Das
21. Jahrhundert ist eine konservative Herausforderung
Aus einem Diskussionsbeitrag von Volker Schimpff MdL auf der Regionalkonferenz der CDU am 4. März 2000 in Berlin
Daß bei den Wahlen in Schleswig- Holstein letzten Sonntag immerhin noch 35% der Wähler für die CDU gestimmt haben, verdanken wir dem treuen, an die von der CDU vertretenen Werte gebundenen Kern der Wähler. Auf diese unsere Kernwähler müssen wir für die Zukunft der Union setzen, nicht auf die Zugvögel in der Hoffnung, daß sie sich auf die Leimruten der Süßmuth, Geißler usw. setzen. Diese linken Leimruten binden keine Wähler an die CDU! Unsere Kernwähler sind nicht links, sondern sie stehen rechts ...
Die Vorgänge der letzten Monate haben deutlich gemacht: Uns fehlen Inhalte, Orientierungen; das unzerstörbare geistige Wurzelwerk ist uns in den Jahren des parteipolitischen Erfolges knapp geworden! In 50 Jahren Bundesrepublik, 16 Jahren CDU/CSU-FDP-Regierung, 10 Jahren Wiedervereinigung sind zu viele Kompromisse geschlossen worden, die an die Substanz gingen ... Am Ende stand die Lähmung in Bonn - siehe Steuerreform -, stand die Sprachlosigkeit gegenüber der political correctness, stand eine Anpassung an den Zeitgeist. Die Union war gelähmt, wehrlos, ausgehöhlt, als irgendein Anlaß die Krise offenbarte. Dieser Anlaß war die sogenannte Spenden- oder Kontenaffaire. Diese Affaire ist nicht die Krise der Union, sie legt diese Krise nur offen. Aber jede Krise birgt einen neuen Anfang in sich ... Wir können und müssen die Krise als Chance nutzen, wenn sich die Union auf den Kernbestand nicht nur ihrer Mitglieder, sondern auch ihrer Anhänger und Wähler in ganz Deutschland stützt, auf ihren konservativen Kern. Das 21. Jahrhundert braucht ein konservatives Herangehen!
... Wir müssen das bewahren, was der sächsische Ministerpräsident gern die "kleinen Lebenskreise" nennt. Sie bieten die notwendige Bindung für die Menschen, sind die unerläßliche Substanz der Gesellschaft, die eigentliche Grundlage für Freiheit und Verantwortung. Das heißt, daß wir die "kleinen Lebenskreise" verteidigen, die Werte der Familie schützen und die Ehe als von Gesellschaft und Staat privilegierte Form des Zusammenlebens nicht der Beliebigkeit von Lebensformen überantworten dürfen. Was wir derzeit erleben, ist das Gegenteil. Der Mensch ist vermachtet, er ist im Laufe der letzten Jahrzehnte von Staat und Sozialsystemen abhängig gemacht worden und erwartet von ihnen - besonders in den neuen Bundesländern, auch unter unseren Wählern und sogar unseren Mitgliedern -, daß Staat, Sozialmacht, jedenfalls irgendeine Obrigkeit für ihn sorgen ... Durch Fürsorge und Versorgungsmentalität ist der Mensch entmündigt worden. Hier liegt die Aufgabe von uns Christdemokraten im 21. Jahrhundert, sich als die große konservative Kraft der Freiheit und Verantwortung zu erweisen.
Das 21. Jahrhundert ist eine konservative Herausforderung. Von der Union verlangt es den Abschied vom Zeitgeist und das Stützen auf jenen treuen Kern unserer Wähler, der an die von der CDU vertretenen Werte gebunden ist. Er ist die schweigende Mehrheit. Wenn wir in der Union diese Herausforderung nicht annehmen, dann verlieren wir unsere geschichtliche Aufgabe.
Der vorstehende Text wurde von Gerd Sklaar nach Aufzeichnungen von Teilnehmern der Regionalkonferenz rekonstruiert und zuerst in der Rathaus-Info der CDU- Stadtratsfraktion Leipzig 4/2000 veröffentlicht.