung, daß die CDU daraus ein erfolgreiches politisches Handeln abgeleitet hat und daß man diese Politik nur mit der CDU bekommt
wahlentscheidend ist schließlich das
Vertrauen in die handelnden Personen und die Vertrautheit mit ihnen.
2004
können wir uns nicht nur mit dem guten Vorsatz schmücken, auch ohne die
Autorität und Kreativität des Ministerpräsidenten dessen Politik weiterführen
zu wollen: Die CDU muß dann bereits nachgewiesen haben, daß sie aus eigener
Kraft, mit eigenen Ideen und durch die eigenen Leute politisch handelt.
Dieses
vor 2004 nachzuweisende politische Handeln kann und muß auf vielen Ebenen
erfolgen. Aber Programm, Praxis und Personen sind in dieser Trias nur an einem
Platz gleichzeitig anzutreffen: In der CDU-Fraktion des Sächsischen Landtages.
Genauer: Sie können nur dort, nicht auf den anderen Ebenen angetroffen werden.
Das
„Parlamentsdefizit“ besteht heute nicht wie von Kurt Biedenkopf beschrieben
darin, daß die Parteien das Parlament usurpieren würden. Es besteht darin, daß
seit 1990 die CDU-Fraktion gegenüber dem Willen und Handeln der
Staatsregierung, insbesondere des Ministerpräsidenten, zurückgetreten ist. Das
entsprach dem quasimonarchischen Wählerwillen und diente tatsächlich als
Grundlage für die erfolgreiche Politik dieses Jahrzehnts. Insofern ist das
„Parlamentsdefizit“ demokratisch erzwungen und sachlich zu rechtfertigen
gewesen.
Für
2004 wird dies nicht mehr gelten. 2004 steht nicht mehr Kurt Biedenkopf und mit
ihm die CDU, sondern die CDU und mit ihr ein Spitzenkandidat zur Wahl. Unabhängig
davon, wer dieser Spitzenkandidat sein wird, muß die CDU ihr
„Parlamentsdefizit“ überwunden haben und aus sich selbst mehrheitsfähig
sein.
In Zeiten des Umbruchs ist Politik in besonderer
Weise auch ein Suchprozeß. Neue Fragen müssen gestellt, neue Antworten
gefunden werden.
Die
starke Fokussierung sächsischer CDU-Politik auf die Person des Ministerpräsidenten
führt dazu, daß jede nicht vom Ministerpräsidenten ausgehende Überlegung als
Angriff auf diesen und den kleinen Kreis seiner Vertrauten verstanden und
deshalb blockiert werden kann. In der öffentlichen Wahrnehmung werden solche Überlegungen
dann als „parteipolitische“ Interessen oder persönliche Egoismen
dargestellt und somit als illegitim disqualifiziert.
Deshalb
sei betont, daß die Suche nach der Perspektive der Sächsischen Union 2004 und
darüber hinaus sich nicht gegen einen Ministerpräsidenten,
Fraktionsvorsitzenden oder Spitzenbeamten richtet. Mit der Suche darf eben nicht
erst begonnen werden, wenn der Umbruch bereits begonnen hat. Und diese Suche ist
Aufgabe derjenigen, die in der Zeit nach Kurt Biedenkopf politisch allein
handeln müssen, also der Sächsischen Union und insbesondere ihrer
Landtagsfraktion; Fragen für die Zeit nach Kurt Biedenkopf zu stellen und
Antworten darauf zu finden, kann Kurt Biedenkopf der CDU nicht abnehmen.
Wir
müssen davon ausgehen, daß die CDU nach Kurt Biedenkopf in der Wahrnehmung der
Wähler eine CDU ohne Kurt Biedenkopf sein wird. Es wird keinen der
quasimonarchischen Autorität des Ministerpräsidenten auch nur teilweise
vergleichbaren Altministerpräsidentenbonus der Wähler geben. Biedenkopfs Satz,
Dankbarkeit sei keine politische Kategorie, beschreibt zutreffend das
Normalverhalten der Wähler.
Je drängender die Probleme, um so wichtiger ist
es, daß alle möglichen Antworten diskutiert und gewogen werden.
Die
Sächsische Union steht in der Perspektive auf 2004 vor zwei großen
Herausforderungen, die allein schon aufgrund der verhältnismäßig kurzen Zeiträume
drängende Probleme sind.
Bis
2004 muß die Sächsische Union ein eigenständiges politisches Profil
dergestalt entwickeln, daß der politische Wille zuerst von ihr gebildet und das
politische Handeln von der CDU-Fraktion des Sächsischen Landtages bestimmt
wird.
Das
setzt ein neues Selbstverständnis der Partei und der Landtagsfraktion voraus.
Die
bisherige – etwa in der Auseinandersetzung um den Doppelhaushalt 2001/2002
erkennbare – Praxis, Entscheidungen der Regierung zu begleiten und
gegebenenfalls Nachbesserungen vorzunehmen, reicht nicht mehr aus. Die
politische Initiative muß in einer ganz anderen Größenordnung als bisher von
der Landtagsfraktion ausgehen. Das politische Ziel muß erkennbar sein und die
politische Verantwortung muß bei denen liegen, die die politischen
Entscheidungen vor dem Wähler zu vertreten haben.
Bis
2004 müssen auch die handelnden Personen ein eigenständiges politisches Profil
entwickelt haben. Das gilt besonders für den Spitzenkandidaten. Die Sächsische
Union hat die Pflicht, 2004 mit einem Ministerpräsidenten in die Wahl zu gehen,
dem die Sachsen vertrauen und der den Sachsen vertraut ist. Da dies nicht mehr
Kurt Biedenkopf sein wird, muß seinem Nachfolger jede ausreichende Chance gewährleistet
werden, dieses Profil zu entwickeln.
Aus
gutem Grund wird neuen Amtsinhabern nur eine Schonfrist von 100 Tagen eingeräumt.
Nur drei Monate dürfen dem Einarbeiten dienen, dann muß der neue Ministerpräsident
sich das Vertrauen erarbeiten, daß er am Wahltag 2004 benötigt.
Diese Herausforderung duldet keine Verschiebung. Sie ist, wie Bernhard Vogel in Thüringen gezeigt hat, transparent und für die Öffentlichkeit nachvollziehbar zu bewältigen. Kein möglicher und verantwortbarer Weg zu diesem Ziel darf tabuisiert oder aus dem Abwägungsprozeß verdrängt werden. Keine berechtigte oder unberechtigte Betroffenheit darf die Sächsische Union daran hindern, Strukturen, Funktionen und personelle Zusammensetzung ihrer Gremien auf dieses Ziel auszurichten – als Christdemokraten sind wir unseren Werten mehr verpflichtet als der Selbstzufriedenheit.
Niemand kann im voraus angeben,
wo der richtige Weg verläuft. Neue und zugleich brauchbare Ideen sind ein
knappes Gut.
Die
Gefahr, die Herausforderung zu verschlafen, ist groß. Aber auch die Chance ist
groß, über 2004 hinaus eine gute Politik für dieses unser Land zu gestalten.
Sie
zu nutzen, brauchen wir vor allem Mut –
Mut zu neuen Ideen,
Mut zum eigenen Gestaltungswillen, anstatt nur Bedenken zu tragen
Mut zur politischen Führung, anstatt
darauf zu warten, was Regierung, Verwaltung oder Medien vorgeben.
Wir
brauchen mehr Bereitschaft, unbequem zu sein und auf eigene Bequemlichkeit zu
verzichten.
Wir
brauchen mehr Kommunikation in Fraktion und Partei.
Wir
brauchen die Beteiligung der gesamten Partei an der Kandidatenfindung und die
Unterstützung aller CDU-Mitglieder für den Spitzenkandidaten. Wie das im
Detail aussehen wird, kann niemand im voraus angeben. Aber wie es nicht aussehen
darf, wissen wir.
Die
Sächsische Union braucht jetzt einen neuen Aufbruch.