Joachim Kardinal Meisner
Predigt zur hl. Messe bei der
Deutschen Bischofskonferenz am 25. September 2002 in Fulda
Liebe Mitbrüder,
liebe Schwestern und Brüder!
In den Kölner Eigenmessen gibt es
eine eigene Präfation von den heiligen Bischöfen. Darin heißt es: „Denn du hast
der Kirche (von Köln) das Licht deiner Gnade und Wahrheit geschenkt durch das
Wort und Beispiel heiliger Hirten. Sie haben in Christi Auftrag dein Volk
auferbaut und gefestigt im Glauben, gestärkt in der Liebe und durch diese
Weltzeit in dein ewiges Reich geführt.“ Diese Aufgabe hat - wenn man sich mit
dem Leben dieser heiligen Bischöfe beschäftigt - immer und zu allen Zeiten
einen mutigen Einsatz für den Glauben und eine geduldige Furchtlosigkeit
provoziert.
Wir sind heute durch Gottes Erbarmen
in eine Zeit gestellt, in der die Kirche in unserem Land vor lauter Strukturen,
Statuten, Sekretariaten und Kommissionen zu einer reinen Organisation zu
erstarren droht. Wenn die Struktur stärker ist als das Leben, das von ihr
geschützt werden soll, dann wird sie zur Gefahr, das Leben zu erdrücken und zu
töten, und dann hat man nur noch Knochen, nur noch Gerüst, nur noch Papier in
der Hand. Es wäre schon interessant, etwa einmal eine Pisa-Studie im Hinblick
auf das Glaubenswissen unserer Gläubigen in Auftrag zu geben. Man muß kein Prophet
sein, um vorauszusagen, daß sie wohl noch negativer ausfallen würde. Das ist um
so tragischer, da heute so viele in unseren Gremien und Kommissionen
Verantwortung mittragen und darum auch mitreden und dabei Glaubenswissen
nur noch sehr begrenzt vorhanden
ist. Es ist bekannt, daß richtige Gewissensentscheidungen richtiges Wissen voraussetzen.
Aber es geht nicht nur darum, daß
der vitale Glaube uns abhanden zu kommen scheint, sondern daß an seiner Stelle ein
selbstgezimmerter, ideologischer Glaube Einzug gehalten hat, der nur noch dem
Namen nach katholisch ist. Man wird dieser Kritik aus dem Volke kaum
widersprechen können. Manche unserer Einrichtungen verdunkeln den katholischen Glauben.
Die Apparate sind oft so mächtig geworden, daß wir uns selbst als Bischöfe
häufig hilflos und machtlos
vorkommen und dann gute Miene zum
bösen Spiel machen. In diesen Wust von Apparaten, Strukturen, Zuständigkeiten und
Kompetenzen muß der Gottesgeist hineinfahren wie ein Sturm und alles wegblasen,
was die Stimme der Kirche, was ihr prophetisches Wort relativiert, was die
Leuchtkraft ihrer Botschaft vernebelt.
Der Erzbischof von Oppeln erzählte
mir anläßlich des Papstbesuches in Krakau, daß er z.B. für seine theologische Fakultät,
da sie nun Glied innerhalb einer staatlichen Universität geworden ist, folgende
Praxis festgelegt hat: Die Professoren für seine Priesteramtskandidaten müssen
immer Priester sein; sie müssen immer in geistlicher Kleidung ihre Vorlesungen halten,
mindestens einmal in der Woche müssen sie mit einer Gruppe Studenten die
heilige Messe feiern und immer in ihrem Tun und Lassen die Freude an Gott und
die Liebe zur Kirche vermitteln. Würde Letzteres fehlen, können
sie - trotz bester Fachkenntnisse -
nicht länger akademische Lehrer- und Priestererzieher bleiben.
Der Herr stellt immer wieder die
Frage nach dem Glauben: „Glaubst du das?“ Bei unseren zahlreichen Mitarbeitern
in unseren zahlreichen Institutionen müssen wir auch immer zuerst die Frage
stellen: „Stehst du mit deinem Glauben dahinter, was du als Mitarbeiter in
einer katholischen Institution zu tun hast?“ Ich höre mitunter bei mir zu
Hause, daß man etwa von einer Erzieherin im Kindergarten sagt, ihr Dienst sei
für sie selbst erst ein Weg zum Glauben. Wir müßten Geduld haben, vielleicht
gerät eine solche Erzieherin von Kindern in einen Glaubensprozeß, so daß sie
dann doch noch zum Glauben kommt. Aber was wird dann aus den Kindern, wenn die
Erzieherin nicht zum Glauben kommt? Sind die Kinder nur Mittel zum Zweck, damit
die Erzieherin zum Glauben kommt? Ähnliches höre ich von Katechetinnen beim Erstkommunionunterricht:
Man benutzt den Erstkommunionunterricht als missionarisches Mittel, um die
Katechetin zum Glauben zu bringen. Das kann doch nicht gutgehen! Blinde können
doch nicht Führer von Blinden sein! Unsere Institutionen verdienen nur dann die
Bezeichnung „katholisch“, wenn sie auch von überzeugten katholischen Christen getragen
werden.
Die Urgestalt unseres Glaubens
findet sich nicht schon in unseren Verbänden und unseren Einrichtungen an sich,
sondern in der Begegnung des Menschen mit Christus, dem Sohn des lebendigen
Gottes, der ihnen die Frage stellt:
„Glaubst du das?“ Dieser Vorgang
liegt zunächst vor aller Mitarbeit. Darum haben wir in der Kirche gegenwärtig
wohl keine größere Aufgabe, als Katechese und Predigt. Das einzige Rinnsal der
Weitergabe des Glaubens scheint oft nur noch der schulische Religionsunterricht
zu sein, nachdem das nicht mehr in der Familie geschieht und kaum noch in der
Gemeinde. Wie stellt sich uns der schulische Religionsunterricht dar? Dafür
gibt es in der gegenwärtigen kirchenpolitischen Auseinandersetzung Beispiele,
die nicht sehr froh stimmen. Unsere Gesellschaft ist ja nicht glaubenslos
geworden, wohl aber sind so viele andere Religionsangebote auf den Markt
gekommen. Und es ist tragisch, daß wir in einer so geschwächten Position auf
diesem Markt religiöser Wirklichkeiten mitmischen. Da ist wenig von
Faszination, vom Splendor veritatis, vom Glanz der Wahrheit zu spüren.
Dann wird das Gift des Halbglaubens
und des Falschglaubens die Überzeugungskraft des wahren Glaubens zersetzen.
Der Herr fragt: „Wird ... der
Menschensohn, wenn er kommt, noch Glauben finden?“ (Lk 18,8). Unsere Kirche ist
keine Weltverbesserungsgesellschaft, sondern es ist ihre Sendung, Christus zu
vergegenwärtigen, um das Volk Gottes durch diese Weltzeit in das Reich Gottes
zu führen. Verlieren wir nicht dieses letzte Ziel vor lauter vorletzten Zielen
aus den Augen! Denn das Ziel bestimmt den Weg. Jesus sagt: „Ich bin der Weg“
(Joh 14,6), d.h. er trägt uns, und er führt uns zum Ziel. Das ist die
Faszination des Evangeliums, daß es uns immer das gibt, was es von uns will. Es
überfordert nicht.
Es trägt, und es läßt uns nicht auf
Holzwege und Sackgassen gelangen, sondern hält uns auf dem richtigen Kurs, der
zu unserer Vollendung führt.
Die Gegenwart darf uns schon wegen
der Ewigkeit nicht gleichgültig sein, denn die Gegenwart bestimmt die Gestalt der
Ewigkeit. Unser Leben ist kein unverbindliches Geplänkel, sondern es ist
prägend für die Form meines ewigen Daseins, das sich im persönlichen Gericht
entscheidet. Da heißt es nicht: „Wir kommen alle, alle in den Himmel“, sondern dort
heißt es ganz schlicht: Die dem Worte Jesu gefolgt sind, werden zu seiner
Rechten sein. Und die sich um seine Botschaft nicht gekümmert haben, auf seiner
linken. (vgl. Mt 25,31-46). Das Gerichtsurteil des Herrn spricht das aus, wonach
der Mensch sich selbst ausgerichtet hat. Für die auf der rechten Seite bedeutet
das: „Euer Wille geschehe“, und auch für die, die im Abseits Gottes auf der
linken Seite stehen, gilt: „Euer Wille geschehe“. Der Mensch verdammt sich selbst!
Wenn diese Perspektive nicht mehr in der Verkündigung spürbar wird, dann
verliert die Gegenwart ihren Ernst und ihr Gewicht. Wenn wir jedoch unverkürzt
die Botschaft verkünden, dann hilft das den Menschen, aus der Spaßgesellschaft eine
Bewährungsgesellschaft zu machen, in der man schon jetzt etwas vom Himmel auf
Erden zu spüren bekommt. Das ist unsere Sendung in der Gegenwart für die
Zukunft.
Gebe Gott, daß auch in ferner
Zukunft in den Eigenmessen der deutschen Bistümer gebetet werden kann: „Denn du
hast der Kirche in unserem Land das Licht deiner Gnade und Wahrheit geschenkt
durch das Wort und Beispiel heiliger Hirten. Sie haben in Christi Auftrag dein
Volk auferbaut und gefestigt im Glauben, gestärkt in der Liebe und durch diese Weltzeit
in dein ewiges Reich geführt.“
Amen.
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof
von Köln
E-Mail: presse@erzbistum-koeln.de;
Internet: www.erzbistum-koeln.de